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sie ihr Gesicht mit Hilfe dieses Tuches nach Möglichkeit zu verstecken suchte, fand mit Rücksicht auf den Ort, wo es geschah, niemand besonders verwunderlich. Wäre doch jeder am liebsten mit einer Tarnkappe hierher gekommen, die ihn für alle anderen als für August Irnberg unsichtbar machte. Ein allerliebstes gerades Näschen, ein kleiner, kirschroter Mund und ein 'Paar runde, ängstlich blickende Augen gewahrte man allerdings trotz der dichten Umhüllung, Und vermutlich war es nicht zum wenigsten diesem hübschen Gesichten zuznschreiben, daß der Pfandleiher dem jungen Mädchen das zaudernd dargereichte winzige Päckchen mit" einem so verbindlichen Lächeln aus der Hand nahm.
Er trat an das von zwei Gaslampen hell beleuchtete Stehpult und löste die papierne Umhüllung. Ein Etui von rotem Leder kam daraus zum Vorschein, und als er es öffnete, funkelte ihm auf weißseidenem, etwas vergilbtem Kissen eine große, altmodisch geformte Brosche entgegen, die einen aus Brillanten und farbigen Edelsteinen zusammengesetzten Schmetterling darstellte.
August Jmberg, dem so kostbare Gegenstände nur selten als Pfand angeboten wurden, lieh ein paar Sekunden lang die Lichtstrahlen auf den Steinen spielen.
Tann wandte er sich wieder an die Ueberbringerin und fragte: „Gehört das Ihnen, mein Fräulein?"
„Ja", klang es leise zurück. . „Es stammt aus dem Nach^- laß meiner Mutter."
„So? Und wieviel wollen Sie darauf haben?" „Tausend Mark — wenn es sein kann."
„Hm! Das ist eine große Summe, und ich arbeite nicht gern mit solchen Beträgen. Haben Sie denn eine Vorstellung davon, was der Schmuck wert ist?"
„Nein, ich weiß es nicht."
„Und warum müssen es gerade tausend Mark sein?" „Weil ich diese Summe notwendig brauche."
August Jmberg drehte das Etui unschlüssig nach rechts und nack) links. Dann, da er merkte, daß die übrigen Kunden, die an so lange Unterhandlungen bei ihm nicht gewöhnt waren, Zeichen von Ungeduld gaben, sagte er: „Wenn ich Ihnen einen Gefallen damit thue, und wenn Sie sich über Ihre Person gehörig ausweisen können, werde ich das Geschäft vielleicht machen. Aber ich muß die Steine auf ihre Echtheit untersuchen, und dazu habe ich, wie Sie sehen, in diesem Augenblicke kein Zeit. Eine Viertelstunde etwa müssen Sie sich schon noch gedulden. Sie können ja, wenn es Ihnen recht ist, nebenan in meinem Wohnzimmer warten."
Ihres Einverständnisses sicher, schlug er eine Seitenklappe des Tisches empor, um der jungen Unbekannten Durchlaß zu gewähren, und öffnete die neben dem großen Geldschrank befindliche Thür.
„Ah, mein Sohn ist schon zu Haus", meinte er, nach>- dem er einen Blick in den anstoßenden Raum geworfen hatte. „Nun, das macht wohl weiter nichts aus. Sie werden sich ja gegenseitig nicht stören."
Er forderte sie mit einer Handbewegung auf, einzutreten, und sie leistete der Einladung Folge — vielleicht weil ihr wirklich jede andere Gesellschaft wünschenswerter schien, als die der Leute jenseits des Ladentisches, vielleicht aber auch, weil sie in ihrer Verwirrung alles gethan hätte, was man von ihr verlangte.
Tas Wohnzimmer des Pfandleihers verriet von der Wohlhabenheit, die ihm die Nachbarschaft nachsagte, ebensowenig wie sein beinahe dürftig ausgestatetes Kontor. Das waren noch dieselben wohlfeilen, altfränkischen Möbel, die er vor dreißig Jahren bei seiner Verheiratung angeschafft hatte, derselbe geschmacklose Glasschirank mit den schrecklichen, vergoldeten Geburtstagstassen und den plumpen Nippes, für die seine verstorbene Frau eine besondere Vorliebe gehegt hatte. Der fadenscheinige Teppich ließ nur noch an wenig Stellen schwache Spuren des Blumenmusters erkennen, mit dem er dereinst geschmückt gewesen war. Die stockfleckigen Lithographien an den Wänden gehörten zu den traurigsten Erzeugnissen ihre Art, und einzig das bis zur niederen Decke emporreichende, dicht gefüllte Bücherregal stimmte nicht ganz zu dem kleinbürgerlich armseligen Charakter des Gemaches.
Auf dem runden Tische vor diesem Regal brannte eine Studierlampe, die zwar in die entfernteren Ecken des Zimmers nur noch, eine sehr ungewisse Helligkeit zu senden
vermochte, dafür aber den Kopf des bei ihrem Schein emsig schreibenden jungen Mannes desto schärfer beleuchtete. Es war eilt interessanter Kopf mit mächtiger Stirn und edlem, scharf geschnittenem Profil, dessen energische Linien von irgend einer Familienähnlichkeit mit dem gutmütig unbedeutenden Gesicht des Pfandleihers durchaus nichts erkennen ließen. Als die Thür geöffnet wurde, hatte der Arbeitende flüchtig aufgeblickt. Aber die großen, klaren, etwas tiefliegenden Augen hatten sich sogleich wieder auf die vor ihm liegenden Blätter gerichtet, und er war offenbar fest entschlossen, von der Anwesenheit der jungen Dame nicht im mindesten Kenntnis zu nehmen.
Kümmerte er sich doch nicht einmal darum, daß sie an der Wand stehen geblieben war, obwohl August Jmberg ihr einen der verschlissenen Polsterstühle zugeschoben hatte. Und eine nichts weniger als angenehme Ueber- raschnng spiegelte sich in seinen Zügen, da sie nach Verlauf von etwa fünf Minuten plötzlich das Schweigen brach.
„Ich bitte um Entschuldigung, mein Herr, wenn meine Gegenwart Sie belästigt. Aber ich, bin nicht dafür verantwortlich; denn Ihr Herr Vater veranlaßte mich, hier einzutreten."
Sie hatte das keineswegs schüchtern oder demütig gesagt, sondern mit einer frischen und munteren, überaus angenehm klingenden Stimme und mit einem merklichen Anflug von Schelmerei.
Wenn es ihre Absicht gewesen war, dem jungen Manne seine Unhöflichkeit znm Bewußtsein zu bringen, so hatte sie ihren Zweck jedenfalls erreicht; denn er stand ans und sagte etwas verlegen: „Von einer Belästigung ist natürlich keine Rede, mein Fräulein! Ich bitte nur um die Erlaubnis, in meiner Arbeit fortfahren zu dürfen, die ziemlich dringend ist. — Aber wollen Sie nicht gefälligst Platz nehmen? Sie werden mich; doch hoffentlich nicht zwingen wollen, ebenfalls stehen zu bleiben."
„Nein, so grausam bin ich nicht", erwiderte sie heiter, indem sie sich auf den altersschwachen Polsterstuhl niederließ. „Und ich; ersuche Sie dringend, sich nicht stören zu lassen. Ich werde mich so still verhalten, als es mir nur immer möglich ist."
Er hätte ja nun auf diese beruhigende Versicherung hin zu seiner unterbrochenen Beschäftigung zurückkehren können, und er machte auch wirkliche Miene, es zu thun. Aber seine Feder flog nicht mehr so schnell und sicher wie vorhin über das Papier, und nachdem er mit vielen Unterbrechungen ein paar Zeilen geschrieben, starrte er in das Flämmcheu der Lampe mit einer Miene, als dächte er viel weniger über seine Arbeit nach als über die passende Einleitung zu einem weiteren Gespräch mit der jungen Unbekannten, die eine so anmutige Gestalt und eine so Helle, liebliche Stimme hatte.
Und er brauchte nicht lange nachzusinnen, denn trotz ihres feierlichen Versprechens kam sie ihm zuvor.
„Der kleine Herr da drinnen ist doch Ihr Vater, — nicht wahr?"
„Allerdings, mein Fräulein, und Sie erlauben wohl, daß ich! mich Ihnen vorstelle. Ich bin der Referendar Rudolf Jmberg."
„Sehr angenehm! Möchten Sie mir vielleicht einen großen, einen sehr großen Gefallen thun, Herr Referendar?"
„Wenn es nicht über mein Vermögen hinausgeht — gewiß!"
„Ich habe Ihrem Vater einen Schmuck gegeben, auf den er uns taufend Mark leihen soll, die wir — die ich; sehr notwendig brauche. Er sagt auch, daß er es thun will, aber--"
„Nun? Bezweifeln Sie etwa, daß er Wort halten werde?"
„Das weniger. Aber er scheint so streng zu fein —> offen gestanden, ich; fürcbte mich vor ihm, nachdem ich gesehen habe, wie kurz und bestimmt er die Leute abfertigt. Und er sprach davon, daß ich; mich über meine Person gehörig ausweisen müsse."
„Das würde allerdings unerläßlich sein. Die Behörde verlangt es, und er würde sich strafbar machen, wenn er nicht darauf bestände."


