(Nachdruck verboten.)
Geächtet.
Roman von LotharBrenkendorf.
(Fortsetzung.)
Langsam ritt sie den einsamen Weg heimwärts, den sie vor zwei Stunden voll freudigsten Lebensmutes zurückgelegt hatte. Am Saume des Waldes hielt ein Reiter, der allem Anschein nach auf sie gewartet hatte; denn sobald er ihrer ansichtig wurde, kam er in rascher Gangart auf sie zu. Mit unmutigem Erstaunen erkannte Elisabeth ihren Vetter Franz von der Röcknitz.
„Dem Himmel sei Dank, Elisabeth, daß ich Dich lebend und wohlbehalten vor mir sehe!" rief er schon von weitem. „Ich kann Dir nicht schildern, in welcher Angst ich bereits um Dich gewesen".
Keines Menschen Anblick hätte ihr in ihrer gegenwärtigen Stimmung so zuwider sein können, als der 1 einige, und sie bemühte sich durchaus nicht, ihm dies Empfinden zu verbergen.
„Was gibt Dir ein Recht, Dich um mich zu ängstigen?" sagte sie scharf. „Ich bin kein Kind, und Du trägst, so viel ich weiß, nicht die geringste Verantwortung für mein Wohlergehen".
Wie viel Unfreundliches er auch fchpn von ihr erfahren haben mochte, so schroffe Zurückweisung eines gut gemeinten Wortes war ihm doch kaum jemals zu teil geworden. Und mit dem scharfen Blick tätlich gekränkter Leidenschaft las er in dem Ausdruck ihres Gesichts all den tiefen, durch nichts mehr zu besiegenden Abscheu, den sie gegen ihn empfand. In diesem einen Augenblick wurde es ihm mit grausamer Klarheit offenbar, daß er nichts zu hoffen habe, wenn er auch fahre- und jahrzehntelang fortführe, in sklavischer Demut um ihre Gunst zu werben. Und der Funken des Hasses, der trotz aller Leidenschaft schon seit jener Küstriner Unterredung in ihm glimmte, er loderte jäh zur hellen Flamme empor. Nur die lange Gewöhnung an heuchlerische Unterwürfigkeit machte ihn fähig, seinen Grimm vor ihr zu verbergen.
„Du wirst mir nicht verbieten wollen, Elisabeth, was Dn dem geringsten Deiner Knechte gestatten mühtest. Jedermann auf Lasdehnen fürchtet sich- die Umgebung des
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<ö»lr-)ern> nuj foie Augen thun, Wenn nichts dir füll mißglücken. Und wenn dir was mißfällt, Lern' eines zuzudrücken.
Totendorfes zu betreten. Es geht das Gerücht, daß dort in der Nähe der Grenze viel lichtscheues Gesindel, eine ganze Bande von Wegelagerern ihr Unwesen treibe."
„Vielleicht ist jeder dieser Wegelagerer besser als irgend einer von euch ehrlichen Leuten", fuhr Elisabeth, sich vergessend, in leidenschaftlichem Zorne auf, um dann, da sie das eigentümliche, tückische Glitzern in feinem Auge gewahrte, in raschem Bedauern ihrer unklugen Aeußerung hinzuzufügen: „Und das Ganze ist selbstverständlich nur das thörichte Geschwätz von Feiglingen, die am Hellen Tage Gespenster sehen. Ich muß Dich ersuchen, mich damit ebenso zu verschonen wie mit Deiner Fürsorge. Woher wußtest Du denn überhaupt, daß ich hierher geritten war?"
„Ich kenne Deine tollkühne Neigung, allein herumzustreifen, und ich war Dir von weitem gefolgt, um im Notfall zu Deinem Schutze bereit zu sein, bis ich Dich hier am Waldesrande aus dem Gesichte verlor."
„Du nimmst Dir heraus, mir nachzuspüren, während Du unsere Tagelöhner beaufsichtigen solltest? Laß Dir's denn gesagt sein, daß Du keine andere Pflichten zu erfüllen hast, als die Pflichten Deines Verwalterpostens. Und ich wünsche nicht, Dich noch einmal bei ihrer Vernachlässigung zu treffen."
Sie ließ ihrem Braunen die Zügel und sprengte davon, ohne sich weiter um den Zurückbleibenden zu kümmern. Die Lippen des so schimpflich! Gedemütigten bebten, während er ihr nachschaute. Er drückte seinem Pferde die Sporen in die Weichen, daß es vor Schmerz hoch aufsetzte, und stieß zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor: „Das ist unerträglich! Aber meine Stunde wird kommen. Und dann wehe Dir, hochmütiges Weib!"
Während des ganzen übrigen Tages blieb Elisabeth allein in ihrem Zimmer, indem sie den beiden Damen von Menzelius gegenüber ein leichtes Unwohlsein vorschützte. Selbst Charlotte erhielt trotz allen Bittens zum ersten Male keinen Einlaß bei der Freundin, und die junge Gutsherrin wurde erst in später Abendstunde wieder sichtbar, als man ihr meldete, daß ein Bauer aus„ dem nächsten Dorfe sie in dringenden Angelegenheiten persönlich zn sprechen wünsche. Der Mann, der sie ehrerbietig begrüßte, war zwar ganz wie ein Bauer gekleidet; aber Elisabeth erkannte in ihm doch auf den ersten Blick den Hnsaren, der sie am Vormittag bei dem Frühstück im Biwak des Major Sixtus bedient hatte.
Auch er konnte nicht im Zweifel sein, daß er die schöne Reiterin vor sich habe, doch verriet er sich: weder dnrch ein Wort noch durch eine Miene. Stumm überreichte er den mitgebrachten Brief, ein zusammengefaltetes nnd mit dem Abdruck eines Siegelringes verschlofsenes Stück groben.


