Ausgabe 
22.9.1900
 
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acht' ich mit Bangen an den Morgen, Hat mich das Wort zum Mut gerafft: Du siehst deS künft'gen Tages Sorgen, Doch nicht des künft'gen Tages Kraft.

Julius Lohmeyer.

(Nachdruck verboten.)

Geächtet.

Roman von LotharBrenkendorf.

(Fortsetzung.)

Neunzehntes Kapitel.

Was war das? Klang es nicht wie ein Schlag und ein Fall?" fragte Sixtus von Plothow, lauschend das Gesicht erhebend, dessen Lippen noch soeben auf denen Elisabeths geruht hatten.Man sollte doch einmal nach­sehen, wie es mit diesem Unglücklichen da drinnen steht."

Aber Elisabeth schüttelte den Kopf und drückte ihm hastig seinen vom Boden aufgehobenen Hut tief in die Stirn.

Denke jetzt an nichts anderes, Geliebter, als an Deine Rettung, die Zeit drängt, und jede Minute des Zögerns bringt uns vielleicht Verderben. Charlotte er­wartet Dich an der Stiege. Sie hat versprochen, mir Nachricht zu bringen, sobald Deine Flucht gelungen ist. Eile, mein Freund, und bei allem, was Du unternimmst, denke daran, daß hier ein Wesen lebt, dem Du Dich erhalten mußt, und daß Dein Tod unfehlbar auch der meine ist."

Sprich nicht fo, Elisabeth ! Du weißt, die Bestimm­ung über mein Schicksal liegt nicht mehr in meiner eigenen Hand. Wenn ich das äußerste nicht mehr abwenden kann willst Du mir dann meine letzte Stunde doppelt schwer Machen durch die Erinnerung an solche Worte?"

Sie umschlang ihn noch einmal stürmisch und preßte ihren Mund heiß auf den seinen.

Nein, nein, es kann ja nicht sein. Noch will ich nicht verzweifeln, noch will ich den Glauben nicht aufgeben an unser Glück. Geh denn, geh! Und ohne Abschied, ohne Lebewohl! Was sollte mich denn auch aufrecht erhalten in dieser Not, wenn nicht die Zuversicht, daß wir uns Wiedersehen!"

Er drückte sie an sich, warf noch einen letzten, langen Blick auf seinen getreuen Kriegskameraden, dem er bei dieser Trennung auf immerdar nicht einmal mit einem herzlichen Wort die Hand drücken durfte, und verließ die

Kammer. Schon nach dem zweiten Schritt auf dem Gange fühlte er, wie eine weiche Mädchenhand sich in die seine stahl, und eine helle, gedämpfte Stimme flüsterte ihm zu:Vertrauen Sie mir, Herr Major, und vor allem, sprechen Sie kein Wort! Ich will einen alten, halbtauben Diener aus Ihnen machen, um Sie vor allen lästigen Fragen zu sichern."

Sixtus beschränkte sich darauf, die schlanken Finger dankbar zu drücken, dann überließ er sich ihrer Führung, die rechte Hand unter dem Mantel am Kolben feiner Doppelpistole.

Der Kürassierleutnant von Kapnist war bei all seiner Sorglosigkeit nicht der Mann, leichtfertig mit dem guten Ruf eines jungen Mädchens umzugehen. Sorgfältig hatte er alle Anordnungen getroffen, um zu verhindern, daß sie auf ihrem Wege nach dem Orte des Stelldicheins von irgend einem seiner Leute angehalten oder auch nur gesehen werden könnte. An der kleinen Mauerpforte aber stand er selbst, in seinen langen Mantel gehüllt, und das Herz voll freudig füßer Erwartung.

Erstaunt blickte er auf, als er statt der einen lieben Gestalt, aus die er sehnsüchtig gehofft hatte, deren zwei durch die nächtliche Dunkelheit daherkommen sah. Er that ihnen ein paar Schritte entgegen.

Da bin ich, Herr Leutnant!" flüsterte Charlotte.Ich danke Ihnen von Herzen, daß Sie meine Bitte erfüllt haben. Aber ich hatte, wie Sie sehen, doch nicht den Mut, mich ganz allein hinauszuwagen. Unser alter treuer Robert mußte meinen Beschützer machen. Er ist der einzige, von dem ich sicher bin, daß er lieber sterben würde, ehe er mich verriete. Ich darf das in seiner Gegenwart sagen; denn bei seiner Taubheit versteht er ja doch keine Silbe."

Nach dieser Vorstellung war Herr von Kapnist über die Person ihres Begleiters in der That völlig beruhigt. Es machte ihn sehr glücklich, daß Charlotte mit einer Vertraulichkeit, die sie ihm bisher niemals gezeigt hatte, ihren Arm in den seinen legte, und er achtete in seiner freudigen Erregung kaum noch darauf, ob der Diener ihnen folgte oder nicht. Durch die unverschlossene Pforte trat er mit seiner Begleiterin auf das freie Feld hinaus und ließ ficEii willig ein paar Dutzend Schritte von ihr fort­ziehen, halb hoffnungsvoll, halb beklommen der Aufklärung über den Zweck dieses immerhin seltsamen nächtlichen Rendezvous harrend.

Und nach Verlauf einiger Minuten wurde sie ihm wirklich in Gestalt einer gewaltigen Ueberraschung zu teil. Denn Charlotte blieb plötzlich stehen und sagte nach, einem tiefen Atemzuge:Das Versprechen, das ich vor zwei Tagen von Ihnen verlangte, und dessen Gewährung Ihnen