Nachdruck verboten.
Das Wegekind.
Roman von ElsbetH Meyer-Förster.
(Fortsetzung.)
Johannes weicher, seidener Scheitel glänzte dicht vor seinem Blick.
Er beugte sich ein wenig vor und drückte seine Lippen darauf.
Aber mit diesem ersten Kuß durchströmte ihn eine Flut von Wärme. Jetzt fand er ihre Lippen.
Und die Tante, die droben in ihrem verriegelten Jungfrauengemach an schweren Träumen litt, hatte nicht Unrecht, wenn sie zur selben Zeit mit dem Aufschrei: „Ein Dieb!" aus ihren Kissen flog.
Aber nicht zu ihr war der Dieb gekoinmen. Unten im Keller hatte er diesen einzigen, diesen kostbarsten Schatz des alten Hauses geraubt.
„Herr Neumann, der Vizewirt, kommt nach Haus!" flüsterte Johanne unter Pauls seligen Küssen hervor.
Er gab sie sanft aus seinen Armen frei und schaute sie an.
„Wie schön Du bist, Johanne!" sagte er.
Ihre Wangen waren rot. In ihren Augen lag ein seliger, beglückter Glanz.
„Und Du!" sagte sie bewundernd.
Ja, es war nicht mehr derselbe, trübe Paul. Mit unendlicher Zärtlichkeit betrachtete sie sein Gesicht.
Das Knarren eines Schlüssels am Hofthor unterbrach die Stille.
„Ich wußte es", flüsterte Johanne. „Ich hörte ihn schon die Straße heraufkommen. schließt die Hausthür hinter sich ab. Sie müssen gehen, Herr Paul.
„Wer?" fragte er, indem er sie noch einmal an sich zog.
„Du!" entgegnete sie. Eine Welt von Glück lag in dem Wort. —
Dann war Johanne allein.
Sie setzte sich auf den Block, auf den Paul sich niedergelassen und ihr zugeschaut hatte.
Ihr Sinn war wirr vor Glück.
Und sie konnte noch nichts fassen.
a 1900. - Nr. 38. t
WM nei
as, Hammer oder Ambos sein?
Mein guter Ambos stemm dich ein: Stehst du nur sest beim Hammerschwingen, Wird früher er als du zerspringen.
Ferd. Avenarius.
Nur das eine wußte sie, daß sie das dem Geliebten gegebene Versprechen brechen und die angefangene Wäsche trotz allem zu Ende bringen würde.
Sie hatte ihm schwören müssen, zu Bett zu gehen, und die Sorge um die Wäsche, sowie die Sorge um das ganze bevorstehende „Morgen" ihm zu überlassen, seinem Einschreiten. — Aber mit der Skrupellosigkeit und der Leichtigkeit eines Kindes, für das ein Schwur keine andere Bedeutung hat, als den bittenden Teil für den Augenblick zu beruhigen, eilte sie über dies von Paul so feierlich behandelte Versprechen hinweg. — Es war ja zum letzten Male, daß sie im Hause der Tante ihre Pflicht that!
Morgen würden sie sie holen — als kleine Braut!
Und bis zum Tage ihrer Hochzeit würde sie bereits bei ihnen leben — bei diesen guten Menschen, die ihr dankbares Herz jetzt mit anbetender Liebe umschloß.
Und dann würde Paul sie küssen wie heute abend, auf den Mund, auf die Stirn, auf die rotgewaschenen Hände! — 1
Zum letzten Male würde sie heute waschen!
Und glänzend, schneeweiß sollte es werden. —
Als der Morgen kam, war es Johanne, als zwitscherten draußen im Hof die Vögel.
Sie öffnete das kleine Fenster und horchte entzückt hinaus! — "--v*"''
Wie schön die Spatzen sangen! Wie laut und hell und melodisch schrie in der Ferne ihr Freund, der Hahn.
Alles war schön und melodisch an diesem Morgen, der stille, kleine, graue Hof, in dem Herrn Neumanns Hosen zum Ausklopfen auf der Leine hingen, war voll phantastischen Lebens, überall sah Johanne etwas blühen, etwas glänzen und schimmern.--
Die Wäsche blähte sich auf zu einem seifenschaumbedeckten Berge, und Johanne versenkte wieder und wieder ihre Arme hinein.
Jetzt hörte sie es fünf schlagen von der alten Schiffsuhr, die droben im Handarbeitszimmer hing.
Wie müde sie war, wie matt im Kreuz, und wie ihr Herz vor Seligkeit bis in alle Himmel schlug.
An den Kuppen ihrer Finger hatten sich rote Striemen gebildet, und sie hob die Hände gegen das helle Tageslicht und beobachtete den matten, rosigen Schimmer, der durch die feucht aufgeriebene Haut leuchtete, die runzlig geworden war vom Waschen, wie ein welkes Rosenblatt.
In den Hof war der Müllkutscher eingetreten, stieß mit der eisernen Stake an die gefüllte Abfallkiste und wünschte der einsamen Wäscherin „Guten Morgen".
Johanne sah ihm nach, wie er davonging, Sonnenstäubchen tanzten vor ihren Augen, sie sah nicht den Müllkutscher, sie hörte nur tausend, tausend fröhliche „Guten Morgen!"
Und noch immer sangen die Spatzen.


