Ausgabe 
13.1.1900
 
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Öhr und Herz gefunden haben, als das meinige, weil er so lange ausblieb!

IX.

In Banden.

Früh am nächsten Morgen wurden die Vorbereitungen zur Abreise begonnen. Howell suchte Robert auf dem Felde auf, um sich mit ihm wegen seiner Sachen zu besprechen, und Robert war gern bereit, ihn am Nachmittag an den Landungsplatz des Dampfboots zu fahren. Als Howell sich entfernte, sah ihm Robert nach und bemerkte, daß der alte Herr, anstatt nach Hause zurückzukehren, sich bei einer Baum­gruppe niedergelegt und sein Gesicht mit den Händen bedeckt hatte.

Es ist eine Schraube los bei dem Alten, murmelte er. Sein Benehmen ist zu sonderbar. Da sitzt er und grämt sich unter diesem Baum, während er doch nur noch wenige Stunden bei seiner Familie zuzubringen hat.

Noch viel schwärzere Gedanken waren es, welche Howell verfolgten, während er an Roberts Seite bleich und schweigend zum Dampfboot fuhr. Er dachte an den schweren Kamps mit Not und Entbehrung, der ihm und seiner Familie bevor­stand, und noch größer war seine Angst bei der Erkenntnis seines wirklichen Zustandes.

Wird es mir gelingen, die Kette zu brechen? fragte er sich zweifelnd. Die hungrige Gier nach Moiphium war seit Wochen immer stärker geworden, und immer häufiger griff er in seiner Verzweiflung nach diesem trügerischen Mittel. Er hatte das Farmerhaus mit dem Entschluß verlassen, das Gift nicht wieder anzürühren.

Robert fuhr vor dem großen Hotel vor und sagte: Entschuldigen Sie, Herr Howell, ich habe eine kleine Be­sorgung hier, die mich aber nicht lange aufhalten wird."

Nachdem er sein Geschäft besorgt hatte, stand er vor der Thüre des Speisesaals und beobachtete einen jungen Mann, welcher langsam auf ihn zukam. Der Fremde war fast so hoch gewachsen als Robert, aber viel schmächtiger. Sein Wesen zeigte Müdigkeit und Schwäche und seinem Gang sehlte Festigkeit. Seine Augen waren trüb und apathisch. Plötzlich, als er Howell erblickte, schien er ihn zu erkennen. Er zögerte einen Augenblick und schritt dann hastig auf Howell zu, sobald aber der alte Herr ihn erkannte, wandte er sich hochmütig zur Seite. Der junge Mann errötete tief, blieb einen Augenblick unschlüssig stehen und wandte sich dann mit einem raschen Blick nach Robert um, und ver­schwand. Ehe Robert den Wagen bestiegen hatte, kam der Eigentümer des Hotels heraus und rief ihn zurück, weil etwas vergeffen worden war.

Diese Unterbrechung war geheimnisvoll für Howells gute Entschlüsse. Arnold Vinton, welcher die Zuneigung seiner Tochter gewonnen, aber dem Anschein nach nicht die Kraft hatte, auch im Mißgeschick treu zu bleiben, konnte er nur mit Abscheu ansehen, und der Geoanke an den Reichtum und Luxus, in dem der junge Mann lebte, während Howell für seine Familie und seine schöne Tochter eine billige Miet­wohnung suchen mußte, brachte ihn dem Wahnsinn nahe. Er trat rasch in ein kleines Nebengebäude, nahm seine Morphium­spritze heraus, und im nächsten Augenblick strömte das Gift durch sein ganzes Nervensystem. Noch ehe Robert wieder erschien, hatte Howell den Wagen wieder bestiegen. Jetzt aber strahlten seine bisher trüben Augen in hellem Glanz und seine Zunge wurde gesprächig.

»Haben Sie den jungen Mann gesehen, mit dem ich nicht reden wollte?^ fragte er.

Ja, erwiderte Robert."

Das ist ein erbärmlicher Mensch. Er war einer unserer Freunde aus ter guten Zeit, welcher verschwunden ist, sobald der Himmel sich bewölkte. Jetzt treibt er sich hier in dem teuren Hotel herum, aber die Zeit wird kommen, wo wir ihm aupeis ge^e, über stehen. Ich habe Pläne, geschäftliche Aussichten Und nun f chr er fort, seine Pläne in so unsinniger, übertriebener Weise zu entwickeln, daß Robert

ihn in stummem, starren Erstaunen ansah und an seinem Verstand zweifelte. Er konnte sich die plötzliche Veränderung in dem alten Herrn nicht erklären, er hatte nicht getrunken, denn an seinem Atem war nichts zu merken, aber sein Gesicht war gerötet und er schien sich in einer seltsamen Aufregung zu befinden, die ihn veranlaßte, seine wirren Pläne in einer Weise auszusprechen, wie sie kein vernünftiger Mann, am allerwenigsten einem Fremden gegenüber, äußert. Als sie den Landungsplatz erreichten, stand die Sonne schon tief im Westen, und Howell war wieder stiller und träumerischer ge­worden. Vor der Abfahrt ging Robert nochmals auf das Verdeck, um zu sehen, wie sich der alte Herr befinde. Howell erwachte aus träumerischem Nachdenken, als Robert ihn anredete.

Bitte, bestellen Sie meiner Familie, sagte er, daß sie mich gesund und wohl verlassen haben, und nach einer ruhigen, etwas förmlichen Verbeugung versank er wieder in seinen träumerischen Zustand."

Als der Dampfer abgefahren war, ging Robert nach dem Hotel zurück. Selbst inmitten seines Morphiumrausches hatte der Vater zu viel Zartgefühl beseffen, um Mildreds Namen ober Vintons Absichten zu erwähnen. Aber der scharfsinnige Bursche hatte den Eindruck, daß der elegante, junge Fremde in früheren, besseren Tagen ein begünstigter Verehrer gewesen sei, und darum erwachte der lebhafte Wunsch in ihm, den Mann zu sehen und zu beobachten, welcher, wie er vermutete, Mildreds Beifall gefunden hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Vom Monat Januar.

Januar 1900

Jetzt sind sie wieder da die schönen Abende der Winter­festlichkeiten in denen das Licht der Kronleuchter auf kunst­voll gedeckte und mit der Küche Feinheiten besetzte Tafeln und auf fröhliche Menschen herniederstrahlt. Für die kuli­narischen Bedürfnisse dieser Gesellschaften liefert der offene Markt wohl nur den geringsten Teil, es strömt dazu wohl mehr aus dem reichen Füllhorn der Delikateßläden, die fast täglich Neuheiten bieten. Durch die Eisenbahn, die bereits die dunkelsten Erdteile durchbraust und durch unsere Handelsschiffe werden uns von Jahr zu Jahr neue Früchte, Gemüse und andere Produkte aller Erdteile und Zonen zu­geführt.

Auf den offenen Marktplätzen hat sich nun die winterliche Ruhe und Gleichmäßigkeit eingerichtet. Die an­haltende Kälte hat dem Gemüsehandel außerordentlich ge­schadet. Präserven und Konserven gewinnen täglich an Wichtigkeit, da von frischen Gemüsen meist nur Keller­vorräte dargeboten werden, sogar Grün- und Braunkohl schon knapp wird und Wirsing oder Welschkohl sehr mäßig ist. Wurzelgemüse wird durch Erdrüben vertreten, die in guter Zubereitung mit Hammel- oder Pökelfleisch, auch Pökelgans, eine recht annehmbare Speise sind. Zwiebeln werden merklich teurer.

Je eintöniger das Bild des Marktes wird, um so reicher entfaltet sich die Gemüse- und Fruchtpracht in den Delikateßläden. Da sieht man französische Bohnen, englische Treibgurken, Bleichsellerie, Treibspargel, jungen Treib­salat, frische Tomaten, Artischocken, und Cardy oder Car­done. Dieselbe ist bekanntlich eine Kulturform der Arti­schockendistel und liefert eßbare fleischige Blattstiele, die sorgfältig in Stroh gebleicht werden. Sie wird in größerem Umfange in Spanien und Frankreich kultiviert. In der feinen Küche findet sie gleiche Verwendung wie die Arti­schocke mit dem Unterschied, daß von der Artischocke der fleischige Fruchtboden der Blütenköpfe genossen wird, während von Cardy die Blattstiele verwendet werden. Gut zubereitet ist sie nicht blos, von der äußeren Erscheinung abgesehen, der Artischocke vollkommen ebenbürtig, sondern verdient wegen ihres kräftigen Geschmackes als Gemüse so­gar den Vorzug. Cardy mit Brühe oder Knochenmark ist das non plus ultra der Gemüse, daß nur leider nicht jedem ans den Tisch kommt. Die gelblich weiß gebleichten Blatt-