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Richtungen wurden sofort Anstaltsbeamte ausgesandt, um die Flüchtige zu suchen. Aber sie hatte einen bedeutenden Vorsprung, und rings um St. Rochus breiteten sich dichte Wälder aus, welche die Verfolgung sehr erschwerten. Einige der ausgesandten Boten kehrten am Abend zurück, ohne eine Spur entdeckt zu haben, andere ebenso am nächsten Tage. Noch befanden sich einige der zuverlässigsten und erprobtesten Leute unterwegs, während der dritte Tag ergebnislos verging.
Doktor Gerth verbrachte die Zeit in einer Gemütsstimmung, die um so verzweiselter war, als er für die Flüchtige nicht das geringstethun konnte. Er mußte am Tage seinem Dienst nachgehen, feine vollkommene äußere Ruhe bewahren und sich zustimmend Verhalten, wenn seine Kollegen den Fall als ein für Staatsanstalt wie St. Rochus höchst Unangenehmes Ereignis erörterten. Oft trat er in Konstanzes Zelle, aus welcher die ihm so teure Gestalt entschwunden war, und faltete die Hände, um sie inbrünstig Gottes Schutze zu empfehlen. In furchtbarer Seelenangst verbrachte er die Nächte, wo ihm die Gefahren, denen das schwache, schutzlose Mädchen ausgesetzt war, in um so schrecklicherer Gestalt erschienen.
Er fühlte, er wußte es: ihre Flucht war ein Opfer, welches sie ihm brachte. Sie hatte es gewagt, auf Tod und Leben, die einzige Möglichkeit, ihm anzugehören, zu ergreifen. Er sollte frei sein von jeder Mitschuld, von jeder Verantwortlichkeit, sie wollte die Folgen des etwaigen Mißlingens auf sich allein nehmen. Er erkannte diese Absicht und erblickte darin den höchsten Beweis ihrer Liebe, den sie ihm hätte Igeben können. Er konnte nichts thun, nichts, als den Ausgang des kühnen Unternehmens aözu- warten. Jedes Läuten der Glocke draußen durchzuckte ihn wie ein Dolchstoß: ob man sie brachte, die Geliebte, lebendig, um nun unter verschärfter Bewachung ein Jammerleben weiterzufristen, oder tot, jum auf dem kleinen Fried- Hofe in die Erde (gebettet zu werden? Auch in der Nacht lauschte er mit pochendem Herzen, und oft gaukelten ihm seine überreizten Nerven den Ton der Glocke ins Ohr, und er sprang von seinem Lager auf und horchte mit angehaltenem Atem in die dunkle Nacht hinab, ob sich Tritte oder Stimmen vernehmen ließen.
Eines wußte er ganz genau: war sie an sicherem Orte geborgen, so würde sie ihm schreiben, wo sie ihn erwartete, um an seiner Seite die Flucht in die weite Welt fortzusetzen und sein Weibzu werden. . . .
Es war morgens neun Uhr. Im Wohnzimmer des Herrn Titus Allram wirtschaftete eine alte Frau umher, welche sein kleines Hauswesen besorgte, während ein Sprudeln, Wasserglucksen und Gurgeln, welches aus der halboffenen Thür des Schlafzimmers hervordrang, verriet, daß Allram eben noch mit seiner Toilette beschäftigt war.
„Da werden Sie diesmal wohl lange ausbleiben?" unterhielt sich die Alte mit ihrem Herrn, in ihrer Beschäftigung fortfahrend, und rückte einen großen schweren Reisekorb zur Seite, der ihr beim Fegen des Zimmer im Wege stand.
„Sehr wahrscheinlich", klang die Antwort heraus. „Es kann Monate dauern."
„Geht die Reise weit?"
„Oh, sehr weit, Frau Schubert; in ein Land, wo Menschen, Tiere, Bäume, Häuser ganz anders aussehen, als hier bei uns".
„Potztausend! wo Sie doch überall in der Welt herumkommen!" rief die Frau.
„Vergessen Sie nicht, Frau Schubert, mir auf morgen früh vier Uhr die Droschke zu bestellen".
„Versteht sich, —. wenn nicht wieder etwas dazwischen kommt", lachte die Alte.
„Ich wüßte nicht was!"
„Na, na!" rief Frau Schubert, „wie oft hab' ich's schon erlebt, daß Sie plötzlich Ihre Reisepläne änderten, — da kam ein Besuch oder auch nur ein Brief — und flugs wurde der große Reisekorb wieder ausgepackt und Herr Allram begnügte sich mit dem kleinen Handköfferchen oder umgekehrt, oder er verreiste auch gar nicht".
„Hatschi! Pfui Teufel!"
„Zur Genesung! Sehen Sie, Herr Allram, Sie haben's bemeßt". ,
„Ei was, gilt nicht! Es war mir nur Seife in hie gekommen".
An der Thür des Wohnzimmers klopfte es.
Frau Schubert patschte die Thür zum Schlafkabinett zu und rief: „Herein!"
Dieselbe Fremde trat ein, welche schon einmal wegen der Wiedererlangung eines Rubinschmucks, den ihr entwichener Gemahl mit sich genommen hatte, mit dem Detektiv konferierte und die wir aus ihrer kleinen Reise nach der Sägemühle an dem großen Strome begleiteten.
Frau Schubert begab sich ins Schlafzimmer ihres Herrn.
„Herr Allram", sagte sie, „die Dame ist wieder da, wissen Sie, von der ich Ihnen sagte, sie hätte Sie schon ein paarmal sprechen wollen, während Sie verreist waren".
„Ich stehe gleich zu Diensten", antwortete Allram, worauf die Alte ins Zimmer zurückkehrte und der Besucherin den Stuhl vor dem großen runden Tische anwies, welcher in hergebrachter Weise füir die Klienten des Detektivs bestimmt war.
Obwohl die Dame nur wenige Sekunden allein geblieben war, so hatte sie doch, diese kurze Zeit benutzt, ihre spähenden Blicke durch das ganze Zimmer zu senden, als wäre sie neugierig, ob sich alles noch am früheren Orte befand. Kein Gegenstand entging ihrem raschen Auge, am wenigsten ihr alter Bekannter, der Revolver; ihr besonderes Interesse aber schien der große Reisekord zu erregen. Gar zu gern hätte sie sich erkundigt, ob der Detektiv eine größere Reise vorhabe und wohin diese gehe, aber sie hatte bereits ihre Erfahrungen mit der Alten gemacht, denn Frau Schubert wußte, wessen Brot sie aß, und wich jeder Frage aus, die nach einer Ausforschung klang, indem sie sich schwerhörig stellte und verkehrte Antworten gab.
Allram beeilte sich, seine Toilette zu beenden. Er trat ein und begrüßte seine Besucherin, woraus Frau Schubert mit ein paar Fußteppichen unter dem Arme und einem Ausklopfer diskret verschwand.
„Ich bedauere, daß Sie sich wiederholt vergebens zu mir bemüht haben", sagte Allram, seinen gewohnten Platz einnehmend.
„Sie machten mir Hoffnung", entgegnete die Dame, „mir Ihre Dienste in meiner Angelegenheit zu leihen, welcher Sie sich vielleicht noch erinnern".
„Ganz genau", versetzte der Detektiv. „Ihren Gatten ausfindig zu machen, dürfte jedoch ohne die Hilfe des Staatsanwalts schwer sein. Dieser kann einen Steckbrief erlassen, was mir nicht zu Gebote steht. Ueberdies habe ich nur einen einzigen Tag Zeit übrig", setzte er hinzu und deutete auf den Reisekorb.
„Ein Tag würde vollständig genügen", sagte die Dame.
Allram blickte sie verwundert an. „Entweder habe ich Sie salsch verstanden", versetzte er, „oder Sie stellen sich die Sache sehr leicht vor".
„Durchaus nicht; denn ich kenne den Aufenthalt meines Gatten. Ein wunderbarer Zufall ist mir zu Hilfe gekommen. Wollen Sie mich anhören?"
„Sehr gern; ich bin sogar ein wenig darauf gespannt". Sie erzählte nun, ohne jedoch die Gegend näher zu bezeichnen, wie sie sich unlängst über einen Fluß setzen ließ; wie unter den Leuten, die sich; mit im Fährboote befanden, die Rede auf einen Mann kam, der auf einem dicht am Strome gelegenen Pachtgute in einem Gartenhause verborgen gehalten werde, und wie der Fährmann in der Betrunkenheit ausplauderte, daß der Geheimnisvolle des Nachts im Garten spazieren gehe und ihn mit einem Botengänge nach der nahen Stadt betraut habe.
„Haben Sie einen Anhalt", frug der Detektiv zweifelnd, „daß Ihr Gatte so ergebene Freunde oder Verwandte besitzt, die ihm den nicht ungefährlichen Dienst erweisen würden, ihn zu verbergen? Welche Sicherheit haben Sie überhaupt, daß dieser tagesscheue Mann Ihr Gatte ist?"
Allrams Besucherin lächelte, wobei der schlaue Zug um ihren Mund ganz unverhohlen zum Ausdruck kam. .
„Mit seinen Freunden oder Verwandtschaften bin ich nicht bekannt", entgegnete sie; „der Fährmann aber, der ihn gesehen und mit ihm gesprochen hat, erzählte, der Mann hinke und habe einen auffallenden Sprachfehler: er könne nämliche das S nicht ausfprechen. Das sind untrügliche Kennzeichen, die genau auf meinen Gatten passen".


