Ausgabe 
10.2.1900
 
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'MMÄ

'er Schuld und Thränen mild vcrgiedk, Und Thränen hat bei Menschenklagen, Nur wer die Menschen herzlich liebt. Sollt' über sie zu lachen wagen.

Julius Lohmcyer.

Nachdruck verboten.

Heimatlos.

Roman von E. P. Roe.

(Fortsetzung.)

XXX.

Bergab.

Robert ging in ein kleines Hotel und nahm ein Zim­mer, in dem er die Nacht schlaflos zubrachte. Nachdem der Zorn verflogen war, erkannte er bald die Schwierig­keiten seiner Lage, als er am andern Tag eine Stellung suchte. Mißtrauisch fragte man ihn, warum er seinen Onkel verlassen habe. Die Gründe aber waren so delikater Natur, daß er sie nicht in fremden Geschäften auskramen konnte.

Anfangs war er sehr niedergeschlagen und klagte, er habe kein Glück. Dann sagte ihm auch eine innere Stimme, er habe seinem Onkel zu schroff geantwortet, welcher doch nichts anders beabsichtigte, als ihm auf seine prosaische Weise zu helfen. Doch Robert hatte seinen reichlichen Anteil von Atwordschem Stolz und Hartnäckigkeit und kam zu dem Schluß, der Mann, der ihn einen Narren genannt hatte, weil er seinem Gefühl für Ehre und Pflicht treu geblieben war, müsse sich entschuldigen, ehe von Versöhnung die Rede sein könne.

O, Mildred, rief Fran Howell, als sie gegen Abend mit den Kindern ein trat, ich habe Dir so viel zu sagen. Das Unheil verfolgt uns, und wir bringen auch anderen Unheil! Du weißt, Frau Willow arbeitet bei Roberts Tante, Frau Atword. Diesen Morgen sprach sie schrecklich über uns. Sie sagte zu Frau Willow, wir hätten ihren Reffen bethört. Ihr Mann hätte Robert eine glänzende Erziehung geben lassen wollen und ihn zu seinem Erben gemacht unter der Bedingung, daß er nichts mehr mit Leuten, wie wir, zu thun habe. Robert habe dies ver­weigert und nach einem heftigen Streit das Haus ver­lassen. Sein Onkel wolle nichts mehr von ihm wissen. Ach, ich könnte in die Erde sinken vor Scham und Gram! Was sollen wir thun?

Das darf nicht geschehen, ries Mildred entschlossen, er harf nichts aufgeben, er weiß nicht, was er thut.

Es war ein trüber Abend in der kleinen Haushaltung, aber noch Schlimmeres stand ihnen bevor. Howell hatte von Mildreds Erlebnissen im Polizeigericht etwas erfahren, und war tief beschämt darüber, daß man ihn nicht zu Hilfe gerufen und ihm nicht einmal etwas davon gesagt hatte. In seinem Zorn und seiner Verzweiflung suchte Zuflucht in der Trunkenheit und kam in höchst aufgeregteni Zustand nach Hause. Ein Mann an der Thüre nannte ihn ein betrunkenes Tier, worauf Howell ihn an der Kehle faßte und ein heftiger Streit erfolgte. Bald war die ganze Einwohnerschaft in Aufruhr. Der Mann zog sich zurück, die Treppe hinauf, und der Betrunkene folgte ihm mit Toben und Fluchen nach. Frauen und Kinder kreischten, die Leute kamen aus den Thüren heraus, manche lachten, andere machten schwache Bemühungen, den Wütenden zu besänftigen.

Plötzlich öffnete.sich eine Thüre, und ein bleiches Gesicht schaute heraus. Ta kam eine schlanke Mädchengestalt und erfaßte Howells Arm. Er blickte sich um und erkannte seine Tochter Mildred, die ihn rasch ins Zimmer zu ziehen suchte.

Laß mich los! rief er, ich muß diesen Hund lehren, einen Offizier zu beleidigen! Weg da, oder ich werfe Dich die Treppe hinab! schrie er. Aber Mildred klammerte sich fest an ihn an, und die Leute kamen jetzt herbei und überwältigten ihn. Bald hatten sie ihn ins Zimmer ge­schoben, und Mildred schloß die Thüre ab. Die Nachbarn entfernten sich, und kümmerten sich wenig um das heftige Poltern und Krachen, das sie darauf in Howells Wohnung vernahmen. Solche Szenen waren ihnen nicht neu.

Laß mich heraus! rief Howell wütend, doch Mildred trat ihm mit fast übermenschlichem Mut entgegen. Nein, rief sie. Er stieß gegen die Thüre, konnte sie aber nicht! öffnen. Frau Howell lag in Ohnmacht, und ehe Mildred sie wieder zur Besinnung bringen konnte, kam Bella nach Hause und fand die Thüre verschlossen. Als sie einge­lassen worden war und die zerbrochenen Teller auf dem Fußboden liegen sah, als sie ihre Mutter in tiefer Ohn­macht erblickte, während die Kleinen bei ihr weinten, stieß einen Schrei der Verzweiflung aus und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

Ich kann es nicht länger ertragen! rief sie. Wir gehen dem Untergang entgegen. 2lch, konnte ich sterben!

Ein dunkles Chaos erhob sich in Bellas verzweifelnder, unerfahrener Seele. Mit einer Natur, welche nach Sonnen­schein und Vergnügen verlangte, fühlte sie sich hoffnungs­los hinabgezogen in Dunkelheit, Schande umd Ärmut. Aber ihre leidenschaftliche Natur lehnte sich dagegen auf. Das arme Kind dachte nicht an das Böse, sie war kaum im stände Gutes oder Böses absichtlich zu thun.

Aber ein junger Mann, der sich ihr früher genähert hatte, suchte sie jetzt immer wieder auf. Er war verschiven-