Ausgabe 
8.12.1900
 
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Zwar war der Entschluß, den sie schon vorhin während ihres Gespräches mit den Eltern gefaßt hatte, ein voll- kominen unerschütterlicher, und sie hätte sich gewiß weder durch eine Bitte noch durch euren Befehl von seiner Aus­führung zurückhalten lassen; aber es war doch besser, wenn sie nicht erst genötigt wurde, mit einem ihrer An­gehörigen darüber zu sprechen, und deshalb öffnete sie auch die Hausthür so behutsam, daß die Glocke kaum Vernehmbar anschlug. Rasch eilte sie die Straße hinab, und mit ungestüm klopfendem Herzen trat sie wenige Minuten später in das Harrs des Stadtrats Sar­torius ein.

Ein Dienstmädchen mit dick verweinten Augen kam ihr entgegen. Es war eine alte häßliche Person, deren sich Margarete schon aus ihrer frühesten Kindheit er­innerte, und die Walther sicherlich, noch als kleinen Knaben auf ihren derbknochigen Armen getragen hatte.

Ach Gott, liebes Fräulein, Sie kommen gewiß wegen unseres jungen Herrn", meinte sie, und ihre Stimme war noch rauher als sonst vorn vielen Schluchzen.Es steht schlecht sehr schlecht! Wenn doch nur Ihr Vater erst wieder da wäre! Man fängt immer wieder an zu hoffen, wenn man den Herrn Doktor blos hereinkommen sieht".

Sie fuhr mit der Schürze über die Augen; Margarete aber nahm ihre ganze Kraft zusammen, uni äußerlich ruhig und gefaßt zu bleiben. '

Ist es möglich, den Kranken zu sehen", fragte sie, wenn auch nur auf wenige Augenblicke?"

Die Magd riß in großer Verwunderung die? Augen auf.Aber Fräulein, wie können Sie nur daran denken! Außer der Herrschaft darf niemand zu ihm hinein. Es soll ja eine so ansteckende Krankheit sein. Nicht einmal mich läßt die Frau Stadträtin über die Schwelle.".

Wenn sich die Stadträtin nicht vor der Ansteckung fürchtet, warum sollte ich es thun? Können Sie mir nicht wenigstens eine Gelegenheit verschaffen, mit Herrn Sar­torius zu sprechen?"

Ja, dazu kann wohl Rat werden. Aber erschrecken Sie nur nicht, wenn Sie ihn sehen. Er hat sich, in den zwei Tagen so verändert, daß man ihn kaum noch erkennen kann. O, mein Gott, daß ich das noch erleben mußte! Unser lieber, junger Herr, der allen Menschen nur Gutes gethan hat"

Ist der Herr Sartorius jetzt bei seinem Sohne?"

Ich höre die Thür gehen, vielleicht kommt er eben heraus. Warten Sie, ich werde gleich nachsehen".

Sie schlich sich bis an die Thür des Nebenzimmers und machte Margarete dann ein Zeichen, einzutreten.

Gehen Sie nur ohne weiteres hinein!" flüsterte sie.

Doktor Ruthardts Tochter leistete der Aufforderung Folge. Sartorius stand mitten im Zimmer mit tief yerab- gesnnkenem Kopfe und schlaff niederhängenden Armen. Sein Gesicht war so spitz und hager, als litte er selber an einer auszehrenden Krankheit; in seinen Augen aber war etwas Teilnahmloses, wie in dem Blick eines Blöd­sinnigen. Er sah Margarete wohl an, aber er erwiderte ihren Gruß nicht, und es dauerte eine geraume Zeit, bis er sie überhaupt zu erkenuen und den Zweck ihres Kommens zu begreifen schien.

Dann strich er sich mit dem Rücken der Hand über die Augen und schüttelte den Kopf.

Zu meinem Sohn nein, es darf niemand zu meinem Sohn. Es ist verboten. Niemand soll bei ihm sein, als seine Mutter und ich."

Ich möchte ja nur aus ganz kurze Zeit hiuein", bat sie dringend,nur auf eine einzige Minute!" Und zaghaft fügte sie hinzu:Glaubeu Sie denn, Herr Stadt­rat, daß mich Walther erkennen würde?"

Warum sollte er Sie nicht erkennen? Er ist bei klarer Besinnung, so klar wie nur je in seinen gesunden Tagen. Nur das Sprechen wird ihm immer schwerer. Ich konnte ihn vorhin gax nicht mehr verstehen, und ich habe mir doch gewiß Mühe gegeben. Sie können sich's wohl denken, daß ich mir Mühe gegeben habe, ihn zu verstehen."

Dabei preßte bet unglückliche Vater die Fäuste an die Schläfen und starrte unverwandt vor sich hin. Noch inniger als zuvor wiederholte Margarete ihre Bitte, nur für wenig? flüchtige Augenblicke bei dem Patienten ein- jreten zu dürfen; aber das Ausbleiben jeglicher Antwort

zeigte ihr, daß der Stadtrat sie überhaupt nicht mehr' höre. Das Uebermaß von Sorge und Verzweiflung schien ihn dergestalt erschöpft zu haben, daß es in kurzen Zwischenräumen wie dumpfe Betäubung über ihn kam ein Zustand, der ihn unfähig machte zu begreifen, was um ihn her geschah.

Ratlos stand Margarete neben dem beklagenswerten Manne. Da wurde vorsichtig die Thür des Nebengemaches geöffnet, und die Gestalt einer hoch gewachsenen, mageren Frau mit schlecht gescheiteltem, schou ergrautem Haar und sausten Gesichtszügen, erschien auf der Schwelle. Es war die Mutter des jungen Arztes. Sicherlich litt sie an dem Krankenbette des einzigen Kindes nicht weniger als ihr Mann; aber sie besaß jene Kraft der Selbstüberwindung, die nur eine Mutter in solcher Lage findet. Weil der Leidende ihre Verzweiflung nicht sehen durfte, war ihr Antlitz ruhig und gefaßt; in all' ihrem Jammer hielt sie sich aufrecht und gerade, immer bereit, mit einem tapferen Lächeln jeden ausgesprochenen oder angedeuteten Wunsch des Kranken behend zu erfüllen.

Sie sind es also wirklich, Fräulein Margarete!" sagte sie leise.Mein Sohn hat Ihre Stimme erkannt und mich beauftragt, Ihnen recht herzlich für Ihre Teilnahme zu danken. Ich glaube, Sie haben ihm damit eine große tyrcube bereitet."

O, wenn es so ist, Frau Stadträtin", bat Margarete, so lassen Sie mich zu ihm hinein! Ich will mich! ganz still verhalten und mich sogleich wieder entfernen, wenn Sie es mir befehlen." '

Aber mein liebes Kind, das ist unmöglich! Wissen Sie denn nicht, wie leicht übertragbar Walthers Krank­heit ist, und daß Sie schon 'eine Unvorsichtigkeit be­gehen, hier mit uns zu sprechen?"

Mein Vater sagt immer, man werde nur selten an­gesteckt, wenn man sich nicht fürchtet. Und meine Mutter geht ja auch beinahe Tag für Tag zu allen möglichen Kranken, ohne daß es jemals geschadet hätte. Ich! werde gewiß nicht krank werden, und ich, wage doch auch! in keinem Fall mehr als Sie selbst."

Das ist wohl etwas anderes, Margarete, ich bin seine Mutter."

Da ließ die verzweifelte Angst, daß man sie wirklich an der Schwelle zurückweisen könnte, daß sie ihn nie mehr lebend sehen sollte, das junge Mädchen alle von guter Sitte und jungfräulicher Sprödigkeit gebotenen Rück­sichten vergessen. ,

Ja, Sie sind seine Mutter", sagte sie,aber Sie können ihn unmöglich lieber haben, als' ich."

Beider Blicke begegneten sich, und die Stadträtin trat von der Schwelle zurück.

So kommen' Sie, Kind."

Ein bleiches Antlitz schaute aus weißen Kissen mit verklärtem Lächeln der Eintretenden entgegen, durch­geistigter und edler als in gesunden Tagen nicht aber das entstellte und verfallene Gesicht eines Sterbenden, wie Margarete es wohl hatte erwarten müssen. Als sie sich ihm näherte, erhob Walther ein wenig wie zur Ab­wehr die Hand. , x

Bleib' dort, Margarete!" flüsterte er tonlos; denn das Sprechen kostete ihn offenbar große Anstrengung. Wie glücklich bin ich, daß ich« Dich noch einmal gesehen habe, wie danke ich Dir dafür, daß Du gekommen bist!"

Nach einem kurzen Zaudern hatte sich die Stadt­rätin sachte aus dem Zimmer zurückgezogen. Ihr Mutter­herz fühlte, daß dies für die beibeit armen jungen Menschenkinder einer von jenen Augenblicken sei, deren Heiligkeit kein dritter durch seine Anwesenheit entweihen soll. Margarete aber wurde kaum gewahr, daß sie mit dem Jugendgespielen allein sei, als sie, ohne sich um Walthers Mahnung zu kümmern, auf ihn zuging und neben seinem Lager auf die Knie sank.

Du sollst mir nicht danken", sagte sie, noch immer standhaft gegen die heiß emporquellenden Thränen kämpfend,ich bin ja so schlecht gegen Dich gewesen, und ich? Bann es niemals gut machen, was ich' an Dir ver­brochen habe. Nur verzeihen sollst Du mir, Walther sollst mir nur sagen, daß Du mich nicht verachtest."

Ich Dich verachten! O, Margarete/ welch ein Ge-