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Das Mädchen ließ den Arm sinken, sah den Sprechenden mit ihren verträumten geheimnisvollen Augen an und murmelte etwas.

Was sagst Du, Und warum stehst Du nicht auf, wenn ich mit Dir spreche?" rief Hobrecht gereizt und ließ das dünne Rohr, das er in der Hand trug, ein-, zweimal durch die Luft sausen.

Das Kind blieb noch immer sitzen.

Es wird Frühling!" sagte es mit einer dunklen, weichen Stimme und unverkennbar fremdländischem Ton­fall.Hören Sie nur, wie es draußen plätschert und rauscht! Das sind die Wassergeister", flüsterte es geheime nisvoll,die Meermänner, Nixen und Nymphen, welche der böse Winter verzaubert und in Ketten und Barchen gelegt hat. Nun aber kommt bald der schöne Prinz, der Lenz, der allein den Bann lösen kann. Das wissen die Geister und darum regen sie sich und pochen und pochen, bis der Frühling sie hört und sie erlöst".

Einige der zunächst sitzenden Knaben lachten laut auf, verstummten aber plötzlich, als der Lehrer sich vorbeugte und den Arm der Kleinen ergriff.

Komm einmal heraus aus der Bank", rief er.So, hierher! Du sollst jetzt auch einen Zauberer kennen lernen, einen kräftigen, der Dir hoffentlich begreiflich macht, daß man in der Religionsstunde hübsch aufpaßt und nicht solch thörichtes Zeug zusammenfaselt!"

Das Kind, es war vielleicht elfjährig und zart und schmächtig, war totenblaß geworden, und starrte mit ent­setzten Augen auf das zorngerötete Gesicht des Sprechenden und auf seinen drohend gehobenen Arm.

Nicht schlagen", stammelte es,bitte, bitte, lieber Herr Lehrer, nicht schlagen! Mama schlägt mich nie, und ich will auch immer aufmerksam sein! O, bitte, bitte, ich fürchte mich so!"

Die Zornesader auf der Stirn des Mannes schwoll nur noch stärker, er zog die Kleine vollends aus der Bank, und eben wollte das Rohr niedersausen, als es durch eine heftige Berührung des Armes die Richtung verlor und, mit pfeifendem Laut die Luft durchschneidend, in weitem Bogen an die gegenüberliegende Wand flog.

Wie ein gereizter Stier drehte sich der Lehrer um und packte den schlanken Knaben, der, flammende Röte im bild­schönen Gesicht, so plötzlich hinter ihm stand, an beiden Schultern.

Bist Du verrückt geworden, Hans Volkmann?"

Aus den furchtlos zu ihm erhobenen stahlgrauen Augen des Knaben sprühten Blitze.Ich dulde es nicht, daß Sie Elfe schlagen!"

Ter Knabe brach mit lautem Aufschrei ab und beugte sich über das Kind, welches mit schreckgeöffneten Augen verwirrt von einem zum andern gesehen hatte, dann leise schwankte und nun plötzlich, hart aufschlagend, zu Boden fiel. Es war mit der Stirn an eine scharfe Tischkante gefallen, dunkelrote Blutstropfen sickerten über die schmale totbleiche Wange. Einige Kinder hatten sich jammernd erhoben, aber der schlanke Knabe drängte sie zurück und versuchte, allein die kleine hilflose Gestalt aufzurichten. Der Lehrer, dessen rotes Gesicht nun doch entfärbt war, wollte ihin helfen, aber er sah ihn mit so wilden Augen an und murmelte so drohend:Rühren Sie sie nicht an!", daß dieser achselzuckend zurückwich und sich begnügte, den an der Wand Hangenden Klingelzug in stürmische Be­wegung zu setzen.

Hans Volkmann hatte sich wieder über das ohnmäch­tige Kind gebeugt, und bemühte sich, es in seinen Armen aufzurichten. Sie war ja so zart, die Else, federleicht, wie oft hatte er sie schon im Scherz durch das Zimmer getragen. Aber freilich, da hatte sie immer die Aermchen um feinen Hals geschlungen, und nun lag sie steif und! leblos da, und kam ihm nicht zu Hilfe. Er mußte die! Zähne zusammenbeißen, um nicht laut aufzuschreien, und ha war auch die alte Krüger, die Schuldienerin, welche auf das stürmische Läuten eilig herbeigeschlürft war, und beugte sich über das Kind.Mein Jesus! Was ist das?"! schrie sie auf,das Etfchen! Und hat mir doch, erst vor einer halben Stunde ihre Frühstückssemmel gegeben für mein krankes Annchen. Ich wollt' sie nicht nehmen, ich lwollt' nicht! Aber ,Bitte, liebe Frau Krüger, ich habe

gar keinen Hunger, wirklich nicht!' ich mußt'! Unh jetzt liegt sie da und ist wohl gar tot! Ach Gott, ach Gott!"

Herr Hobrecht rüttelte die laut weinende Alte zornig pm Arm.Lamentieren Sie nicht, Frau, und tragen Sie sie nach Hause zu ihrer Mutter. Das verzärtelte Geschöpf ist ohnmächtig geworden und hat sich dabei ein wenig gestoßen! Sie regt sich ja schon wieder! Hier, binden Sie ihr das Tuch um die Stirn".

Er befeuchtete das Taschentuch aus der auf seinem Pulte stehenden Wasserflasche und reichte es der Frau. J-ch komme mit", sagte er nach einem Augenblick des Nachdenkens,und Ihr, Kinder, könnt nach Hause gehen, es fehlen nur noch acht Minuten an Zwölf!"

Er nahm seinen Hut vom Ständer, hängte den Mantel um und fuhr in ein paar große rotgefütterte Gummischuhe die Erde da draußen war ja förmlich aufgeweicht, wie leicht konnte man sich bei dem Schund­wetter den Schnupfen holen und folgte erst dann der mit dem Kinde voranschreitenden Alten.

(Fortsetzung folgt.)

Das Bild der Mutter.

Novellette von Anni Hilgers. (Rom.)

Nachdruck verboten.

Mit blühendem Gesicht und blitzenden Augen stand ein junges Mädchen vor einem geöffneten Koffer, in den sie allerlei zarte Wäschegegenstände, sowie eine duftige Ballq Toilette hineingepackt hatte.

Fertig. Und nichts vergessen". Sie drückte den Deckel zu und wollte den Schlüssel umdrehen.

Da legte sich eine Hand auf ihre Schulter.Nichts vergessen. Wirklich nichts?" fragte eine weiche Stimme, und zwei ernste Augen blickten sie an, nicht ohne Vorwurf, wie es ihr schien.

So sag' es doch, Mama!" rief das junge Mädchen ungeduldig. xIch bin mit meinen Gedanken schon auf dem Ball bei Salderns. Wie kanu ich da an jede Kleinig­keit denken!"

Also ich muß Dich wirklich daran erinnern, daß Du beinahe vergessen hättest, das Bild Deiner Mutter mit auf die Reise zu nehmeu?" Sie trat zum Fensterpfeiler, an dem ein rundes, auf Porzellan gemaltes Bildchen hing, das Porträt einer schönen jungen Frau mit ernsten tiefen Augen, mit einer leichten Schmerzenslinie um den Mund. Hanna glich ihr, wie die Tochter der Mutter gleicht, aber ein Zug von Härte und Ueberhebuug entstellte beinahe ihr reizendes Gesicht, und ihre blauen Augen blickten kühl und leer. Ein Ausdruck von Leichtsinn und ungefestig­ter Lebensauffassung prägte sich um ihren Mund. Sie hätte bezaubernd sein können und wirkte nur hübsch und kalt.

Eine flüchtige Röte huschte über Hannas Züge bei der Frage. Sie zog die Schultern hoch.Liebste Mama, das Bild, das hab' ich gar nicht die Absicht mitzunehmen. Ich gehe ja höchstens fünf Wochen fort".

Die junge Stiefmutter preßte die Lippen übereinander. O Hanna", sagte sie, und ihre Augen füllten sich mit Thränen.Wenn Deine gute Mutter diesen herzlosen Aus­spruch gehört hätte! Erinnerst Du Dich wirklich uicht mehr all ihrer Liebe und Treue? Hast Du es ganz vergessen, wie sie noch in der Todesstunde für Dich sorgte, indem sie Deinen Vater bat. Dir in mir, ihrer Cousine und Pflegerin, eine zweite Mutter zu geberx, eine Mutter, die Dich auf­richtig liebt, die es versuchen würde, alles Gute in Dir zu wecken? Du hast mir meine Aufgabe bisher schwer gemacht, sehr schwer, Hanna! Ich bin oft machtlos gegen­über Deiner Sorglosigkeit, Deinem Mangel an Nachdenken und Gefühl. Die gute Mutter starb mit einer so festen Zuversicht auf den Sieg des Edlen in Dir! Denkst Du noch an den schönen Frühlingsabend, als wir sie an ihr Lieblingsplätzchen brachten? Die Jelängerjelieber-Laube unter den Weiden? Weißt Du nicht mehr, wie sie Dich segnete? Wie sie die Blumen küßte, die Du ihr gebracht? Sie blickte mich an, die Augen in Thränen schwimmend, sie flüsterte mir zu:Hanna wird doch noch so, wie ich mir mein Kind gewünscht habe, ich kann ruhig sterben!"