ab zwischen den Reihen der Arbeitenden wie ein gewappneter Gensdarm.
Immer, wenn eines der jungen Mädchen den Kopf von der Arbeit hob, um einen Blick nach der grauen Hofwand hinauszutyun, oder auf den Zeiger der Schiffsuhr, die über der Thür hing, fühlte es das Klopfen des Ellenmaßes im Rücken oder aus der Frisur, und die herbe Stimme des Fräuleins rief in hohem Ton:
„Hohlsaum und Passe, mein Kind! — Was macht die Hinternaht? — Immer noch nicht beim Aermelloch?"
Als Nettchen den ersten Morgen des Unterrichts hinter sich hatte und abwartend in den Korridor der Nähakademie hinaustrat, war sie wie gerädert. Es war vereinbart worden, wegen der Kürze des bis zur Hochzeit verbleibendn Zeitraumes, daß sie den Kursus doppelt nahm, also den Vor- und Nachmittagsunterricht in eins zusammenfaßte. Für diesen Thätigkeits-Plan hatte man mit Fräulein Windelbach das Uebereinkommen getroffen, daß Nettchen, in Anbetracht des weiten Nachhauseweges, die Mittagspause in der Akademie verbringen und dort auch das Mitagtsmahl einnehmen solle.
„Wir haben auch- einen kleinen Garten", hatte Fräulein Windelbach den Frauen versichert, „in diesem darf das junge Mädchen ihre Erholungspausen verbringen" (Fortsetzung folgt.)
Elektrizität aus dem Müllkasten.
Von Fred Hood.
Nachdruck verboten.
Es ist ein hervorstechender Zug unserer Zeit, daß sie die Abfallstoffe fast jeder Industrie nutzbringend zu verwerten weiß und unablässig bemüht ist, neue Verfahren für ihre Verarbeitung ausfindig zu machen. Aber gerade für die unvermeidlichen Abgänge des einfachsten aller Betriebe, des bürgerlichen Haushalts, welcher auch bei sparsamster Verwaltung große Mengen solcher Stoffe erzeugt, hat man bisher die rechte Verwendung nicht gefunden. Die Hauseigentümer haben sich daran gewöhnt, für die regelmäßige Müllabfuhr, für die sie ein ganz hübsches Sümmchen zu zahlen haben, Sorge zu tragen; und ich glaube, daß bei uns kaum jemals ein Hauswirt darauf verfallen wäre, von dem Abfuhrunternehmer noch eine Entschädigung für das in seinem Hause erzeugte Produkt zu verlangen. In England aber, dem kohlenreichsten Lande, repräsentiert der Inhalt der Müllkästen, welche noch häufig Kohlenstaub und Koks enthalten, in der That einen gewissen Wert, und es. hat eine Zeit gegeben, in welcher sich die Unternehmer nicht allein um das Privilegium der Müllabfuhr eines Bezirks eifrigst bewarben, sondern noch ein ganz nettes Trinkgeld für dieses Vorrecht bezahlten. Das ist allerdings auch schon 30 Jahre her, und man würde sich heute vergeblich nach einem Unternehmer umsehen, der sich zu diesem Geschäft bereit fände. Unter anderem erhielt. das Kirchspiel von St. Pankratius in London im Jahre 1867 für seine Müllproduktion die Summe von 1525 Pfund (zirka 31000 Mark), während es im Jahre 1893 mehr als das zehnfache dieser Summe für die Entleerung seiner Müllkästen bezahlen mußte. Wie konnte in dieser kurzen Zeit ein so merkwürdiger Wechsel eintreten?
Nun, vor dreißig Jahren, da das vorstädtische London in der Entwickelung begriffen war, dachte noch niemand daran, Ziegelsteine ohne Zusatz von Hausmüll zu brennen. Der Inhalt der Müllkästen lieferte das aus den Kohlenresten bestehende Brennmaterial — „breeze" genannt — zum Entzünden der Lehmziegel in den Meilern. Seitdem ist der Marktpreis des Mülls sehr gesunken, bis schließlich die Nachfrage ganz aufgehört hat; denn heute produziert London eine ungeheuere Menge dieser Abfallstoffe, auch hat die Technik der Ziegelfabrikation neue Formen an»- §b"Enwn. So sah man sich genötigt, für die Beseitigung des Mülls, welches jetzt in der Regel auf Barken verladen rn die See hinausgesahren und in die Tiefe versenkt wird, ebenso, wie bei uns große Entschädigungen zu zahlen.
Dres veranlaßte vor etwa siebzehn Jahren , mehrere Klrchsprele, das „Destruktorsystem" einzuführen. Solch ein Destrnktor ist eine Art Schachtofen, in welchem die Materie
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schnell verbrannt und absolut unschädlich gemacht wird. Es stellte sich heraus, daß es billiger sei, auf diese Weise die Abfallstoffe zu vernichten, als für das Wegschaffen ansehnliche Summen zu zahlen. Gleichzeitig galt es, aus diese Weise die Gefahren, welche durch den Transport leicht staubender und verwesender Stoffe der Gesundheit des Menschen erwachsen, zu beseitigen. So trat die Müllabfuhr in London in eine neue Phase, und für den Augenblick schien eine befriedigende Lösung der Frage gefunden zu sein. Mittlerweile hatte die Elektrotechnik aber einen riesigen Aufschwung genommen. Große und kleine Städte wurden durch den elektrischen Strom erleuchtet, Straßen- und Eisenbahnen durch dieselbe geheimnisvolle Kraft getrieben, und Riesenarbeiten geleistet, deren Bewältigung man bis dahin für unmöglich gehalten. Die Werke am Niagara wie auch an kleineren Wasserfällen hatten jedermann belehrt, daß mit Hilfe dieser Kraft die an einem Orte entwickelte Energie durch Drähte nach einem entfernten Punkte übertragen und dort noch einmal in Bewegung oder Licht umgesetzt werden könnte.
Nun verbündeten sich die Anhänger des Destruktor- systems mit den Elektrikern und wiesen darauf hin, daß bei der Verbrennung all jener Abfälle eine bedeutende Hitze entwickelt werde, daß man diese aber völlig nutzlos zum Schornstein hinausjage. Warum sollte man sie nicht zum Betriebe von Dynamomaschinen anwenden und, wenn dies möglich, den erzeugten Strom zur Beleuchtung des Kirchspiels nutzbar machen? Diese interessante Frage, deren Lösung zu den glänzendsten Hoffnungen berechtigte, wurde eingehender Prüfung unterworfen. Das Resultat war die Verwirklichung des sonderbaren Projekts; St. Pankratius errichtete die ersten Müllöfen für elektrischen Betrieb.
Ueber die Einrichtung dieses merkwürdigen Etablissements entnehme ich „Chambers Journal" folgende interessante Mitteilungen. Der Gebäudekomplex gleicht äußerlich einer großen Fabrikanlage, und wer seine Bestimmung nicht kennt, dürfte sich nicht wenig über den langen Zug von Müllwagen verwundern, die fortwährend gefüllt zu einem Thor hinein und leer aus einem zweiten herausfahren. Diese Wagen entleeren ihren unappetitlichen Inhalt in weite Tröge, aus welchen die Masse in Fülltrichter und dann in die Oefen fällt. Die Trichter sind mit einer Vorrichtung versehen, durch deren Bewegung der Müll ununterbrochen in die Flammen befördert wird. Dieser Mechanismus wird durch eine Dampfmaschine getrieben, die zugleich einen starken Luftzug in den Oefen erzeugt, um die Verbrennung der schwer entzündbaren Stoffe zu befördern. Doch ist auch noch ein bestimmtes Kvhlen- quantum erforderlich, um die vollständige Verbrennung des Mülls herbeizusühren. Nur Töpfe, Kessel und anderes. Eisenzeug, welche die Maschine leicht verstopfen könnten, werden vorher entfernt und nach Lancashire verschifft. Hier werden sie eingeschmolzen, um in anderer Form eine neue Laufbahn zu beginnen.
Minder zweckmäßig find die Müllverbrennungsöfen eines anderen Systems, welche fortwährend von den sich schnell ansammelnden Schlacken und der Asche gereinigt werden müssen. Indessen sind auch die Schlacken kein Abfallprodukt, denn sie geben, in Mühlen zermahlen und mit einem Bindemittel vermischt, ein vorzügliches Mörtelmittel, das im Kirchspiel verarbeitet wird. So werden täglich achtzig bis hundert Tonnen Müll für den Dienst eines Elektrizitätswerkes nutzbar gemacht, um Schmutz und Finsternis in Licht umzuwandeln.
Viele Monate der Erfahrung hatten mancherlei Ver- besserungen wünschenswert gemacht, und so konnte sich das Shoreditch-Kirchspiel, welches vor drei Jahren ähnliche Werke, jedoch in noch weit größerem Maßftabe eröffnete, aus den in St. Pankratius gesammelten Erfahrungen Nutzen ziehen. Shoreditch hat eine zeitlang einem Unternehmer ca. drei Schilling per Tonne für das Wegschasien eines Mülles bezahlt. Jetzt verbrennt es ihn in seinen Müllöfen und verdient dabei Noch; zwei Schilling per Tonne, das ist bei achtzig Tonnen pro Tag ein jährlicher Reingewinn von nahezu dreitausend Pfund. Die Hauptvorzüge dieses (Systems bildet die Anwendung zweckmäßiger Röhrenkessel und ein neues Verfahren der Wärmeauffpeicherung, durch welches jede Verschwendung vermieden wird.


