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Geräusch empörter Wellen klang, aber von johlenden, zischenden Stimmen in kurzen Zwischenräumen unterbrochen wurde, pflanzte sich über die Köpfe des Menschenknäuels fort.
Im Jnnenpunkt dieser Ansammlung, auf dem abgegrenzten Raum, der für den Umfang des Ballons abgesteckt war, stand Nettchen, die Aeronautin, im roten Fez, im rosa Trikot, und zitterte am ganzen Leibe wie Espenlaub. Sie stand wie betäubt. Sie begriff nicht, was geschehen war, vor ihren Augen tanzten Erde, Himmel und Ballon, sie sah wie in weiter Ferne die tausend höhnischen und grinsenden Gesichter, — und sie wußte nur das eine, daß sie die grausige Fahrt nicht machen könnte, daß dumpfe, bleierne Angst in ihre Seele gezogen war und daß im entscheidenden Augenblick ihre Füße schwer wie Eisen sich gegen das feste und sichere Land stemmten, das sie zu schwindelnder Luftfahrt verlassen sollte. •
Sie hörte die schimpfende, vor Erregung geradezu heisere Stimme des Luftschiffers, dem sie sich verpflichtet hatte, vernahm Worte wie „Niedertracht" — „Schande" — „Blamage vor dem gesamten Publikum". Sie hörte das Johlen und Hohngelächter der Menge, und angstvoll, wie ein bedrohtes Wild, das ringsum von Jägern umlauert rst, spähte ihr Blick die Menschenmauer auf und nieder, eine Lücke zur Flucht zu entdecken. Plötzlich sah sie eine Gestalt sich durchdrängen, durch den immer verworrender werdenden Knäuel ihr zustreben. „Paul!" schrie sie leise auf. Mit einem einzigen, blitzschnellen Sprunge war sie vom Rande der Gondel, stieß ein paar Frauen beiseite, die sich neugierig bereits über den abgesteckten Kreis gedrängt hatten, und während sie durch die entstandene Lücke in den Knäuel des Publikums schlüpfte, rief sie mit weinender Stimme.
„Lassen Sie mich durch. Ich kann nicht mit. Ich habe so viel Angst!!" Jetzt hinderte sie niemand mehr, neugierig wich alles zurück-, und nur spöttische, ordinäre oder auch mitleidige Scherzworte flogen zu diesem seltsamen Flüchtling hin, dem großen, in Trikot gekleideten Mädchen, dieser imitierten Türkin, der die hellen Thränen aus den Augen stürzten, während der im hastigen Laufe rhr abgefallene Fez wie ein roter Capuchon auf ihrem Nacken hing.
Im selben Augenblick jedoch ließ der Lustschiffer, der seine Geistesgegenwart wiedergefunden hatte, einen zweiten Böllerschuß abgeben, schwang sich auf die Gondel und gab durch ein Schwenken seiner roten Fahne das Zeichen zur Abfahrt. —• Aller Augen richteten sich nach dem aufgeblähten Riesenballe, der langsam, majestätisch in die Höh' zu schweben begann, während der Aeronaut auf dem schmalen Rande der Gondel, in der Schwebe zwischen Himmel und Erde stand, und einen leichten Sprühregen von Sand herniederrieseln ließ.
Nnr wenige noch weihten ihre Aufmerksamkeit dem jungen Mädchen, das halb ohnmächtig an die Brust eines jungen Mannes gesunken war.
Nur der kleine Zettelträger, Nettchens früherer Berufsgenosse, hatte keine Augen für das Ballonschauspiel, mit starrem Blick betrachtete er die Gruppe.
Das Kuchenweib hatte sich an seinen Stand zurückgezogen und wehrte mechanisch den Fliegen, die auf dem türkischen Honig dunkle Schattierungen verursachten.
Es kränkte sie, daß Nettchen, ihre eifrigste Kundin, sich diese öffentliche Blame zugezogen hatte.
Aber die Schießbudendame schwamm in Genugthüung. Bolzen laden ist freilich ein leichter Ding, als per Luftballon durch die Wolken schießen. — Sie hatte es ja vorausgesagt. Wer hatte man ihr denn geglaubt?
Ruhige Tage zogen ein bei der Familie Brinkmann. —
Nettchen, die an dem verhängnisvollen Tage mit der Familie heimgekehrt war, schien still und verschlossen.
Der Sommer verging, der Winter, ein Jahr neigte srch seinem Ende zu. Paul war glücklich. Die Unruhe war von ihm gewichen. Nettchen war in seiner Nähe! Sie atmete mit ihm wieder unter demselben Dache! Mehr verlangte er nicht.
Die beiden Frauen berieten längst mit Ruhe die Dinge, die sie kommen sahen: Die beiden jungen Menschen waren
herangewachsen; Paul konnte ohne dieses Mädchen niM leben. Es war das Richtigste, sie einander zu geben.
Unmerklich, von den Frauen auf leise Weise geleitet, verschob sich das bisherige Verhältnis von Bruder und Schwester, um einem bräutlichen Zustand Platz zu machen. Niemand sprach feierliche oder zeremonielle Worte aus. Aber die Großmutter und die Mutter begannen schaffend die Hände zu regen, und wenn Paul mit scheuer Befangenheit zwischen Vorbereitungen erriet, von denen er that, als begriff er sie nicht, hieß es lächelnd:
„Hier wird ein kleines Nest gebaut. Es soll ein fremder Herr einziehen mit seinem Weibchen."
Zwei Zimmer der Wohnung wurden auf diese heim- lich^frohe Weise hergerichtet, mit teilweise neuen Möbeln, stischen Gardinen und manchem modernen Stück, das in den Haushalt einer jungen Ehe paßte. Nur die „Berliner" Stube behielten die beiden Frauen für sich.
Nettchen ließ alles stillschweigend geschehen. Sie war äußerlich eine andere geworden, ihr Wesen schien gesittet und still, ihren. Straßenkind-Jargon hatte sie abgelegt, von leidenschaftlichen Ausbrüchen hörte und sah man nichts mehr. Widerspruchslos nahm sie die Glückwünsche der wenigen Bekannten entgegen, die bei gelegentlichen Besuchen ihre mit Neugier gemischte Teilnahme wortreich zum Ausdruck brachten.
„Nun sind Sie ein Bräutchen, Kleine", sagte eine der Hausfreundinnen, die seinerzeit so stark um das Wohl des anscheinend so.sehr zurückgesetzten Pflegekindes besorgt gewesen war, „nun werden- Sie keine Gelegenheit mehr haben, mit einem Ballon in die Wolken zu fliegen. Der Herr Paul wird, sein Frauchen fest am Schürzenband halten, daß es nicht mehr davonflattern kann, etwa nach der Hasenheide hin, oder sonst an einen Ort, wo sie nicht hingehört."
Nettchen blickte mit einem seltsamen, starren Ausdruck auf; aber sofort fielen ihre Lider wieder über ihre Augen.
Blitzesgleich waren in diesem Moment verwirrende Bilder an ihrem Blick vorbeigeflogen. Sie sah die Hasenheide, die vielen jauchzenden, lachenden Menschen, die wogende Sonntagslust. Und schönere Bilder kamen — hinter dem geschlossenen Blick zog Reihe an Reihe vorbei. Sie sah die weite, große Welt, in die sie einst in schwindelnder Angst und doch voll seligen Gruselns aus der Gondel des Luftschiffers hinäbgeblickt hatte, und vor ihren Augen nahmen alle Dinge und Gegenden, von denen sie gehört, und gelesen hatte, urplötzlich Gestalt an, sie erblickte wie eine Fata Morgana die Reiche der Erde, sah Länder voll wilder, gigantischer Wunder, sah! London, Wien, Paris, alles Städte von endloser Größe, in denen acht- und zwöls- spännige Karossen führen, Grafensöhne und Fürsten spazieren gingen, während Frauen in alle den Trachten, welche der „Bazar" und die „Modenwelt" veranschaulichten, in hellstem Sonnenlicht vor unaussprechlichen Schaufenstern in allen Sprachen der Erde sich über die Freuden des Daseins unterhielten.
Der Traum, die Illusion waren so intensiv, daß Nettchen zusammenfuhr, als jemand sie weckte. Es war Paul, der vor ihr stand und ihr einen schmalen, goldenen Reif entgegenhielt.
,,Habe ich! Dich erschreckt?" fragte er, indem er ihr ies in die Augen blickte. Sie errötete flüchtig, dann nahm ie den Ring. Spielerisch streifte sie ihn auf ihren Gold- inger.
„Der Verlobungsring", flüsterte Paul. Er nahm ihre Hand, drückte sie fest, fest an sein Herz. — —
In den kommenden Wochen war Nettchen unruhig und erregt. „Ich muß was thun, — mir was zu schaffen suchen", sagte sie. „Laßt mich nähen lernen gehn, oder schneidern, Mutter. Ich kann ja so gar nichts, was man als Hausfrau nötig hat."
Sie ließen sie gern gewähren. Vielleicht wurde ihre Unruhe, die ihnen jetzt, so kurz vor einem neuen Lebensabschnitt, nur natürlich dünkte, durch eine solche Thätigkeit gestillt. —
In der großen Nähstube, in die Nettchen eintrat, herrschte von früh bis abends sieberhafte Thätigkeit. Fräulein Windelbach, die Unterrichtsmeisterin, hielt auf strenge Disziplin, und mit ihrem Ellenmaß in der Hand, eingeschnürt in einen Stahlpanzer, dessen Schienen man durch die Aufnäher der Taille sich abheben sah, schritt sie auf und


