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Temperatur. Als ich gegen 5 Uhr ich vermute wenigstens, das es um diese Zeit gewesen fern muß erwachte, erfüllte noch tiefe Finsternis das Gemach, sodaß ich nicht einmal die mir zunächst besindlichen Gegenstände zu unterscheiden vermochte. Vergeblich versuchte ich, wieder einzuschlummern, daher gönnte ich mir ein Bergungen, das ich mir chft zu bereiten pflege, und das einen weit höheren Genuß gewährt, als man annehmen sollte ich beobachtete das allmähliche Hereinbrechen des Morgens. Das Rouleaiix vor meinem Fenster war wie gewöhnlich nicht herabgelassen, die ersten Schimmer des nahenden Tages mußten also, da mein Fenster nach Osten hinaus­ging, in meine Klause den Weg finden.

Nicht lange währte es auch, so brach die Dämmerung an. Erst traten aus der schwarzen Nacht, die mich umgab, allmählich die Wand und der Stuhl vor meinem Bett hervor, anfangs nur als dunkle Schatten, dann m bestirnniten Umrissen, dann enthüllte die Ampel über nur an der Decke in derselben langsamen Weise ihre Existenz. Nun unterschied ich- die Bilder neben und über mir, aber natürlich nur als viereckige Rahmen, deren Bewohner noch nicht aufgestanden zu sein schienen und sich erst in einiger Zeit meinen Augen offenbaren wurden. Bald reichte mein Blick bis zu den großen Bücherregalen links und rechts, und jetzt ja jetzt tauchte allmählich der große Lehnstuhl vor meinem Schreibtisch in das ungewiße Dämmerlicht hinein, das, kaum um ein paar Nüaneen heller als die Nacht, mir allein die Anwesenheit und Existenz der Möbel und Geräte zu vermitteln im stände war. . r u

Aber halt wer war das? Saß da nicht jemand vor meinem Schreibtisch? Unterschied ich nicht, in wenn auch noch schattenhaften Umrissen eine dunkle Gestalt? Ich riß meine Augen weit auf, einesteils um scharfer sehen zu können, andernteils, weil ich noch unter dem Eindrücke einer Art Schlaftrunkenheit mich: zu befinden glaubte. Kein Zweifel, die Gestalt war da, und als sie eben jetzt in etwas deutlichen Konturen sichtbar ward, erkannte ich auch, daß sie in gebeugter Haltung dasaß, als ob sie schreibe. Ich gestehe ossen, daß mein Herz jetzt zu klopfen begann. Ich konnte nicht an meinem völligen Wachsein zweifeln, ebensowenig aber an dem Dasein des Phänomens. Natürlich dachte ich zunächst nicht an eine Geistererscheinnng, sondern an einen Ein- brnchsdiebstahl. In dem Schreibtisch, vor welchem ich die Erscheinung wahrnahm, verwahrte ich meine geringen Geldmittel. Vielleicht hatte der Dieb mein Erwachen be­merkt, und verharrte nun regungslos, ohne selbst die gerade eingenommene Stellung zu verändern, um meine Aufmerksamkeit nicht wachzurufen, in der Hoffnung, daß ich wieder einschlasen und ihn, da der Raum noch immer in mehr als Halbdunkel getaucht war, nicht bemerken würde. Denn fchreiben konnte der rätselhafte Jemand natürlich nickst, dazu war es viel zu finster.

Was sollte ich thun? Ich überlegte einen Augenblick. Eine Waffe hatte ich nicht zur Hand. Rufen mochte rch nicht; denn gesetzt den Fall, man hätte mich wirklich gehört, so hätte ich dadurch den Eindringling heraus­gefordert, und ehe eilt Mensch zu meiner Hilfe herbet­eilen konnte, hatte er.Zeit, mich zehnmal abzuthnn. Spitz­buben dringen doch- in der Regel nicht ohne Verteidigungs­mittel in fremde Häuser. -

Noch hatte ich keinerlei Entschluß gefaßt, da enthüllte mir die wieder etwas weiter vorgerückte Däinmerung plötz­lich ein wahrhaft schreckliches Phantom. Die Gestalt ans meinem Schreibtische war ein Mann, das sah icty, und den erkannte ich und mit Blitzesschnelle ging die furcht­bare Wahrheit mir auf daß ich der Mann selbst war! Nein, es war keine Täuschung, ich sah es zu deutlich ich selbst in eigener Person saß dort vor dem Arbeitstisch, ganz so, wie ich in der Regel zu sitzen pflegte m der gebeugten Haltung des eifrig Schreibenden, den Kopf etwas nach vorn geneigt, aber sonst starr und regungslos wie ein Toter, ohne die leiseste Bewegung, soweit jene Körperteile in Frage kamen, die ich allein zu erkennen vermochte. x

Im ersten Augenblick überkam mich eine wahrhaft tätliche Bestürzung. Ich warf mich in die Kissen zurück und zog die Decke fest über meinen Kopf, tote es der

Der Doppelgänger.

Gin Erlebnis von Friedrich Thieme.

Nachdruck verboten.

In Goethes Faust sagt der Proktophantasmist: Ihr seid noch immer da! Nein, das ist unerhört. Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt! Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel. Wir sind so klug, und dennoch spukt's in Tegel. Wie lange hab' ich nicht am Wahn hinausgekehrt, Und nie wird's' rein; das ist doch unerhört!"

Diese Worte besitzen noch heute volle Giltigkeit. Trotz aller Ausklärung feiert der Aberglanbe noch- genau die­selben Orgien toie vor hundert Jahren und früher, und zwar nicht allein in den Köpfen und Herzen der naiven Geister, sondern auch in denen der Gebildeten, nur daß diese ihrer Sache ein wissenschaftliches Mäntelchen umzu­hängen suchen. Die Cagliostro, St. Germain und Sweden­borg sind freilich verschwunden, dafür haben wir die Seherin von Prevorst, die Pneumatologen, die Spiritisten, Occultsten und andere mehr. Das Wort Hamlets:Es giebt mehr Dinge im Himmel und aus Erden, als unsere Schulweisheit schh träumt" gilt sür viele gleich einem Be­weise, und trotz der zahlreichen Entlarvungen, ja trotz Der Thatsache, daß unsere Taschenspieler und Magiker gleich! den ägyptischen Zauberern, welche die Zeichen Mosis nachahmten, die Wunder der Medien und Spiritisten uns ebenfalls vorführen, vermehrt sich die Zahl der Gläubigen von Jahr zu Jahr.

Eine große Rolle in der Geschichte des Aberglaubens spielten von jeher die sogenannten Doppelgänger, das sind jene Personen, die sich selbst noch einmal außer sich! zu sehen glauben. Die Erscheinung der Doppelgängerei hängt innig mit dem Phänomen des zweiten Gesichts zusammen, von welchem sogar in einem, große Beachtung genießenden, wissenschaftlichen und weitverbreiteten Werke gesagt ist, daß esunmöglich erscheine, die in Bezug aüf dasselbe gesammelten Thatsachen nicht in einer ge­wissen Beschränkung als wahr anzuerkennen". Gewiß ist nun, daß hier ebensoviel Treffer vorkommen mögen, als bei jeder anderen Geheimwissenschaft, wer aber weiß, was sür eilte ungeheure Rolle auf diesem Gebiete Furcht, Selbst­betrug und bewußte Täuschung spielen, der wird sich selbft sogenanntenunparteiischen und wissenschaftlich- gebildeten Beobachtern" gegenüber zweifelnd verhalten. Damit ist nicht gesagt, daß jeder, der sich rühmt, mit dem zweiten Gesicht begabt zu sein, ein Betrüger ist. Die Deuteroskopie ist vielmehr ein anomaler Zustand, dessen wissenschaftliche Erklärung als noch nicht völlig befriedigend zu bezeichnen ist. Sie gehört zu denjenigen Erscheinungen, die, tote der Hypnotismus und Somnambulismus, noch manche rätselhafte Seite bieten, ohne daß wir darum gleich an ihrer Natürlichkeit zu zweifeln brauchen. Was tue Wissen­schaft noch nicht ergründet hat^ ist deshalb noch kein Wunder: auch das scheinbar Unerklärliche geht naturlich- zu, und die Elektrizität ist uns im letzten Sinne ja ein ebenso großes, und säst noch größeres Wunder als die Phänomene des Hhpnotismus und <somn(tttwuu§mity.

In Bezug auf die Erscheinung der Doppelgangerei vor allem hat der Selbstbetrug ein wertes Feld. Aber­gläubische Furcht, zufällige Spiegelung und Halluzinationen haben schon manchen Menschen zum Doppelgänger ge­macht. Zu Nutz und Frommen der Leser will ich hier em Erlebnis erzählen, für dessen buchstäbliche Wahrheit i-ch aus dem Grunde einstehen kann, weil es mw selbst passtert ist; man wird daraus erkennen, wie lmcht.es ist, sich selbst zu täuschen, und was für eigentümliche Umstände oft die Geschäfte des Aberglaubens besorgen, indessen erwarte inan keine sensationelle Gespenstergeschichte - rch rede hier in erster Linie zum Zwecke, und dann erst zur Unter- 1 war in einer kalten Herbstnacht. Ich: kehrte mm einer politischen Versammlung nachts gegen 1 Uhr nach Hause zurück und legte mich totmüde ins Bett, nachdem ich mich entkleidet und tote gewöhnlich mente Kleidungs­stücke auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch untergebracht hatte. Ich hatte Eile, ins Bett zu kommen; denn m meinem Schlafzimmer herrschte eine wenig angenehme