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Und seine Tochter mar es, die ihn dem Verderben überlieferte! Mit so geringer Vorsicht war sie zu Werke gegangen, daß der Staatsanwalt sie sofort als die Ur­heberin der Denunziation erkannt hatte. Deutlich genug war es ja zwischen den Zeilen seines Briefes zu lesen. Und wie'er auch in seiner thörichteu Liebe noch immer danach suchte nichts fiel dem unglücklichen Vater ein, das Doras Handlungsweise hätte entschuldigen können. Er durfte sich der grausamen Erkenntnis nicht mehr verschließen, daß er bis zu diesem Augenblick wie ein Blinder neben ihr her gegangen war, daß sein vergötter­tes Kleinod nichts anderes war, als ein liebloses, rach­süchtiges, schlechtes Geschöpf. Kläglich zertrümmert sah er das Idol, beni er alles geopfert hatte, vor seinen Füßen liegen, und vielleicht war es gerade das, was seinen siechen, hinfälligen Leib endlich völlig zusammen­brechen ließ.

Der junge Buchhalter, der in das Arbeitszimmer seines Prinzipals ein.getreten war, um ihm eine Meldung zu erstatten, sah entsetzt, daß der Bankier lang ausge­streckt neben feinem Schreibstuhl aus dem Fußboden lag das Gesicht nach unten gekehrt und einen zerknitterten Brief in der geballten rechten Hand. Das ganze Personal lief natürlich sofort zusammen, und kräftige Arme hoben den leichten, abgezehrten Körper auf das einfache Ruhe­bett. Man hielt ihn anfänglich für tot, denn er atmete nicht mehr in wahrnehmbarer Weise, und sein wächsernes Gesicht zeigte ganz das charakteristische Gepräge eines Leichenantlitzes. Dann aber ließ sich doch noch ein leiser Pulsschlag fühlen, wenn auch schwach und vielfach stockend, als ob er mit jedem Augenblick völlig aufhören müsse.

Sigismund Ruthardt machte sich sofort auf den Weg, um seinen Vater zu holen; der Prokurist aber über­nahm die Aufgabe, sich nach der Villa hinaus zu begeben und Fräulein Dora auf schonende Art von der schweren Erkrankung ihres Vaters in Kenntnis zu setzen.

Sechstes Kapitel.

Eine düstere, gedrückte Stimmung, wie sie in diesen sonnig heiteren Räumen sonst ganz unbekannt war, lag seit zwei Tagen über Doktor Hermann Ruthardts Hause. Die rundliche, kleine Hausfrau war die einzige, die ihre gewöhnliche- gute Laune wenigstens zuin Schein bewahrt hatte; aber auch sie konnte sich zuletzt der unvermeid­lichen Wirkung nicht entziehen, die eine schweigsame, grämliche Umgebung aus das Gemüt des Menschen übt.

An Sigismunds stilles, verschlossenes Wesen war man freilich nachgerade gewöhnt. So ängstlich, wie es jetzt geschah, war er seinen Angehörigen sonst allerdings nicht aus dem Wege gegangen; so ganz verstummt und appetitlos hatte er sonst nicht am Familientische gesessen. Aber man glaubte ja den stillen Kummer zu kennen, der ihn bedrückte, und da er selber offenbar nicht den Wunsch hatte, davon zu reden, war man längst stillschweigend übereingekommen, ihn mit keiner zwecklosen Frage zu be- helligen. Umsomehr beunruhigte sich Frau Ruthardt über Margaretens plötzlich verändertes Benehmen, über ihre sonderbare Zerstreutheit und ihr ganz augenfällig ver­schlechtertes Aussehen. Ein vorgeschütztes Unwohlsein würde ihr vielleicht als genügende Erklärung erschienen sein; aber das junge Mädchen war zu ehrlich, sich dieser Lüge zu bedienen. Die Mutter erhielt auf alle besorgten Fragen nur immer die nämliche Antwort, daß-ihr nichts fehle, und mit aufrichtigem Kummer kam sie mehr und mehr zu der Ueberzeugung, daß Margarete zum erstenmale in ihrem Leben etwas, das sie ernstlich quälte, vor ihr verbarg.

In der Frühe des zweiten Tages hatte sie sich nach einigem Seelenkampfe entschlossen, mit ihrem Manne da­von zu sprechen. Aber sie hatte bei ihm 4nicht das Ver­ständnis für ihre mütterlichen Sorgen gefunden, auf das sie gerechnet hatte. Sei es, daß ihn seine eigenen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch nahmen, sei es, daß er der scheinbar grundlosen Verstimmung eines jungen Mädchens wirklich keine Bedeutung beilegte jedenfalls war der Doktor sehr rasch über den Gegenstand hinweg­gegangen und hatte es nicht für nötig gehalten, Mar­garete auch seinerseits zu befragen.

Das wird sich schon wieder geben", meinte er

beinahe ungeduldig, als seine Fran noch einmal daraus zurückkommen wollte.Ich kenne das Mädel zur Genüge, um zu wissen, daß wir von ihr nichts zu fürchten haben; wenn sie wirklich etwas aus dem Herzen hat, wird sie Dir's schon bei guter Gelegenheit beichten. Und im übrigen bist Du ja auch eine kluge Frau, die sich darauf versteht, die Augen offen zu halten."

Nun wußte sie, daß die Sache für ihn vorläufig abgethan sei, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als geduldig zu warten und ihre Augen dabei so weit als möglich offen zu halten; denn sie hatte am Ende noch Erinnerung genug an ihre eigenen Mädchenjahre behalten, um sich über das verwandelte Wesen ihres Töchterchens allerlei sehr ernste Gedanken und Sorgen zu machen.

Für den Doktor waren die letzten Tage auch in seiner Eigenschaft als Arzt sehr unerfreuliche und anstrengende gewesen. Seine ohnehin ausgedehnte Praxis hatte sich um eine Anzahl schwerer Krankheitsfälle vermehrt, die zumeist auf Rechnung einer'mit besonderer Heftigkeit auf­tretenden Diphtheritisepidemie zu setzen waren. Man hatte heute vormittag lange nach ihm suchen müssen, als es galt, dem schwer erkrankten Bankier Norrenberg ärzt­liche Hilfe zu bringen, und das Ergebnis, welches schon die erste, flüchtige Untersuchung dieses neuen Kranken gehabt, war auch nicht danach angethan gewesen, seine Saune zu verbessern. Müde und abgespannt kehrte er erst am späten Nachmittag nach Hause zurück, herzlich wenig zum Plaudern mit den Seinen aufgelegt. Als sich's seine Frau trotzdem nicht versagen konnte, nach Franz Norrenbergs Befinden und nach der Art seiner Erkrankung zu fragen, meinte er ziemlich kurz:

Ein Schlaganfall mit schlechten Aussichten. Seine Gesundheit war ohnedies völlig zerrüttet. Ich habe keine Hoffnung, daß er den kommenden Tag überleben wird."

Die arme Dora!" seufzte Frau Ruthardt voll innigen Mitleids.Sie hat in diesen Tagen schon soviel Auf­regung durchmachen müssen. Wie wird sie den neuen, furchtbaren Schlag ertragen! Meinst Du nicht auch^ Her­mann, daß es meine Pflicht wäre, sie zu besuchen und ihr meinen Beistand anzubieten?"

Nein!" versetzte der Doktor mit großer Bestimmtheit. Die junge Dame hat mir durchaus nicht den Eindruck ge­macht, als ob sie eines Beistandes bedürfe. Beschränke Dich nur auch künftig auf Deine Armenpraxis. Da ist, wie mich dünkt, die Bethätigung Deines guten Willens besser am Platze."

Nicht lange nachher wurde Doktor Ruthardt abermals abberufen, und es fehlte kaum noch eine Viertelstunde an Mitternacht, als er heimkam, durch die Strapazen des arbeitsreichen Tages auf's äußerste ermattet. Es galt als eine strenge und unumstößliche Vorschrift in seinem Hause, daß niemand seinetwegen über die ge­wöhnliche Zeit hinaus aufbleiben dürfe, und so lag denn auch heute alles anscheinend schon in tiefem Schlafe, als Ruthardt sein Arbeitszimmer betrat.

Er hatte kaum Zeit gehabt, zu Mittag zu essen, und seit vielen Stunden war kein Bissen mehr über seine Lippen gekommen. Trotzdem ließ -er die einfache Abend­mahlzeit, die Dank der treuen Fürsorge seiner Frau für solche Fälle immer bereit stand, vorläufig unberührt. Nicht um der späteren Rechnungen willen, sondern da­mit ja keine Einzelheit des Krankheitsverlanfes seinem Gedächtnis entschwinde, pflegte er sich allabendlich über jeden seiner Patienten ausführliche Notizen zu machen, und trotz seiner Müdigkeit sollte die Erfüllung dieser Pflicht auch, heute der leiblichen Erquickung voranfgehen.

Aber er hatte noch kaum vor seinem Schreibtisch Platz genommen, als mit wohlbekanntem, durchdringen­dem Klang die Nachtglocke anschlug, erst mit einem ein­zigen kurzen Ton, als ob sie von schüchterner Hand in Bewegung gesetzt worden sei, dann aber lang anhaltend und stürmisch. , L,

Wieder ein krankes Kind!" sagte. Doktor Ruthardt vor sich hin, während er sein Buch- zuschlug und sich erhob.Und wahrscheinlich wieder zu spät. Wahrhastig, es ist schwer, da nicht dem Mut zu verlieren."

(Fortsetzung folgt.)