Ausgabe 
4.10.1900
 
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treren und Verarbeiten der Kehrichtstoffe beschäftigt. In Paris beträgt der Wert des von den Lumpensamm­lern fortgeführten Kehrichts täglich vierzigtausend Mark, und wenn man bedenkt, daß sich diese Summe auf etwa fünftausend Lumpensammler verteilt, so ist das Gewerbe bei seiner Einträglichkeit und Leichtigkeit, wenn man von den uns widerstrebenden Einzelheiten ab sieht, zu den angenehmeren" zu rechnen, und dadurch erklärt es sich' nur, daß unter den Pariser Lumpen­sammlern sich nicht nur alte Leute, sondern in der großen Mehrheit solche im Alter von siebzehn bis vierzig Jahren befinden.

Was die Lumpensammler verschmähen, ist jetzt be­kanntlich Gegenstand der Fürsorge der Stadtverwaltungen in den Großstädten. Man hat in neuer Zeit erfolgreiche Versuche gemacht, den sogenannten Müll zu schmelzen und die geschmolzene Masse zu nützlichen Zwecken, min­destens zu Dünger zu verwenden. Denn, wie wir sehen werden, sind fast alle Stoffe, für die man sonst keine Verwendung hat, noch als Dünger zu gebrauchen.

In England bestreiten verschiedene Städte einen Teil ihres Lichtverbrauches bereits durch Ausnutzung des Kehrichts. In einem Versuche hat man festgestellt, daß ein Pfund Kehrichtstoffe genügen, um eine halbe Stunde lang eine hell brennende Gasflamme zu erzeugen.

Von dem jnt Kehricht befindlichen Abfall ist das alte Eisen demSammler" am geschätztesten. In zweiter Linie stehen die Lumpen, die für die Herstellung des Papiers eine so wichtige Rolle spielen, früher freilich wichtiger, als heute, wo wir noch sehr viele andere Stoffe kennen, aus denen sich Papier Herstellen läßt. Aber in der Wert­schätzung der Papierhersteller und Verbraucher sind die Lumpen gestiegen, aus denen sich' allein ein wert­volles und dauerhaftes, daher auch! teures Papier Her­stellen läßt.

In dritter Linie sind alte Korke am gesuchtesten. In Paris werden sie sogar denSammlern" an den Schranken sogleich für eine geringe Menge Blaubeerwein eingetauscht, um von den Käufern wieder zu ihrem eigentlichen Zwecke verwendet zu werden.

In unserer heutigen Industrie aber finden Korke eine fast unbegrenzte Verwendung, und zwar gewöhnlich in Gestalt des Korkmehls, zu dem sowohl gebrauchte Korke wie .Korkabfälle vermahlen werden. Sie sind ein Hauptbestand­teil der sich immer mehr aufschwingenden Linoleum- Industrie, aus der die Fußbodenbeläge hervorgehen, die wir schon in so vielen öffentlichen Gebäuden finden. Tas Korkmehl wird mit Gyps und Cement vermischt zu Kork­steinen gepreßt, aus denen Schuhsohlen zur Benutzung in Juwelierwerkstätten gefertigt werden, damit der "kost­bare Stoff der Abfälle nicht in den Boden, sondern in die Sohlen getreten wird; hieraus sind sie später leicht zu entfernen. Korkabfälle werden zur Herstellung von Feuer­werkskörpern, zur Aufpolsterung von Matratzen und zur Füllung von Puppenbälgen benutzt.

~ Das zur Umhüllung verschiedener Waren dienende Staniol Und die Bleikapseln der Weinflaschen werden wieder eingeschmolzen und zur Herstellung von allen möglichen Dingen, z. B. Buchdruckertypen verwandt. Glasscherben werden fein gemahlen und zur Herstellung eines festen Mörtels benutzt. Alte Fässer schneidet man mitten durch und läßt die einzelne Hälfte zum billigen Waschzuber auf- Tüäen. Aus altem Leder gewinnt man eine Art Schmieröl.

__ Die Kohlenbriketts werden jetzt nur noch in den besseren Sorten aus Kohlenstaub gepreßt, bei den billigen verwendet man längst schon anderes Material. Einen Er­satz für die teuren Holzkohlen hat man in Sägespähnen und Sägemehl gefunden, die in der gehörigen Zuberei­tung zum Desinfizieren und Filtrieren ebenso geeignet "sind, wie Holzkohlen.

Gantz! neuerdings spricht man von der Erfindung einer künstlichen Kohle, die in Mannheim gemacht fein soll. Der Haup'tstoff dieser Kohle soll gewöhnliche Erde sein, ihr aber durch Beimischung verschiedener Stoffe die "Eigenschaften der Steinkohle geben. Die Herstellung von einem Zentner dieser künstlichen Kohle soll sich lauf 30 Pfennig stellen. Zweifelsohne ein bedenkender Fortschritt, wenn man bedenkt, daß der Zentner Steinkohle im vorigen

Jahre in Mannheim 70115 Pfennig kostete. Wenn sich die Nachricht von dieser Erfindung als wahr Herausstellt, so wäre hier Liebigs Ausspruch recht am Platze:Schmutz ist Materie am unrechten Ort".

Früher waren die Bleifabriken gezwungen, brauch­bares Land mit ihrem Abfall zu bedecken. Jetzt giebt dieser Abfall, teils Zement, teils vorzüglichen Dünger. Einst verunreinigte das Abflußwasser von Gaswerken Gruben und Flüsse. Als man aber den bedeutenden Am­moniakgehalt des Wassers erkannte, wurde es mit bestem Erfolg zum Düngen verwendet. Auch das Waschwasser der Seidenfabriken wurde in früheren Zeiten weggegossen. Ein Franzose fand aber ein Mittel, das Zinn .daraus zu ge­winnen. Tie Seidenfabriken der Stadt Lyon gewinnen durch dieses Verfahren allein über 300 000 Francs jährlich.

Höchst seltsam ist folgender Fall. Ein großer Uhr- schälenfabrikant in Besancon ließ den Inhalt der Abort- grube seiner Arbeiter auf Gold untersuchen, das in Ge­stalt von Goldstaub entweder an den Kleidern hängen ge­blieben oder auf natürlichem Wege dahin gelangt sein mußte. In der That fand man auf je ein Kilogramm ver­aschten Materials für drei Francs Gold. Im ganzen brachte das Verfahren siebentausend Francs ein, wovon nur zweitausend auf die Kosten anzurechnen waren.

Tas hervorragendste von allen Abfallprodukten ist aber entschieden der Teer, jene Masse, die beider Gasfabrikatiou als überflüssig zurückbleibt. Kein anderer Abfall wurde je als so störend empfunden; denn der Teer konnte nicht in Misse geschüttet werden, weil er das Wasser für Menschen uno Tiere unbrauchbar machte, nicht in .die Erde eingegraben, weil er in seinem Umkreise allen Pflanzenwuchs verhinderte. Er mußte auf umständliche und kostspielige Weise verbrannt werden. Heute stellt.inan aus hundert Litern Teer, die aus zehn Zentnern Kohle gewonnen werden, ein Pfund Benzol, ein Pfund Toluol, anderthalb Pfund Karbol, sechs Pfund Naphtalin, ein hal­bes Pfund Anthracen und hundert Gramm Xylol her, und aus diesen wiederum gewinnt man sechzehn verschiedene gelbe Farben, zwölf Orange, dreißig Rot, fünfzehn Blau, sieben Grün, neun Violett, zehn Braun und eine große Anzahl verschiedener Schattierungen. Ferner finden ver­schiedene dieser Stoffe Verwendung zu Heilzwecken wir heben nur das Karbol hervor, man stellt aus diesem das Saccharin her und endlich Parfümerien vom seinsten Naturduft.

Im Jahre 1826 gewann der Chemiker Unverdorben aus dem Indigo eine Flüssigkeit, die er IKrYstallin nannte. Später wurde der Name inAnilin" umgetauft, und zwar nach dem Worte Anil, das im Indischen Indigo bedeutet. Im Jahre 1844 entdeckte Hofmann, daß Anilin durch Zusatz von Chlorkalk eine schöne rote Farbe giebt. Diese Ent­deckung wurde aber erst von Bedeutung, als man das Anilin aus dem Abfall der Steinkohle gewann.

Tie verschiedensten großen neuen Industrien sind da­durch ins Leben gerufen worden. Das Benzol z. B. wird durch ein Gemisch von Salpetersäure und Schwefelsäure, die sogenannte Nitrierflüssigkeit, nämlich in das Nitro­benzol verwandelt. Daraus erklärt sich die Herstellung der billigen Mandelseife, die bei Verwendung des Bitter­mandelöls bedeutend teurer sein würde.

Wohlgerüche stellt man aber noch aus ganz anderen Dingen her, denen kein Laie einen solchen Gehalt zuge­traut hätte. So z. B. wird das Nitrobenzol, auch" aus der Hippursäure gewonnen, die Hippursäure aber aus dem Harn des Pferdes und des Rindviehs.

Sehr schöne Wohlgerüche erhält man aus dem Abfall des Kartoffelspiritus, den Fuselölen; diese ergeben mit verschiedenen Stoffen gemischt das Birnen- und Apfelöl, Trauben- und Eognacöl. (Letzteres oft dem schlechten Branntwein zugesetzt, um ihm den Geschmack vvn Cognac zu verleihen, wie man auch in Ungarn Weinbeerhülsen destilliert, um das Produkt zur Fabrikation von Ungar­wein zu verwenden.)

Schließlich mögen noch einige Angaben über die Ver­wendung tierischer Abfall-Produkte folgen. In Paris be­nutzt man die Ratten dazu, das Fleisch von Kadavern ab­zunagen, die man zur Herstellung von Skeletten braucht, diese Ratten werden dann geschlachtet, ihr Fell Verwender