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dem Sonnenlicht überflutet war. Die heilige Handlung umfaßt den Leidensweg unsers Herrn und Heilands von seinem Einzug in Jerusalem bis zu seiner Auferstehung in 18 Abteilungen. Jede Abteilung wird eingeleitet durch das Auftreten des 34 Männer und Frauen umfassenden Chores mit dem Prologsprecher (dem früheren Christus- > darsteller an der Spitze) die die Handlung vorbereitenden Worte des Prologsprechers — eine prachtvolle majestätische Gestalt, gehüllt in ein langes, silberdurchwirktes Gewand — greift der ebenfalls in lange Gewänder gekleidete Chor im Gesang auf. So trefflich auch der Chor geschult ist, so wunderbar schöne Stimmen auch im Einzelgesang aus demselben hervortreten, der immer wieder mit jedem Akt- schluß sofort auftretende Chor hat auf die Dauer etwas Ermüdendes, zumal die ganze musikalische Bearbeitung sich sehr klein und unbedeutend gegenüber der Großartigkeit des behandelten Stoffes ausnimmt. Jeder der 18 Akte der Abteilungen zerfällt nun in ein alttestament- liches Vorbild — dargestellt durch ein lebendes' Bild — und in die neutestamentliche Handlung, bei der die Bibelworte durch die Mitspielenden teils in sehr freier Umschreibung, teils in der für das Ohr eines evangelischen Zuhörers ungewohnten katholischen Uebersetzung wiedergegeben sind. Sowohl in den lebenden Bildern, wie in dem ganzen Arrangement der von Handlungen erfüllten Szenen macht sich ein feiner künstlerischer Sinn bemerkbar. Es sind z. B. beim Einzug Jesu in Jerusalem, vor dem Richthaus des Pilatus, aus dem Kreuzweg und während der Kreuzigung viele hundert Menschen gleichzeitig auf der Bühne. Die Natürlichkeit wie die dramatische Lebendigkeit, mit der diese Massen sich bewegen, ist geradezu bewundernswert, nichts von theatralischer Effekthascherei, nichts von unvermittelten Uebergängen in der Stimmung, das entwickelt sich alles vor unfern Augen so naturgetreu, so wahr und packend, daß man teilweise Zeit und Raum vergessen und glauben konnte, selber ein Zeuge der ursprünglichen Vorgänge zu sein.
Und nun zu den Einzeldarstellern! Das Hauptinteresse nimmt natürlich Anton Lang jr. in Anspruch als Darsteller der Person unseres Heilands. Ich must gestehen, ich hatte gefürchtet, der erst 26 jährige Darsteller müsse sowohl durch die häufige Wiederholung des Spiels, wie durch die Schwärmerei, die ihm namentlich von Ausländerinnen entgegengebracht wird, mit der Zeit etwas einbüßen an der frommen Unmittelbarkeit und innigen Versenkung in das hohe Vorbild des Meisters, ohne die eine wahrhaft würdige Vertretung dieser schwersten Aufgabe im ganzen Spiel undenkbar ist. Aber ich war angenehm enttäuscht: es lag eine wahrhaft heilige Ruhe, Klarheit und Festigkeit über der ganzen Gestalt, die auf's tiefste ergriff. Mehr noch als das sympathische, aber vom Dialekt nicht immer ganz freie Organ, fesselte die wunderbare Ebenmäßigkeit und Formenschönheit in jeder körperlichen Bewegung; man hatte die Empfindung: das ist nichts äußerlich Angelerntes, das ist bei dem Darsteller nur der Ausdruck des Ergriffenseins von der gewaltigen göttlichen Persönlichkeit, die er mit immerhin schwacher menschlicher Kraft wiederzugeben sich bemühte. Die ganze Wiedergabe hatte ihre Höhepunkte — so bei der Fußwaschung urto bei der Abendmahlseinsetzung, eine Szene von geradezu überwältigender Schönheit und Weihe — sie hatte aber auch ihre schwachen Momente, bei denen man die lebhafte Empfindung hatte, daß auch die innigste Darstellung nicht entfernt heranreicht an die Gestalt und das Erlebnis des Meisters — dies war bei dem Gebetskampf Jesu im Garten Gethsemane. Gerade bei diesem Vorgang, so keusch und zart er auch behandelt wurde, drängte es sich einem auf, daß das Gebet und namentlich dies Gebet von einem Menschen überhaupt nicht wiedergegeben werden sollte; es ist für uns zu unergründlich tief, zu göttlich groß. — Wie aber war's bei dem Kreuzesweg, der Kreuzigungsszene? Zunächst: auch hier lag über der Erscheinung des Christus eine ergreifende Wtzrde, Hp-Heit und Ergebenheit; die sieben Worte am Kreuz, besonders das „Eli, Eli lama asabthani" werden jedeü, der es gehört hat, erschüttert haben, nicht minder vorher der Zusammenbruch- des Herrn unter dem Kreuz auf dem Wege nach Golgatha. Allein der ganze Höhepunkt der Leidensgeschichte wäre meiner Meinung nach noch von
größerer innerer Wirkung auf die Zuhörer gewesen, wenn die krasse, grausame Realistik, in der die ganzen Vorgänge an und unter dem Kreuz dargestellt wurden, in etwas gemildert worden wäre. Bei der ganzen Szene wechselte bei dem Zuhörer das Schaudern über die brutalen^ Grausamkeiten mit dem äußeren Mitleid für den Mann der Schmerzen. Es ist dies ja echt katholisch empfunden, dem Gläubigen das ganze volle Maß der körperlichen Qualen recht handgreiflich vor Augen zu führen und damit auf seine Sinne zu wirken, aber für unser protestantisches Gefühl wäre meiner Meinung nach an diesem Platz etwas weniger mehr gewesen; denn vor lauter Schauer über die Vorgänge kam entschieden zu kurz diestilleVersenkungindieuner- meßlichegöttlicheLiebe, die aus freiem Triebe hier ihr Leben, s i ch s e l b st hingiebt für die sündige Menschheit. Uebrigens kam man während der ganzen Szene aus einer inneren Unruhe und einem starken Mitleidsgefühl für den Christusdarsteller nicht heraus, der volle 20 Minuten in der Lage am Kreuz verharren muß. Wenn auch dabei Erleichterungsmittel, die übrigens trotz scharfer Beobachtung nicht zu erkennen waren, angewandt worden sind, so muß diefer Akt trotzdem dem Darsteller eine qualvolle große körperliche Anstrengung bereiten. Nach all dem Schrecklichen, was man da gesehen, besonders auch noch zuletzt nach der rohen Art, mit der die Kriegsknechte den beiden Uebelthätern die Beine brachen, und dem Herrn die Lanze in die Seite stießen, war die Abnahme des Leichnams Jesu vom Kreuz durch seine Getreuen und die Grablegung um so wohlthuender; denn sie geschah mit einer rührenden Liebe und Sorgfalt. Die nun folgende Auferstehung des Herrn, so notwendig sie als Thatsache zum Ganzen der Passion gehört, fiel in der Da r st e l l u n g des Spiels entschieden gegen die vorhergehenden Szenen ab.
Wenn wir noch auf die anderen Personen der Handlung einen Blick werfen, so fällt es auf, wie als Hauptperson neben die Gestalt Christi die des Judas tritt. Es ist ja biblisch nicht zu rechtfertigen, daß Judas durch die bei der Tempelreinigung schwer beleidigten Händler zum Verrat bestochen wird, aber die Seelenkämpfe des Judas, besonders das immer mehr erwachende Bewußtsein der Ruchlosigkeit seiner Handlung, sind von dem Verfasser des Spiels in ihrer ganzen Furchtbarkeit erschütternd dargestellt und von dem Vertreter dieser Gestalt meisterhaft gegeben worden, schade nur, daß diese Selbstanklagen einen zu breiten Raum einnehmen, und durch die bevorzugte Behandlung dieses einen Jüngers seitens des Verfassers die Gestalten der anderen Jünger, wie die eines Petrus und Johannes, allzusehr in den Hintergrund treten. — Es soll eben das personifizierte Böse in seiner abfchreckend- sten Erscheinung so recht unvermittelt neben die göttliche Erscheinung des Guten gestellt werden. — Von den anderen Personen fielen besonders der Hohepriester durch seine gewaltige Figur und seine mächtige Stimme, Pilatus durch sein derbes rauhes Wesen auf, doch darf auch nicht vergessen werden die Gruppe der Frauen: Maria, Maria- Magdalena usw. Hier kontrastierte das würdige sympathische Aussehen der Gestalten seltsam gegen den harten fast fchrillen Klang ihrer Stimmen, die an manchen Stellen direkt störend wirkten. —
Alles in allem kann der Schreiber dieser Zeilen, dev von Haus aus sehr ablehnend gegen eine dramatische Aufführung des Lebens und Leidens Jesu sich! verhielt und mit kritisch abwartenden Gefühlen dem Spiel entgegensah, bekennen, daß er sich angenehm enttäuscht fühlte. Wohl zieht sich durch das Ganze die Unzulänglichkeit des Menschen, das Höchste und Heiligste, was wir haben, darzustellen, aber diese Leute dort geben, getragen von ihrer eigenen geschichtlichen Vergangenheit und einzigartig eingelebt in die Gestalten des Neuen Testaments, das Beste, was sie nur tznMer können, und das mit einem Ernst, einer Würde und einer Innigkeit, die jeder theatralischen Mache fern ist. Man konnte, ergriffen durch die Spielenden, aber auch wohlthuend berührt durch die lautlose Stille und Aufmerksamkeit der Tausende von Zuhörern zeitweilig ganz vergessen, daß es nur ein Spiel war, das vor den Augen vorüberzog.


