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nicht blöde. Er geht, ohne Nero und dessen jungen Herrn mich nur eines Blickes zu würdigen, tapfer auf die Dame zu und giebt ihr die Hand. Er nennt laut seinen Namen und fügt unaufgefordert hinzu:Ich bin vier Jahre alt, der Kaiser rst mein Pate, meine Schwester heißt Mieze, und ich habe sieben Brüder."

Frau Gertrud ist entzückt von dem kleinen naturwüch­sigen Jungen.

Kaum hat sie den reichen Kindersegen erfahren, als sie an den stolzen Vater die Frage richtete:

Herr Wohlgemuth, würden Sie mir wohl diesen! Lieben Jungen zum Spielgenossen für meinen Hans lassen? Sw haben ja zu Hause noch genug von dem Pracht­völkchen !"

Wie meinen Sie das, gnädige Frau?" lautete die verlegene Gegenfrage.

Frau Gertrud zieht sich mit ihrem Gatten und Willis Vater in eine Fensternische zurück. Das Ergebnis der Halb- Laut geführten Unterredung ist, daß Willi schon am Nach^- mittage von Mutter, Tante Marie, Mieze, Heinrich, Ernst, Fritz, Albert, Bernhard, Ludwig und Georg Abschied nimmt, um mit seinem neuen Freunde Hans und dem wiederversöhnten Nero zusammen zu wohnen.

Mag das Dichterwort von demschweren Ertragen! einer Reihe von schönen Tagen" für Erwachsene geltens für Kinder gilt es nicht.

Willi hatte ein ausgesprochenes Talent, alle guten Dinge dieser Welt, die für Geld zu haben sind, zu nehmest, wie sie sind. Er hat längst ausgehört, sich über irgend etwas zu wundern, und doch ist es noch gar nicht so lange her, daß er es durchaus nicht begreifen konnte, weshalb r und Hans jeder sein Bettchen für sich haben sollten und noch dazu eins mit einembunten Himmel",von inwendig weiß", während er bisher mit Bernhard und Ludwig zu­sammen ganz gut geschlafen; weshalb es bei Tisch nur ein kleines Stückchen Brot giebt, nur eine Kartoffel, dafür aber so viele andere gute Sachen und jeden Tag etwas Leckeres; weshalb er sich nicht selbst zu waschen braucht, sondern jeden Morgen in eine weiße, blanke Wanne hineinspaziert und dann nur still zu halten hat; weshalb er nicht mehr ohne Hut und Pantöffelchen auf die Straße darf, sondern genau so sauber angezogen wie Hans, von Fräulein" ausgeführt wird. Aber jetzt kann nichts sein Erstaunen mehr erregen.

Trotz dieser Veränderungen bleibt Willi der bescheidene gut erzogene Junge.

Kein Fremder könnte unterscheiden, sieht er die beiden Knaben zusammen, wer das richtige, wer das fremde Kind ist. Willi ist zwar draller als Hans, dessen zartere Formen die Herkunft verraten. Aber ihnen beiden lacht aus den offenen Kinderaugen der ungetrübte Sonnenschein des Glückes.

Nero teilt seine Liebe zwischen ihnen. Der kluge Hund muß es wohl verstanden haben, wie Hans tägliche hundert­mal wiederholt:Willi, Du bist nun mein Bruder, gerade so, als ob Dich; derselbe Storck; gebracht hat wie mich: Du bist mein Bruder, und wir bleiben immer zusammen, immer, immer. .

Hans weiß mehr von seiner Welt. Er erzählt, wenn Fräulein" nicht dabei ist, in geheimnisvoller Weise von denglanten" (soll heißen: eleganten) Tanten und Onkels, die aibendsganz, ganz spät, nachdem sie uns zu Bett ge­schickt haben, zu Papa und Mama zu Besuch kommen." Aber keine ist soglant" wie seine schöne Mama.

Das reine Kinderseelchen Willi weiß nichts von Neid; er freut sich der schönen Mama, die ja auch gegen ihn voller Güte ist. Kinder fühlen es deutlich, wer sie aufrichtig liebt.

So gehen Monate dahin.

Unter den Dienstboten des großen Haushaltes spielt die dicke Köchin die erste Rolle.

Einumgeworfenes Menu" für eine kleine Wend­gesellschaft hat indes den gerechten Zorn des Hausherrn erregt. Das Gewitter ist schwer auf Auguste niederge­gangen, und dröhnend durchschallen das Souterrain die Worte:Ick ziehe am Ersten!"

Diese Worte werden von den Kindern gehört, die auf der Gartenterrasse spielen.

Hans versteht den Berliner Dialekt schlecht, aber Willi besser. Er ahnt die Bedeutung, obgleich er bisher natür­lich noch nichts von demDienstbotenelend der Herrschaft" wissen kann.

Ein Zwist im Hause ist den beiden Knaben etwas ganz neues, das naturgemäß ihre volle Neugierde erregt.

Fräulein" soll ihnen erklären, was Auguste ge- schrieen hat.

Das pädagogisch veranlagte Fräulein erklärt:Auguste ist ungezogen gewesen und muß deshalb am ersten Septem­ber fort."

Hans fragt:Wohin?" Willi:Weshalb?"

Die Antwort lautet für beide:Das weiß ich nicht!"

Die Kinder halten einen Kriegsrat. Willi, der um zwei Monat Aeltere, ist, wie gewöhnlich, der ausführende, Teil. Sobald Fräulein auf einen Augenblick ins Haus gegangen ist, verfügt er sich stapfend in die Küche.

Wat willst De, mein Jungekem?"

Weshalb hast Du vorhin geweint, Auguste?"

Na, so wat, ick heulen?! Jelacht hab ick, dat mir die Wände weh duhn!" dabei stemmt sie sich in die Hüften.

Weshalb ziehst Du denn?"

Na, nu Heere Eener man bloß so 'nen Jrünschnabel! ziehe! Weshalb ach, wat, weshalb! weshalb! Behan­deln ,duhn se mer schlecht, und da ziehe ick Leine! Fort geh'n 'duhe ick, und Du dhätest ooch besser, Du jingest zu Muttern, eh' se Dir an die Luft setzen! Es ist 'ne bloße Affenschande"

Der Küchendragoner hält plötzlich inne.

Der Knabe ist so weiß geworden, wie die Farbe der Porzellanwände in der Küche. Dicke Thränen rollen ihm aus den eben noch so heiteren Augen. Dann läuft er spornstreichs davon, schlägt aber auf der ersten Treppen­stufe hin. Vermutlich, weil die Thränen ihn blenden oder vor Aufregung.

Auguste will ihm beistehen. Ehe sie sich aber zur Treppe hinschiebt, steht Willi längst wieder auf seinen Füßen und ist einen Augenblick später auch schon oben.

Er eilt an Hans vorüber, der ihn so gerne ausgefragt hätte. Er rennt ins Haus, gerade in Frau Gertruds Zimmer.

Was ist geschehen, mein Junge?" fragt die besorgte Frau, und streicht ihm das wirre Haar von der Stirn.

Ich bitte, ich bitte, ich will nach Hause!"

Nach Hause?"

Ja!"

Hast Du mit Hans Streit gehabt?"

Nein. Ach, mein guter, lieber Hans!" schluchzt Willi.

Mso was hast Du, mein lieber Willi?"

Ich bitte, ich bite, ich, will nach, Hause!"

Ich bitte, ich bitte, ich will nach Hause!" das wieder­holt Willi schluchzend, weinend, klagend, jammernd auf alle Fragen, die Frau Gertrud und Hans der mit an­fängt zu weinen an ihn richten. Weiter ist nichts aus ihm herauszubekommen.

Niemand war Zeuge der Unterredung zwischen ihm und Auguste. Diese schweigt wohlweislich.

Es ist alles vergeblich Willi geht nach Haus.

Mehrere Stunden später reicht «i mit verweinten' Augen, aber ruhig dem Vater, der MuWr und der Tante die Hand und streichelt Mieze, welche auf dem Schoß der Tante sitzt. Der kleine Georg verbirgt sich hinter der Mutter.

Aus der Schule heimkehrend, begrüßten ihn Heinrich, Ernst, Fritz, Albert, Bernhard und Ludwig. Sie spielen mit ihm, als sei er niemals fort gewesen.

Vergessen ist alles, was er in dem reichen Hause hatte. Er hat auch von der Kleidung und dem schönen Spielzeugs nichts behalten.

Als er aber abends mit Bernhard und Ludwig schlafen geht, betet er:

Lieber Gott, und schütze auch! Mama Gertrud, Papa Eduard und meinen lieben, lieben, guten Bruder Hans!"

Wer ergründet eine Kinderseele?!