Ausgabe 
3.7.1900
 
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1900. - Nr. 92»

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sie die Perle trägt,

Das macht die Muschel krank;

Dem Himmel sag' für Schmerz,

Der dich veredelt, Dank. Rückert.

(Nachdruck verboten.)

Die Irre von Sankt Rochus.

Kriminalroman von Gustav Höcker.

(Fortsetzung.)

Ob ich Neuigkeiten bringe? O ja, Herr Doktor; ich bin ziemlich viel herumkutschiert und kann" mit den Ergeb­nissen meiner Kreuz- und Querfahrten wohl zufrieden sein, wenn ich auch gleich hinzufügen muß, daß es noch immer nur Fußstapfen sind, hinter denen ich einhergehe, und daß die Personen selbst, die ich greifen möchte, sich meinem Gesichtskreise noch entziehen."

Es Ivar im Zimmer Doktor Gerths, wo diese Worte mit gedämpfter Stimme gesprochen wurden, und der vor­sichtige Sprecher ivar Herr Titus Allram, welcher in der ehrwürdigen Gestalt des weißbärtigen, blau bebrillten Doktor Hauser dem Irrenärzte soeben seinen zweiten Be­such machte.

Nein, bitte! wegen mir keine Umstände", sagte er, als .er bemerkte, daß Gerth eine elektrische Klingel in Thätigkeit setzen wollte.

Nur eine kleine Erfrischung", bat der Arzt. ,

Ich habe bereits zu Mittag gespeist, um den Gewal­tigen von Sankt Rochus wenigstens in diesem Punkte nicht belügen zu müssen, falls er mich wieder zum Diner ein­laden sollte."

Er ist verreist."

Das ist mir sehr angenehm."

Aber wenigstens ein Glas Wein"

Auch dafür muß ich danken. Ich trinke Wein für mein Leben gern, aber nur, wenn id) ausgespannt bin. Ich kenne meine Schwäche: aus einem Gläschen werden zwei und drei, und dann bin ich zu allem aufgelegt, nur nicht zu ernsten Geschäften."

Doktor Gerth kehrte zu seinem Stuhle zurück.

Wer ist Grotjau?" begann der Detektiv seinen Bericht, indem er die blaue Brille auf die Stirne hinaufschob.Wer ist dieser Grotjau, der zuletzt Merkurbriefträger und vorher Zimmermaler war, nachdem er sich in Magdeburg den Strick um den Hals gelegt hatte? Das zu ergründen, war der nächste Zweck meiner Reisen, und ich, weiß jetzt, wer er ist."

Sie wissen ? frug Gerth überrascht.

Allram nickte langsam mit dem Kopse und sah den Irrenarzt mit einem eigentümliche forschenden Blicke an. Wirst Du es aber auch gern hören? Muß meine Entdeckung nicht einen alten Argwohn wieder ausleben lassen, den Du Dir bereits aus dem Sinne geschlagen hattest? Das waren Allrams Gedanken, die sich! in seinem Blicke aus­sprachen, die aber Gerth erst erriet, als er alles wußte, was jener ihnt zu sagen hatte.

Es erforderte keinen besonderen Scharfsinn", fuhr der Detektiv fort,um auf den Gedanken zu kommen, daß die Personalien dieses Grotjan sich nur auf falsche Legiti­mationspapiere gründen konnten, die er einem andexen gestohlen hat. In meiner früheren Praxis gehörte diesep Fall zu den Alltäglichkeiten. Als ich mir durch eine telegraphische Anfrage die Gewißheit verschafft hatte, daß der Malermeister, bei dem Grotjan unmittelbar vor seinem Selbstmorde gearbeitet, von seiner Badekur zurückgekehrt sei, reiste ich sogleich wieder nach Magdeburg und veran­laßte den Meister, in seinen Lohnlisten nachzusehen, wer damals mit Grotjan zugleich bei ihm in Arbeit gestanden hatte. Es waren fünf Gehilfen gewesen, eine große Zahl, wenn ich jedem einzelnen derselben hätte nachspüren müssen. Ich hatte jedoch Glück, denn unter diesen fünfen trug einer einen Namen, der für mich eine große Anzie­hungskraft besaß. Er hieß (hier traf den Irrenarzt wieder jener forschende Blick) er hieß Bruscher."

Bruscher?" fuhr Gerth auf, erstaunt und erschrocken zugleich. Darauf war er nicht gefaßt gewesen.

Bruscher, Heinrich Bruscher, ja", nickte der Detektiv, das ist der richtige Name des höchst verdächtigen Merkur­briefträgers. Bruscher heißt er, wie Professor Georgis ehemalige Wirtschafterin."

Das ist doch äußerst seltsam! Oder sollte hier der Zufall spielen?"

Wir werden sehen", sagte Allram mit großer Ruhe. 'Es gelang mir, in Magdeburg noch zu ermitteln, daß Bruscher, der mit Grotjan zugleich aus der Arbeit entlassen worden war, sich auch mit diesem bei dem gleichen Logis- wirt in Schlafstelle befunden hatte. Diese Familie wohnte nicht mehr in Magdeburg, von ihr hätte ich jedoch auch kaum erfahren können, was ich mir selbst sagte: daß näm­lich Bruscher den Tod seines lebensmüden Kollegen und Schlafgenossen benutzt hatte, sich dessen Legitimationsi- papiere anzueignen. Welcher Grund ihn bestimmt haben, mochte, seinen Namen abzulegen, darauf werde ich gleich zu sprechen kommen. Da ich aus den polizeilichen Melde­listen ohne besondere Schwierigkeit erfuhr, aus welchem Orte Heinrich Bruscher gebürtig war, so war mir jetzt meine Reiseroute vorgeschrieben. Aber der Ort konnte ja über Nacht nicht fortgetragen werden, und so durfte ich mir den Luxus gestatten, einen Seitenpfad einzuschlagen. . Sie