Ausgabe 
3.4.1900
 
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land alle aus Mittelasien kommenden Nachrichkpn, und während man bezüglich Persiens kaum noch int Zweifel darüber sein kann, daß es der russischen Machtsphäre an­heimfällt, hofft man jenseits des Kanals, wenigstens von den afghanischen Bergländern, noch so viel erwerben zu können, um daraus eine sichere Vormauer für das Vor­wärtsdringen der über alles gefürchteten Russen erbauen zu können. Thatsache ist, daß England seit zwei Jahr­zehnten über den schneebedeckten Bergketten des Hindukuh und des Sija-kuh das Gespenst einer russischen Invasion in Indien erblickt, und so rücken im Hinblick auf die immer 'wiederholten Nachrichten von russischen Truppenbeweg­ungen gegen die afghanische Grenze diese fast vergessenen Lande aufs neue in den Vordergrund des Interesses.

Wir stehen hier auf althistorischem Boden. Von den drei bedeutenderen Städten Afghanistans, welche ja leider noch immer das einzige sind, was eine Gymnasialgeographie über das interessante Land anzugeben weiß, haben zwei keinen geringeren als Mazedoniens großen Alexander zum Erbauer, der in den Jahren 330 und 329 v. Ehr. das damals zu Persien gehörige Land seinem Szepter unter­warf und Alexandreia Areion (das heutige Herat) und Alexandreia Arachoton (das heutige Kandahar) gründete. Mit dem Untergang der persischen Herrschaft war es auch mit der Ruhe des Landes und seiner Bewohner vorbei. Dem nur wenige Jahrzehnte währenden griechischen Regi- mente folgte die Herrlichkeit des Partherreiches, dann die­jenige der Sassaniden, welche ihrerseits wieder den Arabern Platz machen mußten, und als sich diese von dem Khalifen in Bagdad unabhängig machten, wechselten die Dynastien in bunter Reihenfolge aufeinander, bis endlich wieder im 17. Jahrhundert eine einheimische Familie, die Durani, zur Macht gelangten. Auch ihre Herrschaft war nicht von Dauer und wurde dnrch den Perserschah Nadir nieder­geworfen; bald aber folgten wieder eingeborene Dynasten, unter denen das Land in viele Teile zerfiel, was schließlich die Einmischung Englands und Ritßlands herbeiführte. Im Jähre 1838 rief Schah Sudschah, welcher sich zuin Herrn von Herat und Umgebung aufgeworfen hatte, die Engländer zur Hilfe herbei, die nicht zögerten, und schon im nächsten Frühjahr 9000 Mann ins Land sandten nnd Sudschah als Herrn von ganz Afghanistan in die Königs­burg von Kabul führten. Der Fremdenhaß der fanatisch inuhamedanischen Bevölkerung, unter der russische Send- linge mit Erfolg die Flamme des Aufruhrs schürten, führte bald zu einer entsetzlichen Explosion. Am 2. November 1841 brach die Empörung los, und während der Schah mit der britischen Besatzung sich kaum in die stark befestigte Zita­delle zu flüchten vermochte, wurde die gesamte europäische Kolonie Kabuls ermordet, und auch ein großer Teil der über das Land zerstreuten englischen Armee verfiel dem­selben Schicksale.

Durch 37 Jahre begnügte sich nun England, in die Geschicke des Landes, in welchem der Bürgerkrieg in Per­manenz erklärt war, nicht durch Waffengewalt, sondern nur durch den Einfluß klingender Münze einzugreifen, bis neue Wirren die Engländer im Jahre 1878 veran­laßten, wiederum die Gewalt ihrer Waffen geltend zu machen. Den Vorwand fand man in der Ablehnung des Emirs, eine englische Gesandtschaft zu empfangen. Der­selbe General Roberts, der sich jetzt eben in Südafrika den zweifelhaften Ruhm erwirbt, der Mörder des Buren­stammes zu werden, entschied das schwankende Waffenglück zu Englands Gunsten. Seinen Weg nach Kabul kennzeich­neten Galgen und verbrannte Besitzungen: aber auf den Zinnen von Kandahar, wo er den Prätendenten Ejub Khan endgiltig besiegte, winkte ihnt das mit Blut geschriebene Diplom eines Lord of Kandahar, als der er jetzt im eng­lischen Adelsbuche figuriert.

Sein Schützling Abdurrhaman, der am 22. Juli 1880 zum Emir von Afghanistan proklamiert wurde und seitdem von England einen bedeutenden Jahresgehalt bezieht, hat den Engländern nie besonderes Vertrauen eingeflößt; denn ebensogut wie der Wohlklang des englischen Sovereigns ist der des russischen Rubels, der, seit Rußland seinen Er­oberungszug 1861 in Mittelasien begann, immer lauter und vernehmlicher ertönt. Seit Rußland seine mittel- asiatische Bahn bis Andischan ausgedehnt hat, steht in

Penschdeh, hart an der afghanischen Grenze, russisches Militär, und die in Kuscht' garnisonierende russische Schützenbrigade, welche durch die neuerbaute Murahab- bahn eine sichere Rücklehnung auf Merw hat, vermag durch einen Marsch von kaum 90 Kilometer bis unter die Mauern von Herat zu kommen, das von jeher als der Schlüssel von Indien gegolten hat.

Diese bedeutungsvolle Bezeichnung kann nur von einem recht optimistischen Gehirne erfunden sein; denn ein Blick auf die Karte Afghanistans, dessen Mitte von hohen Bergketten eingenommen wird, zwischen denen tief und schroff die Flußthäler eingeschnitten sind, zeigt deut­lich, daß der Besitzer von Herat diese zentralen Gebirgs­systeme erst in einem tzewaltigeu Bogenmarsch bis Kandahar umgehen muß, ehe er wirksam Indien bedrohen kann. Um sich aber hier das Prävenire zu sichern, haben die Eng­länder längst die nach Quetta führende Bahn mittels einer gewaltigen Durchtunnelung der Chodscha-Amrumberge gegen Kandahar weitergeführt und können von deren End­punkte Nutschaman letztgenannte Stadt mindestens ebenso schnell erreichen, wie die Russen Herat. Immerhin ist aber mit großer Sicherheit anzunehmen, daß auf den zwischen beiden Orten liegenden Hochebenen entscheidende Schlachten um den Besitz der asiatischen Herrschaft dereinst geschlagen werden.

Auch äußerlich präsentiert sich übrigens dieser Schlüssel zur Weltherrschaft in recht verrostetem Gewände. Der Afghane nennt in poetischem Ueberschwange Herat die Perle der Welt"; aber wenn man dem nationalen Ent­husiasmus auch noch so viel zugute zu halten geneigt ist, so kann man doch nur der Umgebung der Stadt lobende Qualitäten zuerkennen. Besonders wenn man von Norden aus dem Gebirge Chodscha Abdullah Ansari in das eminent fruchtbare, in weiter Ebene sich hindehnende Flußthal des Heri-Rud eintritt, befindet man sich in einer paradiesischen Landschaft. Baumwuchs fehlt zwar fast vollständig; nichts­destoweniger hat aber die Ueppigkeit der Kulturen, be­sonders des Weinbaues und der Oelbaumpflanzungen noch auf keinen Reisenden ihren Eindruck verfehlt.

Mit 26 Bogen überspannt eine plumpe Brücke den Fluß; dann geht es noch 5 Kilometer weiter gegen Süden bis zur Stadt, welche in Gestalt eines länglichen Vierecks erbaut, ehedem von einer 15 Meter hohen Lehmmauer um­geben war, jetzt aber durch englische Genie-Osfiziere in eine starke Festung umgewandelt ist, die erheblichen Wider­stand leisten kann, vorausgesetzt, daß sie die entsprechenden Verteidiger findet. Das Innere der Stadt jedoch ist ruinen- haft, und nur der Bazar, welcher früher die ganze Länge der Hauptstraße einnahm, und vom Arak- bis zum Kan- daharthore reichte, ist auch in seinem Verfall noch schön. Von mächtigen Kuppeln überbaut, die schon mancher Be­lagerung getrotzt haben, vereinigt er in sich die Handels­erzeugnisse von drei in ihrer Kultur recht verschiedenen Ländern, und das bunte Durcheinander der uns hier um­gebenden Menschen zeigt deutlich, daß hier Persien, Mittel­asien und Indien mit ihren Völkerschaften aneinander grenzen. Aber 20 Schritt seitwärts, in die erste beste Neben­gasse hinein, grinst der Verfall, der nun doch das unver­meidliche Schicksal dieser Länder und ihrer Bewohner zu sein scheint. In einem Häusergewirr, welches sich ebenso unvorteilhaft durch die Enge der Straßen wie durch den Schmutz der Gebäude auszeichnet, haust eine Bevölkerung von etwa 50000 Menschen, unter denen sich natürlich Tausende von Turkmenen, Indiern, Persern, Tataren und Juden befinden. Der echte Afghane, obwohl selbst persischer Abstammung, unterscheidet sich äußerlich auch von den Persern durch seine Gewandung. Das eigentliche National­kostüm besteht aus einem langen Hemde samt Unterhosen und einem togaartig darüber geworfenen Leinentuche. Daneben liebt es aber der Afghane auch, sich in einem halb militärischen Kleide zu zeigen, einem merkwürdigen Räuberzivil, bei welchem er über sein Hemd einen roten englischen Waffenrock zieht, und seinen Kopf mit einem vielfach gewundenen indischen Turban umhüllt.

Der Umgebung der Stadt hat man erst in neuester Zeit die gebührende Beachtung geschenkt. Afghanistan als ganzes ist schon überreich an Baudenkmälern aus allen Jahrhunderten; die Umgebung Herats aber ist eine Fund-