68v -

Da raffte der Bankier noch einmal alt seine Kraft zusammen.Sie sind im JrrMm, wenn Sie glauben, daß meine Tochter die Denunziantin gewesen^sei. Das ist ein wahnwitziger Gedanke ! Woher nehmen Sie das Recht, ihr eine solche Handlungsweise zuzutrauen?"

Aus meiner Kenntnis des<Äveiblichen Herzens. Ein verschmähtes Weib ist noch ganz anderer Dinge fähig, selbst wenn es von Haus aus weniger furienhast ver­anlagt wäre, als Ihr schönes Töchterchen."

Ein verschmähtes Weib? Sie hätten also meine Toraverschmäht Sie?"

.Ich Mar leider durch die Umstände dazu genötigt. Aber wir wollen uns nicht mit der Erörterung von neben­sächlichen Dingen aufhakten. Die Beweggründe der jungen Dame siegen für mich so klar zntage, daß es keines Streites darüber bedarf. Es handelt sich für mich nur noch darum, zu erfahren, inwieweit sie mir mit ihren Rachegelüsten gefährlich werden kann. Also offen und ohne Hinterhalt: was haben Sie ihr erzählt?"

Franz Norrenberg wand sich auf seinem Stuhl wie in körperlichen Schmerzen.

Es war beinahe nichts, was ich ihr gesagt habe", stöhnte er,einige allgemeine Andeutungen, die nichts Bestimmtes erraten ließen. Ich hatte ja kein anderes Mittel mehr, sie aus dem Bann dieser unglückseligen Neigung zu befreien. Und vor meiner Vaterpflicht mußten am Ende alle Rücksichten verstummen."

Ich habe keine Veranlassung, mich mit Ihnen über Ihre Baterpflichten auseinander zu setzen, lieber Ihre Pflichten gegen mW aber werden wir sogleich ins reine kommen. Zuvor nur noch eine Frage und ich rate Ihnen gut, wenn ich Ihnen empfehle, sie der Wahr­heit gemäß zu beantworten: kennt Ihre Tochter den Namen, den ich damals führte, und weiß sie irgend etwas, das die Behörden bei weiteren Nachforschungen auf die richtige Fährte leiten könnte?"

Nein ich schwöre es Ihnen nein! Ich habe ihr gesagt, daß es einen dunklen Punkt in Ihrer Ver­gangenheit gebe sonst nichts ! Und schon deshalb kann es njcht Dora gewesen sein, die jene Anzeige gegen Sie erstattet hat."

Dann wäre also noch nichts verloren, und meine schöne Freundin hätte zu früh triumphiert. Selbstverständ­lich wird die Reihe des Verhörtwerdens nun an Sie kommen."

An Mich?" rief Norrenberg, sich. mit beiden Händen an die Armlehne seines Sessels klammernd.Hat man Ihnen auf der Polizei das gesagt?"

O nein, so dumm ist man dort doch nicht gewesen. Aber man braucht nicht eben viel Schärfsinn, um zu diesem Schluß z!u gelangen. Wenn Fräulein Dora sich nicht stark genug fühlte, mich aus eigener Kraft völlig zu vernichten, so hat sie diese ehrenvolle Ausgabe unzweifel­haft Ihnen zugedacht. Ich möchte wetten, daß Sie noch heute den Besuch eines Geheimpolizisten oder irgend eine Vorladung erhalten werden, um über Ihre angebliche Mitwissenschaft Auskunft z,u erteilen."

Der Bankier starrte wie ein Geistesabwesender vor sich hin.Das wäre das Ende", kam es von seinen blut­losen Lippen.Lieber den Tod!"

O, es ist durchaus nichts Fürchterliches dabei. Sie brauchen ja nur zu erklären, daß an jener Denunziation kein wahres Wort ist, und daß Sie von meiner Ver­gangenheit nur die allerschönsten und schmeichelhaftesten Dinge wissen. Wir haben uns bei früheren Unter­haltungen hinlänglich darüber verständigt, wie den Leuten unsere alte Freundschaft zu erklären sei, und dabei müssen Sie natürlich jetzt auch den Behörden gegenüber bleiben."

Aber der andere schüttelte verzweifelnd den Kopf. Ich könnte es nicht schon der Gedanke an ein Verhör bringt mich fast um den Verstand. Ich habe nicht mehr Ihre Spannkraft und Widerstandsfähigkeit Sie sehen ja, ich bin ein kranker Mann."

Das sehe ich allerdings; aber ich habe, wie Sie begreifen werden, keine Lust, darunter zu leiden. Und nun geben Sie wohl acht auf das, was ich Ihnen sagen werde; denn es dürfte sich mir nicht leicht eine Gelegen­heit bieten, es zu wiederholen. Es. ist im eigentlichen

Sinne des Wortes Ihr und Ihrer Tochter Schicksal, das Sie da in den Händen halten. Ob man uns wegen jener alten Geschichte jetzt noch den Prozeß machen könnte, ist fraglich; aber ich will nicht genötigt fern, Walden- berq als ein Geächteter zu verlassen. Mehr als je bin ich entschlossen, meinen Platz in der guten Gesellschaft dieser Stadt zu behaupten. Wenn man mrch schon tn der nächsten Stunde verhaftete, würde ich noch Zeit genug nnden, Sie und Ihre Tochter erbarmungslos zu Gruüde zu richten. Meine Vorbereitungen dazu sind getroffen, und nun ist es in Ihre Macht gegeben, ob das Verhäng­nis über Ihr Haus hereinbrechen oder ob es gnädig daran vorübergehen soll. Der Augenblick, der mich nötigt, von hier abzureisen, besiegelt Ihr Verderben. .Sagen Sie das Ihrer schönen Tochter, und hüten Sie sich, es zu vergessen, wenn Sie demnächst in die Lage kommen, Aus­kunft über mich zu erteilen! Ich habe Versprechungen wie diese bisher noch nie unerfüllt gelassen. Und nun genug! Morgen mittag pünktlich um zwölf Uhr erwarte ich imKönig von Spanien" Ihren Abgesandten mit dem Gelde. Es wird unser letztes Finanzgeschäft sein, und ich werde Sie dabei nicht betrügen."

Auch als der Besucher ihn längst verlassen hatte, saß Franz Norrenberg noch immer als ein Bild des Jammers fassungslos vor seinem Schreibtisch. Wenn alles dies ihn vor zwei oder drei Jahren getroffen hatte, als er noch ein gesunder Mann und im Vollbesitz feiner Kräfte war, so würde er gewiß damit fertig geworden sein. Ja, er hätte dann auch wohl ein Mittel gefunden, sich des schrecklichen Peinigers schon am Tage seiner Ankunft wieder zu entledigen. In seinem jetzigen Zu­stande aber dachte er nicht einen Augenblick daran, sich mit dem überlegenen Gegner zu messen. Von dem ganzen Gespräch, das sie soeben geführt hatten, war ihm ergent- lich nichts anderes im Gedächtnis haften geblieben, als die düsteren Drohungen seines ehemaligen Genossen. Er zweifelte so wenig an ihrer Ernsthaftigkeit als an San- dorys Macht, sie zur Ausführung zu bringen. Und wenn er auch für seinen eigenen kargen Lebensrest melleicht nichts mehr gefürchtet hätte, die Vorstellung, daß auch sein geliebtes Kind rettungslos in seinen tiefen Fall mitgezogen werden würde, zerriß ihm die Seele.

Er glaubte noch immer nicht daran, daß Dora die Verräterin gewesen sei. Noch in derselben Stunde, wo er ihr die Augen über den wahren Charakter des Mannes geöffnet hatte, an dem sie mit so unbegreiflicher Leiden­schaft hing, war er, von Angst und Reue gefoltert, zu ihr zurückgekehrt und hatte sie beschchoren, seine Mck- teilungen als unverbrüchliches Geheimnis zu bewahren. Und nun sollte sie trotzdem jene heimtückische Handlung begangen haben? An was in aller Welt hätte er dann noch glauben können, wenn sein flehentlicher Appell an ihre Kindesliebe so wenig Eindruck auf sie gemacht hatte, und wenn sie einer, so unedlen Rache fähig war? Für diese Tochter hatte er Jahr um Jahr im Schweiße seines Angesichts gearbeitet wie ein Tagelöhner; sie hatte keinen Wunsch gehabt, den er niast erfüllt, keine Laune, der er sich nrcht willig unterworfen hätte, und dies sollte nun sein Lohn sein? Nein, das war undenkbar, un­möglich!

Dann aber konnte ja auch niemand auf den Gedanken kommen, ihn um Auskunft anzugehen. Eine ganz schwache Hoffnung, daß ihm das Schrecklichste viel­leicht dennoch erspart bleiben würde, begann sich allge­mach. in ihm zu regen. Er fing an, das Gefährliche seiner Schwäche zu fühlen. Noch einmal raffte er alles zusammen, was ihm von seiner einstigen Willenskraft geblieben war, und wie um sich selber durch den Klang seiner Stimme Mut zu machen, sagte er ganz laut:Nun will ich arbeiten es ist genug gegrübelt und gesorgt."

Auf einen Zug stürzte er das Glas Portwein hinab, obwohl er zuvor einen starken Widerwillen gegen das süßliche Getränk hatte niederkämpfen müssen. Seine ge­schwächten Nerven empfanden die Wirkung des Alkohols rascher und lebhafter, als die eines Gesunden. Em trügerisches Gefühl von wiederkehrender Rüstigkeit durch­strömte seinen Körper, während er sich, aufs neue dem kleinen Häuflein von Briesen zuwandte, das noch der Erledigung harrte.