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Oberleutnant, mache Dich auf und suche dir ein Plätzchen, wo Du in aller Zurückgezogenheit wieder Du selbst werden kannst. Aber wohin?" Schwer ließ er sich in seinen Sessel zurückfallen; die Hand, die er erhoben, um sich den Schnurrbart zurückzustreichen, zitterte, und auf seinem Gesichte machte sich eine tiefe Bläffe bemerkbar.

Wenn der gute Doktor wüßte, was mich niederge­worfen," flüsterte er, sich in Sinnen verlierend/wenn er hier in meinem Herzen lesen könnte! . . Was nützt es, den Körper zu pflegen, wenn die Seele leidet? Wie schwer ist es, allem Glücke zu entsagen, weil . . . Eveline, was hast Du aus mir gemacht!" . .

Er verlor sich in der Erinnerung an jene Zeit, da er das holde Geschöpf gesehen und lieben gelernt, an die Ver­zweiflung, die ihn erfaßte, als er erfuhr, daß sie ihm ver­loren war. Viele Monate waren seitdem vergangen, aber die Wunde, die er erhalten, schmerzte heute noch ebenso, wie damals, und sein Herz lehnte sich auch heute noch so wild und schmerzvoll gegen die Thatsache auf, daß er ent­sagen mußte . . . Sein Kopf brannte, seine Augen glühten. Er fühlte, wie das Fieber ihn wieder zu packen fuchte. Energisch schüttelte er alle Gedanken ab, er wollte ja zeigen, daß er als Mann damit fertig zu werden trachtete .... Hatte er es nicht seiner Mutter und dem Arzte versprochen? War er es nicht sich selbst schuldig? Ein wehes, halb irres Lächeln huschte um seinen Mund, als er sich ryrn mühsam erhob und auf den Knopf der elektrischen Klingel drückte.

Sofort einpacken, wir verreisen!" befahl er d.em ein­tretenden Diener.

Reisen," wiederholte dieser mit dem Rechte der Ver­traulichkeit, das langjährige Diener für sich in Anspruch nehmen.Sie sind ja noch nicht hergestellt, gnädiger Herr. Und wohin?"

Wohin? Ich weiß es selbst nicht, Karl, aber dorthin, wo kein Saut der Welt mich stört, wo ich nicht erinnert werde an . . ." Er strich sich über die heiße Stirn und murmelte:Wenn ich nur vergessen, sie aus meinen Ge­danken verdrängen könnte, dann, ja dann . . ." Er sah zu seinem getreuen Karl auf und fragte:Weißt Du kein Plätzchen dieser Art? Still und einsam, von den Menschen nicht besucht, aber geschaffen, eine kranke Seele zu heilen?"

O ja, gnädiger Herr. Als die neue Jagd eingeweiht wurde, wohnten Sie tief im Walde beim Förster Bertram damals schon meinten Sie, wenn Sie je der Ruhe bedürften, würden Sie dieselbe dort suchen, im Walde."

Kurt von Bewerns Blick leuchtete auf.

Das Forsthaus im Tannenschlag! Bei Gott, den Ge­danken lohne ich Dir!" rief er lebhaft.Ja, ja, die herr­liche Waldeseinsamkeit dort chatte es mir schon damals an- gethan, die lauschige Stille mich andächtig gestimmt. . . . Das wird der rechte Ort sein, Herzenswunden-zu heilen. Dorthin gehen wir! Packe die Koffer rasch, heute noch reisen wir ab. . . . Fort, nur fort will ich; jetzt, da ich ein solch köstliches Ziel habe, brennt mir der Boden unter den Füßen. Geschwind an die Arbeit!"

* *

Die Försterin Bertram stieß den Kolben ihres Butter­fasses auf und nieder, und sang dabei mit kräftiger Stimme ein Volkslied. Sie war so eifrig dabei, daß sie das Heran­nahen eines Wagens nicht hörte und erschreckt ausfuhr, als von draußen eine Stimme durch's offene Fenster rief: Guten Tag, Frau Bertram, so luftig bei der Arbeit I"

Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie die elegante, etwas gebückte Gestalt an.

Jst's möglich!" schrie sie auf,der gnädige Herr! Sind Sie's wirklich, oder?"

Bewern lachte heiter auf. Die Fahrt durch die köst­liche Abendstille hatte ihn froh gestimmt.

Ich bin's wirklich, kein Geist, und gekommen, mich bei Ihnen von langer Krankheit zu erholen. Sie haben doch ein Plätzchen für mich? Absolute Rnhe und Einsamkeit

finde ich ja draußen auf Schritt und Tritt, sobald ich bett Wald auf mich wirken lasse."

Einsamkeit Ruhe?" stotterte die hübsche Försterin und strich sich in sichtlicher Verlegenheit diL Aermel herunter. Wenn ich das nur früher gewußt hätte, daß Sie kommen. Nun hab' ich einen Sommergast ausgenommen, seit acht Tagen schon ach Gott, gnädiger Herr, ich will sorgen, daß er Ihnen nicht über bett' Weg läuft."

Bewern war zwar nicht angenehm berührt, dennoch sagte er gütig:Machen Sie sich keine Sorge, Haus uub Wald sind groß genug, daß zwei Gäste Platz fittden können, ohne sich gegenseitig zu stören. Zeigen Sie Karl die Zimmer, er wird das weitere besorgen."

Dann ging er langsamen Schrittes dem Walde zu.

Die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel, als Bewern am nächsten Morgen sich auf den Weg machte. Er wußte ein herrliches, tief in duftenden Tannen verstecktes Plätzchen. Dort wollte er sich niederlaffen, in vollen Zügen den harzigen Duft einatmen, wollte die hehre Stille auf sein wundes Gemüt wirken lassen.

Ein frisches Lüftchen wehte ihm entgegen, als er das Haus verließ, und regte stärkend seine Nerven an. Mit Interesse achtete er auf alles, was um ihn vorging. Er fah die unzähligen Tautröpfchen an den Spitzen der Gras­halme, beobachtete die Vögel, wie sie geschäftig hin und her flogen, Nahrung suchten und solche im Schnabel davon trugen. Es weitete sich sein Herz. Mit tiefem Atemzuge blieb er stehen und sah rückwärts. Ein Ausruf des Ent­zückens entfuhr ihm. Im brennenden Sonnenglanze lag das zierliche Forsthaus vor ihm, es hob sich prächtig ab von den es an allen Seiten umgebenden dunklen Tannen, über welche sich die feinen Triebe des neuen Frühlings wie ein durchsichtiger hellgrüner Schleier verbreiteten. Ueberall glitzerte es, zwitscherte es, überall brach sich das warme, rote Sonnenlicht Bahn und vergoldete alles ringum. . . . Bewern nahm dies Bild mit trunkenen Blicken in sich auf und konnte sich nicht losreißen.

Nach kurzem Wandern erreichte er dann den versteckten Platz, nach dem er ausgegangen war. Durch Nadel- und Blättergewirr bahnte sich auch hier die Sonne ihren Weg, zitterte in wunderlichen Reflexen auf dem moosigen Wald­boden und irrte wie verstohlen über das blondlockige Köpf­chen eines Mädchens, das regungslos auf einem Steine saß, dem Ankommenden jedoch den Rücken zudrehte.

Eine heiße Blutwelle überflutete Bewerns Gesicht. Der Försterin Sommergast eine Dame! Das fehlte gerade noch, dachte er. Aergerlich wollte er sich abwenden, als das Mädchen eine Bewegung seitwärts machte und ihm ihr feines Profil zukehrte. . Ein einziger Blick genügte, um ihn rückwärts taumeln zu lassen.Evelme!" stöhnte er und lehnte sich gegen den Stamm einer Fichte, weil ihn die Kräfte zu verlassen drohten. . . . Entsetzen erfaßte und lähmte ihn. ... Er wollte sich zur Flucht wenden, denn kein anderer Gedanke beseelte ihn jetzt, als der, diesem tückischen Zufall zu entgehen, und dennoch war es ihm, als könne, als dürfe er nicht so von hinnen weichen, ohne die heimlich Geliebte gesprochen zu haben.

Ihre weiche Stimme machte seinem Schwanken ein rasches Ende. Als das Mädchen bas Geräusch hinter sich vernommen, war es aufgesprungen uub hatte ihn erkannt.

Herr von Bewern, Sie hier?" rief sie überrascht und freubtgen Angesichts. Aber die Freude erlosch, als sie in fein verstörtes Antlitz blickte.Barmherziger Gott, was ist Ihnen geschehen?"

Nichts und alles," erwiderte er düster, sich ihr mit Widerstreben nähernd.Ich suchte Ruhe hier und nun . . ." Er brach ab, faßte sie rauh bei der Hand und sah ihr wild und verzweifelt in die zu ihm erhobenen klaren Augen. ... Ich ertrag's nicht länger, einmal muß ich die Qual mir vorn Herzen reden, die mich zu erdrücken droht, seit ich Sie erblickt. Das Schicksal selbst hat unsere Schritte hierher-

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