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herrschenden, eigentümlichen Verhältnisses zwischen Vorgesetzten und Mannschaft in Bezug auf einen Besuch in der Vorderluke. Da heißt es: wag' dich einmal in unser Reich, du erster oder zweiter Maat, wundere dich aber nicht, wenn wir dich alsdann aus reinem Vergnügen über deine Herablassung zärtlich umarmen, vor Liebe fast erdrücken, dich ausziehen und nackt durch die Luke hissen, oder dich mit einem Nagel durch das Gesäß deiner Hosen an eine Kiste spließen. Du wirst mich verstehen, daß das so unsere Art ist, ein Privilegium, so alt wie die erste englische Schiffsmannschaft, die jemals auf See ging. Obgleich die Leute mich gern mochten, hatte ich doch nicht Lust, mich solchen zarten Scherzen auszusetzen. Es ist ein ander Ding, fie von oben her durch die Luke anzurufen, und ein anderes, in ihre Höhle selbst einzudringen.
Wenn ich jedoch auch auf Frieden hoffte, so kann ich doch nicht behaupten, daß ich ihn mit irgend welcher Sicherheit erwartete. Mir war die scheinbare Gleichgültigkeit bet. Leute unheimlich. Bekanntlich sind auf See die harmlosesten Burschen die lautesten Brummbären. Nun aber vollzog heute die ganze Mannschaft alle Befehle, ohne zu murren, sie verrichtete still ihre Arbeit, und keiner stellte irgend welche Frage. Das war mir verdächtig.
Ich dachte, Banhard möchte vielleicht imstande sein, mir zu sagen, worüber sie im Vorderkastell sprächen- ich suchte ihn also in dieser Richtung etwas auszuholen.
,^Jk glöw, sei warden nich grade up de Knei leigen un Segnungen up Oll Windwärts un de Schipper herunner- stehn," erwiderte er.
„Mir scheint, sie nehmen Jung-Joehs Tod kühler auf, als man vermuten sollte nach dem Murren, welches sie gestern abend dem Kapitän zu hören gaben."
„Ja ja, bat is schon möglich, un ’t wier bat kläukste, wat sei danhn künnt."
„Thun sie es aber auch wirklich?"
„Ja, bat is richtig, thun sei es ok würklich?"
Ob seine Hartnäckigkeit schulb trug, ober was sonst, ich verstaub es nicht recht- es war eben immer schwierig, aus Penbel etwas heraus zu bekommen. Ich hielt ihn in« besten für einen ehrlichen Mann unb ben einzigen zuverlässigen in bei Brigg.
„Banyarb, ich bettle an bas Mäbche» in bet Kajüte. Ich möchte nicht, baß ihi Unheil wibeifühie- um thietwillen hoffe ich, baß es zu tetner Meuteiei kommen toitb."
„Mübeiie is ümmei en stimm Ding, 'S löpt gegen alle gaube Ordnung, un nicks Gaubes kömmt botbi tute."
„Mit will bie ungewöhnliche Ruhe bet Leute nicht gefallen. Ich wollte lieber, sie kämen nach hinten, machten Lärm unb würben so Gift unb Galle los."
„Frilich, frilich, beim säch ’t all Beter ut."
„Ist der Koch oft int Vorderkastell?"
„Nu ja, bat is hei- hei is tämlich oft ba." „Horchen Sie ihn mal aus, wollen Sie?" „Hütn' Sei miett Rat- mischen Sei fik in nicks, wat Sei nicks angeiht. Jk warbe kein Minschen nich nthorken- un mien Rat sör Sei is- kümmern Sei sik üm sik sülwst. Wenn ’t tau en Müberie kommt, so laten Sei be be Folgen bragett, be be Veranlassung gelten hebben. Mi geiht bat nicks an, un laten Sei sik ’t ok nicks angeihn. Dat is mien Meinung."
Nachbem er so gesprochen unb seine Worte mit einem vielsagenben, Unheil verkünbenben Kopfnicken begleitet hatte, ging et langsam weg. Das wat alles, was ich aus Banyarb hetausktiegm konnte. Dumm, wie ich glaubte, baß er sei, hatte er mir doch Rat genug gegeben, um mich besorgt für mich selbst zu machen.
Miß Fränkin blieb den ganzen Tag in ihrer Kajüte. Der Grund für dieses Fernbleiben von Tische mag wohl der gewesen sein, daß sie sich mit ihrem Bruder gezankt hatte, ober noch zu erregt war von ber traurigen Sterbescene. Der Kapitän war still, aber bie finstere Ruhe ber Leute
schien ihm keine Sorgen zu machen. Dies gab mir eine sehr geringe Meinung von seiner Einsicht. Im Gegensatz zu ihm gefiel sich ber Maat in Prahlereien. Ich hörte ihn, als ich auf Deck war unb er mit bem Kapitän beim Mittagessen saß, sich laut seiner Gewalt über Schiffsmannschaften rühmen.
„Zuerst benken sie mich einzuschüchtern," schrie er in seiner Weise so laut, baß nicht nur ich, sonberu auch ber schöne Blunt, welcher am Steuer staub, jebes Wort verstehen konnte, „aber nur erst einmal meine Faust gekostet, unb sie verspüren keine Lust nach einer zweiten Dosis dieser Mebizin. Gott schütze Sie, Kapitän, aber Furcht biirfen wir nicht zeigen. Ich habe den Jungen nicht töten wollen, ba es aber einmal passiert ist, so lassen fie es für einen guten Schlag gelten. Ich sage Ihnen, berselbe vertritt hier ben Dienst einer vortrefflichen Vogelscheuche, er wirb ihnen eine Warnung fein unb sie lehren, baß mein Motto heißt: Gehorsam ober Tob, thut, was ich euch sage, ober ich schlage euch ben Schädel ein. Das ist die Sprache, die sie verstehe», und ich denke, sie kennen mich jetzt. Sie sehen ja, heut' find fie so munter wie Flöhe und ruhig wie Alligatoren, die auf einem Sumpf schlafen."
Die Antwort des Schiffers auf diese'Rede verstand ich nicht, aber sicherlich lag kein Vorwurf oder Verweis im Ton feiner Stimme.
„Das Blut des Knabe» wird über euch kommen," dachte ich, ^als ich wegging, nachdem ich einen verstohlenen Blick auf den Schönen geworfen hatte, deffen häßliches Gesicht drohend und finster wie eine Gewitterwolke übet den Kompaß geneigt wat.
Einige Tage nach dem Tode des Schiffsjungen hatte ich einen Unfall - ein Ereignis, welches oft auf See berichtet wird, aber aus einem einleuchtenden Grund seht selten von demjenigen, der es erlebt hat. -
Der Kapitän ging auf der Windseite auf und ab, der Matrose Sawings stand am Rade und Miß Franklin blätterte in einem Buche, auf der Leeseite der Karnpanje sitzend. Die Wache wat im Takelwerk und auf Deck beschäftigt. Die Brigg machte gute Fahrt unter dem günstigen Winde, der sie streifte. Das große Segel wat voll gerundet und bildete eine mächtige, weiße, anmutige Wölbung zwischen ben Getanen unb Raanocken - nur bie Reuls raffelten oben, als wenn bie Brigg beftänbig im Begriff wäre, zu wenden, es sich aber immer wieder anders Überlegte. Ehe ich die Leute an die Brassen rief, sprang ich auf die Schanzkleidung, unb mich an einer Patbune haltenb, ließ ich meine Augen übet ben sich neigenben Segelturm schweifen. Zu einem Unglücksfall auf See gehört nur ein Augenblick. Ein Mann im Takelwetk schwingt sich an einem Tau, basselbe ist nicht fest unb mit ihm in ben Hänben fällt er zerschmettert aufs Deck. Ober es steht einer auf einer Paarbe ein plötzlicher Ruck läßt dieselbe unter seinen Füßen ab gleiten, er saust durch die Luft und ist dahin für immer.
Was mir geschah, traf mich auch so plötzlich, daß ich keine Ahnung habe, in welcher Weise es sich ereignete. In der einen Minute befand ich mich in völligem Gleichgewicht auf der Schanzkleidung, in ber nächsten war ich unter Wasser mit einem Lärm, Wie Donner in meinen Ohren.
Es war fonberbar, baß, solange ich unter Wasser war, mich bie feste Ueberzeugung beseelte, baß ich träumte. Ich hatte keine Furcht - benn ich glaubte nicht an bie Wirklichkeit meiner Sage. Ob es baher kam, baß ich von bem Schlag auf bas Wasser etwas betäubt ober ob mein Geist unfähig war, bie plötzliche Veränderung bes Zustanbes sofort zu fassen, genug, bas ist sicher, baß mein Gefühl so war, Wie ich es beschrieben habe. Ich stieg Wieber an bie Oberfläche auf unb mit bem ersten Atemzug frischer Luft erfaßte mich baS ganze Entsetzen meiner Lage. Die Wogen, welche vom Deck der Brigg aus gar nicht bedeutend auSgesehen hatten, erschienen mir jetzt wie ebensoviele um mich herum tanzende Berge. Auf den Gipfel des einen derselben erhoben, konnte


