Sonntag den 26 November-
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ZUM Totenfest 1899.
„Ach, wie so bald verhallt der Reigen . . ." Wie Geifterklage hör' ich's wehn, Wenn aus entlaubten Ltndenzweigen Der Vöglein leere Nester sehn!
So köstlich war's, als aus dem Flieder Die Finken Ruf um Ruf getauscht — Grasmückensang und Lerchenlieder, Ach, alles, alles ist verrauscht!
Längst starb in herbstlich rauhen Wettern Des Sommers letztes Blumenkind!
Mit seinen zarten blassen Blättern Tollt grausam der Novemberwind Jäh, alles Leben zu verderben, Hat sich ein Schnitter eingestellt, Und mit gespenstisch wildem Werben Durchschreitet er die bange Welt! . . .
Ach, wie so bald verhallt der Reigen . . . Wo blieb der Kindheit goldne Zeit? Der Eltern liebe Stimmen schweigen, Und Glück und Jugend liegen wett! . . . Nur noch im Traum zuweilen summen Verklungne Laute durch Dein Ohr — Und Traumesklang selbst wird verstummen Im Schlummer Hinterm Kirchhofsthor!
O, wall' hinaus an diesem Tage, Wo Hügel sich an Hügel hebt,- Vernimm' aus mancher heißen Klage, Wer von den Toten dort noch lebt! Und wieder wirst Du es erkennen: . Vergessen ruht am stillen Pfad, Ob goldne Lettern ihn auch nennen, Wer nicht gesä't der Liebe Saat!
Ach, wie so bald verhallt der Reigen . . . Erschüttert' Herz, vergiß es nicht, Und mach die Lehre Dir zu eigen, , Die heut der stumme Kirchhof spricht: Ernst steure durch dir Selbstsucht Klippen Der Liebe zu, die Du erwählt, Daß Dir dereinst von teuren Lippen Ein Gruß an diesem Tag nicht fehlt! . . .
Alwin Römer.
Totenfestgedanken.
Den Schlüssel zu seinem inneren Leben, zu seines Herzens Empfindungen, zu den Gedanken seiner Seele nimmt der Gestorbene mit. Wenn der auch hinieden bliebe, den anderen zu den geheimnisvollen Kästen gleich, zu finden wäre in irgend einer Tasche, wenn man mit ihm aufschließen könnte des Toten geheimnisvolle Kammer, lesen könnte, was sich da innen bewegt hatte in der Jahre langem Laufe, ausgeschrieben fände in wunderbarer Schrift in der Sprache der Geister, was da innen alles sich bewegt und geregt hatte,- vor dem Sohne aufgerollt wäre des Vaters Innerstes, die Witwe lesen könnte ihres Mannes Seufzer, seine Gebete, seine Träume, seine Hoffnungen! Was würde erst da innen zu finden und zu lesen sein, und wie würde beben in Erwartung jeder, der stände vor dem aufgeschlossenen Geheimnis! Aber was das für ein Sterben wäre, wenn man wüßte, daß nach dem Tode die Lebenden aufschließen könnten der Seele geheime Kammer, lesen könnten, was da innen alles sich bewegt und geregt hatte in des Lebens langem Laufe, alles, was später vergessen, überwunden worden, alles, was flüchtig vorübergerauscht und was täglich wiederkehrt. WaS das für ein Sterben wäre, im Bewußtsein, wenn du deine Augen geschlossen hast, so werden sie kommen und werden deine Seele öffnen und werden schauen alles, was da innen gelebt, was du darin geborgen hast. Da fühlt es der Sterbende^ wie gut es ist, in die Hände Gottes zu kommen statt in die Hände der Menschen, wie gut es Gott gemeint, daß er daS Schauen der Seelen sich selbst Vorbehalten hat, keinen Schlüssel dazu für die Menschen gemacht, einen Vorhang davor gewoben hat, den kein sterbliches Auge durchschaut. Doch wenn auch verschlossen und unsichtbar die Seele von hinnen geht, wenn endlich alle anderen Kästen offen stehen, so werden doch in ihnen der Seele Spuren gefunden, Zeugen von ihrem Wesen und was sie wohl zuletzt gedacht und gewollt. Da innen sind vielleicht Briefe verwahrt, die vieles sagen, da innen ist vielleicht der letzte Wille verwahrt, in welchem enthalten ist, was zuletzt besonders sie bewegte. (Jer. Gotthelf.)
Das Kanzchen als Verkündigerin des Todes.
Von F. Kunze.
------- (Nachdruck verboten.)
Am heutigen Tage, wo uns sinnige Gedanke», mit dem unerbittlichen Tode und seinen ungezählten Opfern, die er aus unserer Mitte gewaltsam entführt, beschäftigen sollen,


