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Nun, Sie find ein Mann noch in den besten Jahren und können und werden sich hier den eigenen Herd gründen".

Corbus verzog schmerzlich daS Gesicht und zitierte mit traurigem Ton:Was Du von der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück! Vorbei vorbei!"

Ei, Herr Doktor, wer wird so resigniert sein?" rief Hans über den Tisch hinüber, und Adalbert murmelte: Nichts ungereimteres kenn' ich auf der Welt als einen Teufel, der verzweifelt!"

Aurelie und August von Kressen, die die Worte gehört hatten, vermochten nur mit Mühe ihre Lachlust zu unter­drücken, Corbus fuhr aber in dem gleichen Tone fort:

Am Kap, wo ich mich, wie ich bereits erwähnte, mehrere Jahre aufgehalten habe, lernte ich eine liebenswürdige Frau, eine geborene Deutsche, kennen, die pflegte zu sagen:Aus­wandern ist ein Fluch. In der Fremde wird man die Sehn­sucht nach dem Vaterlande nicht los, und kehrt mau dahin zurück, so wurzelt man nicht mehr an". Ich habe, seit ich wieder hier bin, die Wahrheit dieses Ausspruchs an mir selber erfahren!" x

Soll das heißen, daß Sie Ihre Weltfahrt von neuem zu beginnen gedenken?" fragte Sommer.

Ich fürchte, es wird so werden und ich derUn- behauste" bleiben müssen!" seufzte Corbus.

(Fortsetzung folgt.)

Träume.

Von Pierre Loti. Deutsch von Wilhelm Thal.

------- (Nachdruck verboten.)

Ich möchte eine eigene Sprache kennen, in der ich die Vision meiner Träume niederschreiben könnte. Wenn ich es mit gewöhnlichen Worten versuche, so gelingt es mir nur, eine Art schwerfälliger und linkischer Erzählungen aufzubauen, aus der die, die mich lesen, gewiß nichts ersehen können. Ich glaube, die Träume, selbst solche, die unS sehr lang erscheinen, haben eine kaum wahrnehmbare Dauer- es find jene stets flüchtigen Augenblicke, in denen der Geist zwischen Wachen und Schlafen schwebt- doch wir werden von der übergroßen Schnelligkeit getäuscht, in welcher ihre Bilder aufeinander folgen und wechseln- weil wir so viele Dinge an uns haben vorüberziehen sehen, so sagen wir, wir haben eine ganze Nacht geträumt, während unser Traum doch kaum eine Minute gedauert hat.

Die Vision, von der ich sprechen will, hat wohl in der That nur wenige Sekunden gedauert, denn selbst mir ist sie sehr kurz vorgekommen. Das erste Bild erschien zwei- bis drei­mal, gerade als wenn man hinter einem Transparent die Flamme einer Lampe langsam hochschraubte. Zuerst war es ein unklares Licht von länglicher Form, das die Auf­merksamkeit meines Geistes erweckte, als ich mitten aus dem Schlafe, der Bewußtlosigkeit, erwachte. Dann wird das Licht zu einem Sonnenstrahl, der durch das Fenster dringt und sich auf der Diele ausbreitet. Gleichzeitig beunruhigt sich mein erregter Geist plötzlich. Ich erinnere mich unklar an irgend etwas: es ist die rasche, blitzartige Ahnung eines Vor­ganges, der mich bis in den tiefsten Grund meiner Seele bewegt.

Die Erscheinung wird klarer. Jetzt ist es der Strahl einer Abendsonne, die von einem Garten kommt, auf welchen -dieses Fenster hinausführt eines exotischen Gartens, in welchem Wurzelbäume stehen. Ich weiß das, ohne sie ge­sehen zu haben. In diesem Lichtschein auf der Diele zeichnet sich der Schatten einer draußen stehenden Pflanze ab und zittert sanft, der Schatten eines Bananenbaumes.

Und jetzt Hellen sich die verhältnismäßig dunklen Teile auf - die Gegenstände zeichnen sich im Halbdunkel ab, und ich sehe alles mit unerklärlichem Schaudern.

Und doch ist das alles sehr einfach. Eine kleine Wohnung in irgend einem Kolonialhause mit Holzwänden und Stroh­

stühlen. Auf einer Konsole steht eine Stutzuhr aus der Zett Ludwigs XIV., deren Perpendikel kaum hörbar tickt. Doch ich habe das alles schon gesehen, obwohl es mir unmöglich ist, mich zu erinnern, wo ich es gesehen. Aengstlich bewege ich mich hinter dieser Art von Schattenschleier hin und her, der vor meinem Gedächtnis ausgespannt ist, und den ich trotz aller Bemühungen nicht zu lüften vermag.

Es ist abends: das goldene Licht der Sonne will eben erlöschen, und die Zeiger der Stutzuhr deuten die sechste Stunde an . . . Sechs Uhr . . . Welches Tages, welches fernen und entschwundenen JahreS?

Auch die Stühle sehen alt aus. Auf einem derselben liegt ein breiter Frauenhut aus weißem Stroh, doch die Form desselben ist seit mehr als hundert Jahren aus der Mode. Meine Augen bleiben darauf haften, und nun schüttelt mich der unerklärliche Zauber stärker.

Das Licht wird schwächer und schwächer- jetzt ist eS kaum die trübe Beleuchtung der gewöhnlichen Träume. Doch trotzdem sühle ich, daß ich mit den Gegenständen dieses Hauses sowohl, wie auch mit dem Leben, das darin geführt wird, vertraut gewesen bin, dieses melancholischen und stillen Lebens in den Kolonien, als die Entfernungen noch größer und die Meere unbekannter waren . . . Uttb während ich diesen Frauenhut betrachte, der nach und nach wie alles andere in der grauen Dämmerung verschwimmt, schießen mir die Worte durch den Kopf:

Also ist sie wieder zurückgekehrt!"

In der That erscheint sie hinter mir, ohne daß ich sie habe kommen hören; sie bleibt in dem dunklen Teile im Hintergründe des Gemaches stehen, wohin dieser Sonnen­strahl nicht dringt. Unklar wie eine in Totenfarben auf graue Schatten geworfene Skizze steht sie da, die junge Kreolin mit unbedecktem Haupte, mit ihren schwarzen, in ganz ver­alteter Weise um die Stirn gelegten Locken, mit ihren schönen, klaren Augen, die mit einer Mischung traurigen Schreckens und kindlicher Reinheit zu mir zu sprechen scheinen. So ist vielleicht nicht absolut schön, doch sie besitzt den höchstem Zauber.

Und dann vor allem, ist sie eS! . . . Sie! dieses Wort ist schon an sich köstlich und reizend auszusprechen- es ist ein Wort, das in der Bedeutung, wie ich es verstehe, die ganze Lebensberechtigung ausdrückt und fast das Unendliche und Unerklärliche wiedergiebt.

Wollte ich sagen, ich erkannte sie wieder, so wäre das ein alltäglicher und recht schwacher Ausdruck- es war weit mehr- mein ganzes Wesen stürzte mit gewaltiger Kraft auf sie zu, als wollte es sie fassen- und diese Bewegung hatte etwas Dumpfes, schrecklich Ersticktes, wie die unmögliche An­strengung eines Menschen, der wieder zu atmen und zu leben versuchen wollte, nachdem er Jahre und Jahre unter dem Deckel eines Sarges zugebracht.

Gewöhnlich zerreißt eine sehr starke, in einem Traum empfundene Erregung die unfaßbaren Fäden desselben, und es ist vorüber. Man erwacht- der leichte, einmal zerrissene Schleier schwebt noch einen Augenblick, fällt dann zurück und verschwindet, und zwar um so schneller, je mehr der Geist sich bemüht, ihn zurückzuhalten- er verschwindet wie eine zer­rissene Gaze im leeren Raum, die man verfolgen möchte, und die der Wind in unergründliche Fernen fortträgt.

Doch nein, diesmal erwachte ich nicht, und der Traum fuhr fort, ehe er erlosch- wie ein ersterbender Schatten ver­längerte er sich. , .

Einen Augenblick blieben wir, in der Erinnerung schwelgend, vor einander stehen- wir hatten keine Stimmen, um zu einander zu sprechen, fast keine Gedanken, nur unsere ge- spenstischen Blicke kreuzten sich in köstlichem Erstaunen und in herrlicher Angst. Dann verschleierten sich auch unsere Augen, und wir wurden noch zu unklareren Formen- das Licht ward immer schwächer und schwächer, man sah fast garnichtS