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angethan mit ihren besten Feierkleidern sich hinausdrängten aus „der Straßen quetschender Enge".
Man hätte an eine Völkerwanderung glauben können. Alle öffentliche Verkehrsanftalten, Omnibuffe, Pferdebahn, Dampsbahn, wie Stadt- und Ringbahn, waren überfüllt und vermochten dem Ansturm nur schwer zu genügen. Equipagen und Droschken erster und zweiter Klaffe folgten sich in unabsehbaren Reihen- wer in den Strom der Fußgänger geriet, der wurde mit weggerissen und mußte wohl oder übel der Richtung, nach welcher dieser sich bewegte, folgen.
Kommerzienrat Helldorf hatte dem Freunde seinen Wagen geschickt, so daß dieser samt Sohn und Tochter, ohne von der wogenden Menge belästigt worden zu sein, den Weg von der Friedrich- nach der Bellevuestraße hatte zurücklegen können. In heiterster Stimmung reihte man sich um die Tafel, welche in dem nach der Gartenseite der Villa gelegenen, künstlerisch ausgestatteten Spetsesaal reich und geschmackvoll gedeckt war.
Außer Sommer, Ernst und Aurelie befand sich nur noch ein Gast im Kreise der Tischgenoffen, ein älterer, vornehm und würdig aussehender Herr, welcher den Ankommenden als Dr. Balthasar Corbus, Verwandter der Hausfrau, vorgestellt ward und auch seinen Platz zu deren Linken erhalten hatte, während Bankier Sommer an ihrer rechten Seite saß. Die jüngeren Leute, welche sich zwanglos placieren durften, hatten es einzurichten gewußt, daß Hans Helldorf neben Aurelie, Ernst Sommer neben Felicitas zu sitzen kam, Adalbert und August von Kressen, der Bruder der Erzieherin, den Helldorf ebenfalls zur Familtentafel geladen, hatten Hermine zwischen sich genommen und trieben allerlei Posten mit dem munteren, aufgeweckten Kinde. Der Kommerzienrat selbst hatte aber lachend erklärt, als guter Hausvater verzichte er auf jede Nachbarschaft und sei für seine sämtlichen Gäste als eine Art von Vorsehung da.
Wirklich flog sein Auge unermüdlich über die Tafel. Wo jemand nach seiner Ansicht zu wenig von den dargebotenen erlesenen Gerichten nahm, da erneuerte er durch freundlichen Zuspruch zum wackeren Zugresten und hatte es dabei besonders auf den hübschen jungen Studenten abgesehen, der übrigens gar nicht blöde schien. Wo Helldorf ein leeres Glas zu sehen glaubte, da beeiferte er sich, es selbst zu füllen oder wies den Diener an, es zu thun.
Auch die Kommerzienrätin ließ ihre Blicke oft über die Tafelrunde schweifen, während sie sich eifrig mit ihren Nachbarn links und rechts unterhielt, sie hatte aber dafür ganz andere Gründe als ihr harmloser, nur auf das Behagen seiner Gäste bedachter Gatte. Ihrem scharfen Auge entging kein Blick, keine Miene der Plaudernden, und mit Stirnrunzeln gewahrte sie den leisen Händedruck, den Hans und Aurelie tauschten, während sie bet dem vom Kommerzienrat auf seine Gäste ausgebrachten Toast ihre Gläser aneinander stießen.
Wer die Kommerzienrätin heute sah, hätte sie unmöglich für die kranke, gebrochene Frau halten können, als welche sie sich so gern von den Ihrigen, wie von Fernerstehenden bemitleiden ließ. Sie trug ein braunrotes Sammetkleid, das in schönen Falten an ihrer hohen, ebenmäßigen Gestalt herabfloß, eine kostbare Spitzenbarbe auf dem noch dunklen Scheitel und wertvollen, aber durchaus nicht aufdringlich erscheinenden Schmuck.
Nicht nur ihr Gatte, sondern auch Sommer und ihr Vetter, der Doktor, hatten ihr schon ihre Bewunderung über ihre geschmackvolle Toilette und ihre Freude über ihr vortreffliches Aussehen ausgesprochen, waS sie mit großer Genug- thuung, aber doch mit jenem Lächeln ausgenommen hatte, das sagen wollte: „Ach, Ihr habt gut reden und wißt nicht, was ich leide."
In ähnlichem Sinne sprach sie sich bei Tische gegen Sommer aus, der, immer um einen Gesprächsstoff mit der
ihn seltsam einschüchternden Frau verlegen, nochmals darauf zurückgekommen war.
„Ach, mein verehrter Freund, das täuscht sehr!" lüsterte sie. „Wenn Sie mich heute morgen gesehen hätten! Ich war völlig kraftlos und glaubte nicht, daß ich am Mittag im Kreise meiner Gäste erscheinen könne. Ich habe mich indes aufgerafft."
„Wie dankbar müffen wir Ihnen dafür sein, meine gnädige Frau, und wie bewundere ich ihre Willenskraft," erwiderte der Bankier, der, wenn er sich Mühe gab, ganz gut den Galanten spielen konnte. Sogleich fiel Dr. Corbus, der die Aeußerung gehört hatte, mit seiner tiefen, etwas belegten Simme ein:
„SD, an Willenskraft hat es meiner lieben Cousine nie gefehlt! Ich könnte Ihnen Beispiele davon erzählen, über die Sie staunen würden, Herr Sommer."
Sein kleines gelbbraunes, etwas stechendes Auge ruhte dabei mit einem bewundernden Ausdruck auf der Kommerzienrätin, sie wurde aber sichtlich unruhig dabet. Ein flüchtiges Rot flog über ihre Wangen, und mit Staunen gewahrte der Bankier, daß die Hand, die sie abwehrend gegen den Vetter erhob, leicht zitterte.
Dr. Corbus ergriff diese Hand und führte sie an seine Lippen.
„Warum sträubst Du Dich gegen meine Lobsprüche, Eugenie?" fragte er. „Wer wüßte Dich bester zu beurteilen als ich? — Sie müffen wisten, Herr Sommer", fügte er, sich zu dem Bankier wendend, hinzu, „wir find nicht nur Vetter und Base, sondern Kindheits- und Jugendgesährten, beinahe wie Geschwister ausgewachsen. Ich bin allerdings einige Jahre älter als meine Cousine".
Die letztere Bemerkung schien mehr der Höflichkeit als der Wahrheit zu entsprechen, und die Kommerzienrätin sagte denn auch:
„Das kannst Du Dir sparen, Balthasar. Ich bin eine alte Frau und sträube mich nicht, es zu sein".
„Für mich bist Du es nicht. Mir erscheinst Du genau noch so, wie ich Dich vor mehr als zwanzig Jahren verließ! So lange bin ich der Heimat fern gewesen, Herr Sommer!" erklärte er diesem, und der Seufzer, wie der Blick, die die Worte begleiteten, ließen den Bankier unschwer erraten, was jenen in die Ferne getrieben hatte. Er glaubte der Kommerzienrätin den Wunsch in den Augen zu lesen, die Unterhaltung auf ein weniger persönliches Thema hinübergespielt zu sehen und erkundigte sich daher bet dem Doktor nach Zweck uud Ziel seiner Reisen.
Corbus schien damit sein Stichwort erhalten zu haben und bemächtigte sich jetzt fast ausschließlich der Unterhaltung, die bisher zwischen den einzelnen Paaren leise geführt worden war. Nunmehr hörten alle zu, selbst die sehr lebhafte Hermine und die beiden ausgelassenen Studenten verhielten sich still und lauschten den Erzählungen des Weltreisenden, der in allen fünf Erdteilen Bescheid wußte und seine Zuhörer im Fluge vom Nil nach dem Ganges, von den reichen Diamantschätzen des Kaplandes zu den Ausgrabungen in Griechenland und Kleinasien zu führen verstand.
„Man nennt mich nicht mit Unrecht „Globetrotter, sagte er lächelnd als man ihm von allen Setten Anerkennung und Bewunderung zollte, fügte aber schwermütig hinzu: „Mag man aber alle Wunder der Schöpfung und der Kunst um sich versammeln, man wird trotzdem ein Gefühl des Fremdseins, der Heimatlosigkeit nicht los".
„Mußten Sie denn ein solcher Weltenbummler werden, lieber Corbus? WaS hat Sie dazu gemacht?" erkundigte sich der Kommerzienrat.
„Ach, fragen Sie mich das lieber nicht!" erwiderte scherzend und leichthin Dr. Corbus, trotzdem wollte es den Kommerzienrat bedünken, als habe er auf das „Sie" einen besonderen Nachdruck gelegt. Er hielt sich indes bet dieser Wahrnehmung nicht auf, sondern fuhr fort:


