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Mch und ich sah, wie ihre Augen einett sinnender!, erstaunten Ausdruck annahmen. Dieser verwandelte sich aber bald in einen heiteren, und sie lächelte. Sich am Oberlicht niedersetzend, sah sie wiederholt zu mir herüber/ offenbar wurde sie nicht mit sich einig, ob ich in meinem Borderkastell Kostüm der junge Mensch sein könne, der sie im Kaffee-Zimmer des „weißen Hirsches" mit so unverhohlener Bewunderung angeschaut hatte.
Jetzt erschien Kapitän Franklin und der alte Windwärts auf Deck. Der Schiffer ging zu seiner Schwester, und diese mußte ihn sogleich über mich ausgefragt haben, denn er drehte sich um, um zu sehen, wer ich wäre. Dann sprach er zu ihr, und was das auch gewesen sein mag, jedenfalls veranlaßte es sie, noch einmal nach mir hin zu blicken.
Der alte Windwärts gab jetzt eine Probe seiner Manieren als Maat. Als er die Wache müßig herumstehen sah, wozu sie berechtigt war, da Banhard ihr keine Beschäftigung gegeben hatte, ging er unter sie, und erhob einen Spektakel, wie ein eben geangelter Haifisch. Wenn er aber auch brüllte wie eine Löwe, so hatte doch weder seine Stimme noch sein Aussehen irgend etwas majestätisches, im Gegenteil, sein schiefer Blick und die Angewohnheit, sich beim Schimpfen stets so auf sein Bein zu schlagen, daß es klatschte, ließen nur den Wüterich in ihm erkennen. An Arbeit fehlt es auf einem Schiff ja nie, und im vorliegenden Fall mochte sich der Maat wohl ärgern, daß die im Hafen nur aufgebrachten Anker noch nicht vertäut waren. Ich übrigen gab es nur noch hundert andere Arbeiten, vom Fetten der obersten Stangen ab bis herunter zum Schützen des unteren Tauwerks vor Scheuerung.
Der alte Windwärts stellte also die Wache gleich ordentlich an, aber überhaupt kam den ganzen Tag hindurch keiner von uns mehr recht zu Atem. Den vollen Nachmittag bis zum Dunkelwerden mußten wir samt und sonders arbeiten, obgleich beim Verlassen des HafenS und bei der Einteilung der Wachen, wie immer üblich, festgesetzt worden war, daß die Freiwache unter Deck sein und Ruhe haben solle. Dieser Maat erschien mir der reine Tyrann und Menschenschinder.
(Fortsetzung folgt.)
Um eine» Kuß.
Skizze von H. Remagen.
------- (Nachdruck verboten.)
Am wolkenlosen Himmel steht die Sonne und sendet glühende Strahlen herab auf die Erde. Da ist kein Baum, kein Strauch, der Schatten gewährt und uns vor der Hitze schützt. Eine sengende Glut herrscht überall. Das hohe Gras hat seine grüne Farbe verloren/ das Auge sieht weit und breit nur gelbe und braune Farben. Die Luft vibriert, ein flimmmernder Dunst liegt auf der weiten Ebene. Kein Lüftchen regt sich, nichts unterbricht das Eintönige der Gegend. Das ist die Pußta.
Man muß sie gesehen, muß auf ihr gestanden, ihre Glut eingeatmet haben, um zu wissen, welche Poesie in ihr herrscht.
Ich lag nicht weit vom Ufer der Theiß und gab mich dem ganzen melancholischen Zauber der Natur hin. Ich hatte gemalt, aber das Auge war unter der Sonnenglut ermattet, und die Hand von der Hitze träge herabgesunken. Ich lag und träumte/ es summte in meinem Hirn/ ich schwankte zwischen Bewußtsein und Schlaf.
Da schien es mir, als ob sich etwas über mich beugte, doch mir fehlte die Kraft, die Augen zu öffnen, ich fühlte nur, wie irgend ein Wesen über meinen Körper geneigt stand. Infolge einer ungeschickten Bewegung stieß dieses Wesen an meinen Schirm. Dieser fiel auf mich, ich erwachte. Vor mir stand ein Mädchen der Pußta, ein hübsches Kind im Alter von vielleicht sechzehn Jahren, von brauner Hautfarbe. Der Hals frei, die Arme bloß und barfuß. Das Haar kohl
schwarz, kirschrote Lippen und in den nachtdunklen Äugen das ganze Feuer der Pußta-Sonne.
Mit diesen Augen sah sie erst mein Bild, dann mich an. Ich studierte sie während dieser Zett genauer. Sie schien völlig erwachsen/ ihre runden Körperformen bewiesen dies. Hand und Fuß waren auffallend klein und zierlich geformt, wie bei fast allen Mädchen der Pußta. Die ganze Figur erreichte kaum die mittlere Größe, dennoch war sie kräftig und üppig und von wunderbar natürlicher Anmut. Endlich wandte sie sich zu mir, der ich ruhig, die Arme unter dem Kopfe verschränkt, liegen geblieben war.
„Du hast dies gemalt?"
Ich nickte.
Sie sah das Bild lange an. Es schien mir, als ob sie irgend eine Absicht dabei hätte.
«Kannst Du auch noch anderes malen?" fragte sie mich hierauf.
«Was meinst Du damit — was anderes?"
„Nun — Menschen".
Ich merkte, wo das Mädchen hinaus wollte, und erwiderte:
„O ja, gewiß".
„Auch mich?"
„Auch Dich!"
Wieder sah sie bald das Bild, bald mich an. Endlich trat sie ganz nahe auf mich zu, ihr Atem streifte mein Gesicht.
„Male mich", bat sie in lieblicher Weise.
Ich erhob mich halb.
„Ich will Dich malen, aber was bekomme ich dafür von Dir?"
Sie sah verlegen zu Boden. Ihre Schultern machten eine bezeichnende Bewegung.
Ich lachte.
„Was Du meinst, mag ich nicht, ich will eine andere Belohnung".
Sie sah mich an, verstand mich aber nicht.
„Wohlan, mein Kind, ich will Dich malen, und Du giebst mir dafür einen Kuß".
Sie schnellte in die Höhe. Ihre Augen funkelten, sie sah reizend in ihrem Zorn aus.
Die Heftigkeit legte sich indes bald und sie sah traurig vor sich nieder. Es war mir interessant, die Uebergänge von einem Extrem in das andere bei dieser leidenschaftlichen Natur zu beobachten.
Plötzlich aber kam sie wieder dicht an mich heran.
„Du sollst einen Kuß haben, aber nur einen — male mich".
Ich nahm mein Skizzenbuch und ließ das Mädchen eine ungezwungene, natürliche Haltung etnnehmen.
Es lag eine seltene Grazie in jeder Linie ihrer Gestalt. Nie hatte ich mit solcher Leichtigkeit und Sicherheit gearbeitet.
„Du hast mir noch nicht einmal Deinen Namen gesagt?" fragte ich, eifrig weiter zeichnend.
„Daniela" antwortete sie kurz
„Und wie kamst Du hierher?"
Sie errötete, erwiderte aber nichts.
„Wohnst Du denn hier in der Gegend?"
„Dort", und sie zeigte mit der Hand auf einen Komplex von Gebäuden, der, so viel ich sehen konnte, ungefähr dort lag, wo ich mein Nachtquartier für heute aufzuschlagen gedachte.
„Ist dort die Csarda?" fragte ich.
„Gewiß", lachte Daniela und zeigte dabei zwischen den roten Lippen eine Reihe perlwetßer Zähne.
„Dahin will ich heute abend auch, um die Nacht dort zu bleiben. Ist Platz für mich?"
„Genug/ der ganze Heuboden ist noch leer".
Mir war diese Art von Bewirtung bereits bekannt, ich war daher nicht weiter verwundert.


