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Verhältnisse. War er es nicht ihnen, nicht sich selbst schuldig, sich erst zu vergewissern, daß wirklich und wahrhaftig kein Makel an der Familie haftete?
Immer Mehr verdichtete sich das Dunkel, und peinlich lastete das Schweigen auf Martha. Endlich ergriff Dievenow Marthas Hand.
„Ich danke Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit," murmelte er und verließ das Zimmer.
Martha wußte nicht wie ihr geschehen. Sie stand mit gesenktem Haupte, mit niederhängenden Armen. Dann preßte sie die glühenden Wangen in stummem Schmerze gegen die Fensterscheiben.
War das Glück wieder einmal an ihr vorübergegangen?
Das Zusammentreffen mit Dievenow bei den gemeinsamen Mahlzeiten gestaltete sich in den nächsten Tagen außerordentlich peinlich. Martha mußte ihre ganze Selbstbeherrschung aufbteten, um den beobachtenden Blicken nicht anders zu erscheinen als sonst,- und auch Dievenow hatte in seinem Benehmen an Sicherheit verloren. Es fiel daher Martha wie ein Alp vom Herzen, als er eines Tages beim Mittagessen verkündete, er werde übermorgen seine längst geplante Urlaubsreise nach der Schweiz antreten. Er wisse noch nicht, wie lange er bleibe, und werde seine Ankunft vorher melden, erklärte er. Frau Andree ließ sein Zimmer in der gewohnten Ordnung. Martha aber glaubte ihn zu verstehen- er würde nicht wiederkommen. Ein zweites Scheiden auf Nimmerwiedersehen, und diesmal war sie es, die dem Abschied auszuweichen trachtete.
Und unablässig grübelte sie darüber nach, was wohl die Veranlassung zu seinem seltsamen, unerklärlichen Benehmen gegeben haben könne? War es wirklich denkbar, daß er ihr die Jugendliebe, die sie ihm auf seine Frage so aufrichtig gebeichtet hatte, nicht verzeihen konnte? War er nicht ganz ruhig geblieben bei ihren Eröffnungen? Noch immer klang ihr der weiche Ton seiner Stimme im Ohr. Und dann während sie weiter erzählte, hatte er sich plötzlich von ihr abgewandt- alle Wärme war aus seiner Simme verschwunden. Es war, als sei etwas zwischen sie getreten, und mit wehem Herzen fragte sie sich wieder und wieder, ob cs die Gestalt ihres Jugendgeliebten gewesen sei, oder was sonst? Was sonst? —
Bange Frage ohne Antwort. — Nur eins war sicher: das Glück war wieder an ihr vorüber gegangen.
Sie hatte keine Ahnung, wieviel auch seine Gedanken bei ihr weilten. Die Großartigkeit der Natur, die ihn umgab, erweiterte für den Augenblick seinen Gesichtskreis und ließ die engherzigen Bedenken, die ihm daheim so unüberwindlich geschienen, verschwinden und zerflattern wie Spreu im Winde. Ueberall wo er ging und stand, begleitete ihn das Bild mit den ernsten, braunen Augen. Fragend und traurig mit stummem Vorwurfe sahen diese Augen ihn an. Und er verstand diesen Vorwurf, er hatte sich in ihr Vertrauen gedrängt und war dann plötzlich ohne Aufklärung zurückgewichen. Hatte er in diesem Falle korrekt gehandelt, wie er sich immer zu lhun rühmte? War er sich nicht ihr gegenüber einer Schuld bewußt? Diese Schuld mußte gesühnt werden. Und was das Sonderbare war: es erschien ihm Plötzlich merkwürdig leicht, sie zu sühnen.
Mit einem schnellen Entschlüsse packte er seinen Koffer und kehrte volle acht Tage vor Ablauf seines Urlaubs in die Heimat zurück. (Fortsetzung folgt.)
Die Pflege des kindlichen Gehörorganes.
------- (Nachdruck verboten.)
Den Gehörorganen des Kindes sollten die Eltern eine besondere Fürsorge zuwenden, weil durch Vernachlässigung derselben leicht ernstere Störungen entstehen können. So ist es notwendig, die Gehörgänge jeden Morgen von der überschüssigen Menge des Fettes, des sogenannten Ohrenschmalzes, welcher sich in den Gehörgängen tagsüber angesammelt hat,
zu befreien, sonst erhärtet das Ohrenschmalz leicht zu dicken Pröpfen und es entstehen dann Ohrensausen und Plötzlich eintretende Schwerhörigkeit, welche man sich oft nicht zu deuten weiß. Zur Reinigung des Ohres darf aber kein Instrument benützt werden, weil das Hineinfahren mit starren Körpern gefährlich ist und man nicht weiß, wie weit man im Gehörgang Vordringen darf, ohne das Trommelfell zu verletzen. Auch Wasser soll nicht in die Gehörgänge hineingebracht werden, denn dasselbe erregt, namentlich, wenn es mit Seife vermischt ist, leicht eine entzündliche Reizung der Auskleidung des Gehörganges. Die Reinigung der Gehörgänge darf nur mit einem Tuche, welches man in Form einer Wicke zusammendreht, erfolgen. Aelteren Kindern soll man diese Prozedur selbst überlassen, weil das eigene Tastgefühl des Kindes sie am besten vor Verletzungen tieferer Partien des Gehörganges schützt. Das Ohrenschmalz kann nun in zu großer oder zu geringer Menge abgesondert werden. In letzterem Falle leiden die Kinder an einer großen Sprödigkeit der Haut des Gehörganges und infolgedessen an einem lästigen Jucken in den Ohren. Um dasselbe zu stillen, greifen dann solche Kinder zu allen möglichen Dingen, die ihnen in die Hände geraten, um sich in die Ohren hineinzufahren und durch Kratzen oder Bohren die unangenehme Empfindung zu mildern. Das ist aber ein gefährliches Manöver, und man soll es bei den Kindern nicht vulden. Mit Vorliebe werden von den Kindern Notizbleistifte, welche mit Knöpfen versehen sind, zum Kratzen in den Ohren verwandt. Schon oft ist es vorgekommen, daß sich der Knopf des Bleistiftes bei den Kratzbewegungen im Gehörgange von dem Stifte losgelöst hat, als Fremdkörper im Gehörgange stecken geblieben und hier schwere Entzündungen und Eiterungen veranlaßt hat. Man muß vielmehr suchen, den Zustand der Trockenheit, die Veranlasserin der Juckungen zu beheben und dies geschieht am einfachsten und sichersten dadurch, daß man den Gehörgang mit einem Wattewickel oder einem feinen Haarpinsel, welche man in irgend eine indifferente Salbe eintaucht, auspinselt. Das soll zwei bis drei Mal wöchentlich geschehen. Als Salbe benutzt man am besten entweder Borvaselin oder Lanolin-Cr^me oder Goldcream. Sehr häufig kommt es vor, daß Kinder sich fremde Gegenstände ins Ohr stecken. Das erste, was nun die Eltern thun ist, daß sie den Kopf verlieren im Glauben, das Kind bekomme sofort eine Gehirnentzündung, wenn der Fremdkörper nicht rasch genug entfernt wird, daher mit allen möglichen Instrumenten den Fremdkörper zu entfernen suchen und dadurch die Sache erst recht schlimm machen. Die Vorstellung, ein Fremdkörper im Ohre müsse ohne weiteres Gehirnstörungen machen, ist ebenso irrig, wie die, daß ein Fremdkörper in der Nase Erstickung bedingen müsse. Hier heißt es also zunächst kalt Blut bewahren und nichts übereilen. Fremdkörper im Ohre sind, da hierbei nur das äußere Ohr in Mitleidenschaft gezogen wird, in der Regel ungefährlich. Sie werden es aber, wenn mit allen möglichen Zangen, Scheren, Häkchen re. daran herummanipuliert wird, dadurch Blutungen entstehen, der Körper immer weiter hereingetrieben und das Trommelfell verletzt wird. Man hat es daher strenge zu meiden, den Fremdkörper mit irgend welchen Instrumenten entfernen zu wollen. Man versuche, ob nicht durch Schütteln des Kopfes der Fremdkörper von selbst herausfällt, allenfalls versuche man durch vorsichtiges Ausspritzen des Ohres den Gegenstand zu entfernen. Gelingt dies nicht, so suche man ärztliche Hilfe auf. Dies gilt zunächst, wenn es sich um massive Körper, wie Glasperlen, Schuhknöpfe, handelt. Sind dagegen quellbare Gegenstände ins Ohr gelangt, wie Erbsen oder Getreidekörner, so muß davor gewarnt werden, das Ohr naß auszuspritzen, weil dadurch die Quellung vermehrt wird. Hier ist das einzig richtige, sofort ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bekannt ist, daß durch körperliche Züchtigungen, durch die sogenannte Ohrfeige eine Verletzung der Gehörorgane und zwar eine Durchlöcherung des Trommelfelles entstehen kann. Derartige Züchrigungen sollten also am besten ganz unterlassen werden. Irrtümlicherweise


