Ausgabe 
22.7.1899
 
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MS

W

f ir Menschen gleichen einem fruchtbaren Regen; jeder von uns ist ein Wassertröpfchen. Nicht ein einzelner Tropfen, so groß er auch immer ist, macht das Feld fruchtbar; aber jeder, auch der kleinste, trügt dazu bei. Lafontaine.

Nachdruck verboten.

Die Sünden der Väter.

Roman von Osterloh.

(Fortsetzung.)

Er war ganz fremd in die Stadt gekommen mit der Absicht, zunächst in einem Hotel abzusteigen. Da wurde ihm von einem Mitreisenden das Andreesche Haus empfohlen. Er beschloß, einen Versuch zu machen, und fand sich zu­nächst angenehm berührt von der feinen und zurückhaltenden Vornehmheit der Frau vom Hause. Er hatte nicht gern mit ungebildeten Leuten zu thun, aber er liebte es ander­seits nicht, auf Gleichgestellte irgend welche Rücksichten nehmen zu müssen. Hier ließ man ihn unbehelligt seines Weges gehen. Mit Frau Andree verkehrte er rein geschäftsmäßig. Es stand ihm auch frei, seine Mahlzeiten einzunehmen, wo er wollte. Zum Mittagessen pflegte er mit seltenen Aus­nahmen zu erscheinen, weil er die einfache und kräftige Hausmannskost der Restaurationsküche vorzog. Er nahm seinen Platz an der Tafel ein, erfüllte die Pflicht der Höflichkeit, indem er grüßte und eine etwa an ihn gerichtete Frage nicht unbeantwortet ließ. Zu oft wurde er damit nicht belästigt. Seine Würde und sein imponierendes Wesen flößten den alten Damen Respekt ein. Nur mit Martha unterhielt er sich gern. Ihre häusliche Tüchtigkeit, ihr weiblicher Takt nötigten ihm Achtung ab,- ihr Ernst und der leise Hauch von Poesie, der sie umschwebte und der seinem positiven Wesen eigentlich fernstand, zogen ihn an. Oft ruhten seine Blicke unbemerkt auf ihr, und es wollte ihm scheinen, als bärgen diese ernsten Augen, dieser melancholische Mund ein Rätsel.

Sind Sie immer so ernst gewesen, Fräulein Andree?" fragte er sie einmal.

Ich denke,- ich weiß es wirklich nicht. Ich habe nie darüber nachgedacht." Es kam ihr ganz seltsam vor, daß sich jemand mit ihr und ihrer Gemütsstimmung befasse.

Er aber sann häufig darüber nach. Sie erschien ihm wie ein verschlossenes Buch,- und das war ihm interessanter

als eines, in dem jedermann ohne weiteres blättern kann. Sie mochte wohl manches Trübe in ihrer Jugend durch­gemacht haben und nicht dazu erzogen worden sein, fremden Leuten zwangsweise Gesellschaft zu leisten. Er erkundigte sich nach den Familienverhältnissen, nach ihrem Vater,- und da erfuhr er alles, was man bei dem plötzlichen Tode des­selben gemutmaßt und sich erzählt hatte.

Ja," sagte einer, mit dem er darüber sprach,es lief auch ein Gerücht um über einen jungen Schweden, den er geschädigt haben sollte."

Aber das war vollständig aus der Luft gegriffen!* wies man ihn zurecht.Und Andree war ein Ehrenmann! Ja, Andree war ein Ehrenmann!"

Und das war Dievenow lieb zu hören. Er wäre nicht gern in einer Familie geblieben, der ein Makel anhaftete.

XII.

Mit Martha selbst hatte Dievenow kaum je über Familienangelegenheiten gesprochen. Ihre Unterhaltung hatte sich meist um Alltagserlebnisse gedreht; zuweilen waren auch Themata abstrakter Natur zwischen ihnen verhandelt worden. Er war daher nicht wenig überrascht, als Martha eines Tages mit hochroten Wangen ins Eßzimmer stürzte und auf eine Depesche, die sie in der Hand hielt, deutend ausrief:

Denken Sie nur, Leonhard hat die Eins bekommen!"

Sie hätte es in ihrer überströmenden Freudigkeit jedem erzählt, der ihr gerade in den Weg gekommen wäre, und nun war Dievenow der erste. Sie fügte auch sogleich be­schämt wegen ihres übergroßen Eifers erläuternd hinzu:

Leonhard ist mein ältester Bruder."

Ich weiß es."

Es ist die einzige Eins bei der juristischen Prüfung überhaupt. Er hat nämlich Jurisprudenz studiert." Es war ihr jetzt zum Bewußtsein gelangt, daß Dievenow von dem allen vermutlich nichts wisse, und daß es von ihr sehr thöricht gewesen sei, zu verlangen, er solle an ihrer Freude teilnehmen. Zu ihrer Verwunderung jedoch antwortete Dievenow, indem er ihr mit leichtem Lächeln die Hand hin­streckte :

Ich gratuliere, Fräulein Andree. Ihr Liebling macht Ihnen viel Freude."

Mein Liebling? Aber woher wissen Sie denn?" fragte sie ganz befremdet.

Das würde jetzt unschwer zu erraten gewesen sein," erwiderte er,aber ich wußte es schon längst. Sobald von Ihrem Bruder gesprochen wird, leuchten Ihre Augen."