Ausgabe 
20.4.1899
 
Einzelbild herunterladen

218

ruhig schlafen, stellt dir die Wahl frei unter tausend Be­schäftigungen und führt dich zu jeder Art Freuden und Genüssen. Aber die See! Sie ist stets auf der Lauer, dich zu verschlingen, sie ist eine Göttin, die nie aufhören wird zu versuchen, diese grausame Absicht auszuführen, so Du in ihrem Dienst bleibst. Sie giebt dir schlechte Nahrung, schwere, harte Arbeit, lange, langweilige Zeiten der Gefangen­schaft und entläßt dich zuletzt als armen Mann, falls du das Glück hattest, der Sandmatratze zu entgehen, welche sie für dich immer unter den Ungetümen der Tiefe bereit hält.

Neuntes Kapitel.

Ein Wohnzimmer auf See.

Wir gingen um sieben Glasen (halb acht) zum Frühstück. Diese Mahlzeit bestand aus frischem, am Lande gebackenem Brot (heute nämlich) und Thee, einem sonderbar aussehenden Getränk, welches freigebig mit hellgelben Stengeln verdickt war. Einige unter uns, welche Süßigkeiten liebten, strichen Shrup auf ihr Brot, andere zogen Schweinefett vor, was vielleicht ein geeigneterer Ersatz für Butter ist.

Es fiel mir auf, daß sich keiner meiner Maats irgend etwas mitgebracht hatte, ich meine irgend welche billige Zu- thaten zu dem harten Zwieback und zähen Salzfleisch, welches fortab unsere tägliche Mahlzeit bilden sollte. Man hätte vermuten dürfen, daß die Kiste eines jeden doch wenigstens etwas enthalten würde, was aus dem Laden des Kaufmanns oder Eßwaren - Händlers entnommen worden war. Davon war aber nichts zu sehen.

Es ist sonderbar, aber wahr, der Matrose vergeudet lieber an einem einzigen Abend den Verdienst einer zwölf­monatlichen Arbeit, als daß er sich für eine lange Fahrt auch nur eine einzige kleine Annehmlichkeit verschafft.

Laßt uns heut' abend glücklich sein, Was kümmert uns baB morgen?"

Das ist der Wahlspruch dieser leichtlebigen Menschen.

Will der freundliche Leser an die Luke treten und einen Blick zu uns herunterwerfen?

Ich sitze auf der oberen Pritsche, mit dem Kopf gegen die Decke unserer Behausung stoßend, die Beine herunter­baumelnd, mein Töpfchen Thee auf meiner Matratze, eine Zinnschüssel zwischen den Knieen und mein Einschlagmesser in der Hand.

Der Raum ist reich an hervorstechenden Einzelheiten, er ist nichts anderes als eine hölzerne Höhle, welche augenblick­lich wiederhallt von den Stimmen ihrer Bewohner und dem lauten Rauschen der am Bug sich brechenden Wogen. Je zwei Lägerstätten sind übereinander gebaut; sie reihen sich in doppelter Linie auf jeder Seite des Borderkastells. Einige Leute verzehren ihr Frühstück, gleich mir, auf ihren Pritschen sitzend, andere benutzen die befestigten als Ti-che. Einige, welche schnell gefrühstückt haben, um lange rauchen zu können, blasen dicke Wolken in die Luft, welche mit dem Dampf des Thees vermischt bald eine Atmosphäre bilden ähnlich einem Londoner Nebel.

Das ist das erste Bild; es folgt das zweitel

Aus Rücksicht für die Ohren des Beschauers gebe ich dasselbe mit Weglassung aller groben Flüche. Allerdings büßt die Zeichnung dadurch ihre wahre Färbung ein, denn Saft und Kraft gehen verloren, wie bei einem Lustspiel des Franzosen, dem man die pikante Würze streicht.

Schade drum; doch immerhin, hier ist das Bruchstück einer Unterhaltung, wie sie der Vorderdeck-Matrose führt:

Maat, schaff' mi mal dien entfamtigen Schrubberbesen ut bat Licht. Wo fall de Minsch woll seih'n, ob hei nich Würm in sien Essig hett, wenn du in de Sünn rümmer trampelst, so schnauzte der mürrische, alte Liverpool-Sam, welche an der Spitze der Steuerbord-Wache stand, einen Mann an, der zufällig seinen Kopf zu wett in das Tages­licht vorgestreckt hatte, welches durch die Luke schien.

(Fortsetzung folgt.)

Nachdruck v«rb»t«rr.

Die Armenhausprinzesstn.

Roman von O. «lster.

(Schluß.)

Sie legte die zitternde, welke, kalte Hand auf das blonde Haupt Elsie's.

Wache meinen Sohn glücklich, mein Kind, und aus Eurem Glück erblühe das Glück Eures Volkes. Der Herr behüte Euch und gebe Euch Frieden Frieden!"

Schwer sank sie in die Arme ihres Sohnes zurück. Die Oberhofme'.sterin rief die Aerzte, die Hofdamen, das Zimmer füllte sich, die Aerzte stellten den Tod der Fürstin fest.

Elsie und der Herzog knieten weinend an ihrem Lager.

In dumpfen, klagenden Tönen klangen die Glocken des alten Domes der Residenz, den vor fast tausend Jahren ein Vorfahr des Herzogs erbaut, über Stadt und Land dahin. Die helleren Klänge der kleineren Glocken in den Städten und den Dörfern mischten sich wimmernd darein, und in ge­waltigen metallenen Akkorden schwebte die Klage um die aus dem Leben geschiedene edle Fürstin zum grau verhangenen Herbsthimmel empor. Die fürstliche Dulderin, die seit Jahr­zehnten an das Lager oder den Krankenstuhl gefesselt ge­wesen, war nicht mehr. Ein Herzschlag hatte ihr Leben und ihr Leiden geendet; ein Herzschlag, eine einzige kurze, schmerz­hafte Minute dem Jahre langen Leiden ein Ende gemacht, wie ein plötzlicher Windstoß den morschen Baum nieder­schmettert, wie ein Blitzstrahl die hochragende Tanne zer­splittert, wie ein eisiger Hauch die Blume knickt und welken macht. Mit Hoffnungen und Plänen beschäftigte sich die edle Frau bis zur letzten Stunde ihres Lebens. Wer hegte nicht noch Hoffnungen, wer baute nicht noch Pläne und Entwürfe, selbst wenn er auf dem Sterbelager ruht? Unermeßlich, uner­müdlich, ewig ist die Seele des Menschen, unvergänglich, unsterblich, nie ermattend! Und doch wohnte diese starke, mutige, unvergängliche Seele in dem schwachen, menschlichen Leibe, den eine kurze Minute vernichten, zerschmettern kann! Mit dem vergänglichen Leibe aber zerfallen auch die Pläne der unvergänglichen Welt, mit dem Tode der edlen Dulderin zerfielen ihre Entwürfe, ihre Hoffnungen in nichts, und Tausende klagten um den Tod der hochherzigen Frau, die Tausenden geholfen und Tausenden noch zu helfen gewillt war.

Das alles hatte die eine kurze Minute des Todes ver­nichtet, und deshalb klagten die Glocken, groß und klein, in Stadt und Dorf, und deshalb weinten Tausende am Sarge der Entschlafenen, deshalb folgte die Liebe von Tausenden der Verblichenen nach in das Grab im alten, tausendjährigen Dome, in dessen Gruft sie nun ruhen sollte an der Seite ihres Gatten, inmitten zweier Söhn, die im Kampfe für Deutschlands Einheit, Freiheit und Größe den Heldentod er­litten, inmitten all' der Vorfahren ihres Geschlechts, die seit tausend Jahren fast über das kleine Land geherrscht hatten, in guten und bösen Tagen, die Leid und Freud mit dem Volke getragen, die dem Volke barsche Tyrannen, aber auch milde und gerechte Herrscher gewesen waren.

Wohl nie wurde eine Fürstin so beweint, so beklagt. Es hatte mächtigere, größere, klügere Fürstinnen gegeben, aber keine gerechtere, mitleidigere, wohlihätigere Fürstin, keine bessere Frau, keine bessere Mutter, keine aufrichtigere Freundin. Und giebt es einen größeren Ruhm auf dieser Welt? Irdische Größe, irdische Macht, irdischer Glanz sie vergehen in nichts, sie bauen sich nicht immer auf Ge­rechtigkeit, auf Güte, auf Milde. Selbst der größte, der mächtigste, der ruhmreichste Fürst hinterläßt Feinde und Gegner, muß solche hinterlassen; denn irdische Macht und Größe ist unvereinbar mit Gerechtigkeit, mit Milde, mit Güte nach allen Seiten hin. An der Gruft des größten Fürsten stehen immer solche, die glauben, es sei ihnen unrecht geschehen. Aber der Ruhm der Frau, der Mutter, der Freundin des Volkes, er zeigt nicht den geringsten Flecken,