Ausgabe 
15.7.1899
 
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Das machen Sie einem anderen weiß," rief Müller, übermäßig laut lachend.

Es ist leider wahr," bestätigte Bergmann.Plötzlich ist's wie ein Fieber über ihn gekommen, und nun sitzt er von früh bis abends und büffelt."

Warum arbeiten Sie denn plötzlich so viel?" fragte Olaf.

Man muß doch einmal anfangen," meinte Milow.

Muß man ?" rief Müller.Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, es fiel mir gar nicht ein. Einziger Sohn reiche Eltern."

Ich kann doch nicht immer von meinen Eltern leben," entschuldigte Milow fast schüchtern.

Js sich doch sehr angenehm ßu leben von Geld von Eltern, wenn haben Eltern welches," bemerkte Barsescu.

Sie sind ein kapitaler Kerl, Barsescu," lachte Müller. Wir verstehen uns."

Wo gehen wir denn jetzt hin?"

Barsescu machte einen Vorschlag.

Noch nicht," sagte Müller und schlug eine bekannte Bierkneipe vor, die ihre Hauptfrequenz nach Mitternacht hatte. Sie lag in einer obskuren Gasse- das Lokal war häßlich, das Bier gut und die Kellnerinnen hübsch.

Die jungen Männer waren hier sehr bekannt. Die meisten von ihnen wurden von den Kellnerinnen beim Vor­namen genannt und mit Du angeredet. Auch hier hatten sie ihren Stammplatz in einer besonderen Stube. Es sollte gejeut werden.

Ich spiele nicht mit," erklärte Milow.

Ich spiele nicht, ich trinke nicht, ich küsse nicht weil ich sehr solide bin," sang Müller nach der Melodie eines bekannten Couplets mit kreischender Stimme.

Bist Du wirklich ein Philister geworden, Karlchen?" fragte die dicke Kellnerin, indem sie sich gerade vor Milow hinstellte.

Danke, ich sehe heute lieber zu," wehrte auch Olaf ab, da ihm Bergmann die Karten zuschieben wollte.

Da hört doch alles auf," staunte Bergmann. Es war das erste Mal, daß Olaf sich zurückhielt.

Ich spiele nicht, weil ich so sehr solide bin" johlte Müller wieder und zog ein Goldstück aus seiner Börse.

So hoch haben wir doch noch nie angefangen," meinte Bergmann bedenklich.

So thun wir's heute."

Woso?" fragte Schaufler wieder im tiefsten Baß; und alle drei lachten.

Müller hatte gewonnen und erhöhte seine Einsätze.

Wisien Sie, daß dem das Wasser an der Kehle steht?" flüsterte Milow Olaf zu.Ein paarmal hunderttausend Mark Schulden, und der Alte zahlt nicht mehr."

Olaf überrieselte es kalt.Warum nicht?"

Kann wahrscheinlich nicht mehr. Ist schon oft einge­sprungen. Auch das größte Vermögen kann zur Neige gehen auf die Weise."

Müller hatte es toll getrieben, Olaf wußte das,- aber der Alte war ja so reich. Und nun doch fertig geworden! Daher diese wilden Redensarten, dieses aufgeregte Benehmen! Nicht Trunkenheit, Verzweiflung vielleicht. Daher diese tollen Einsätze- ein letzter wahnwitziger Versuch, sich zu retten, sei es auch nur auf Tage. Und es schien ihm zu gelingen. Wie gierig er die Goldstücke einstrich, die das Glück ihm heute in den Schoß warf- seine Augen funkelten wie die eines beutegierigen Tigers.

Der kleine Barsescu war ganz bleich geworden und lachte nicht mehr. Schaufler langte phlegmatisch ein Gold­stück nach dem andern aus der Tasche, viel zu langsam für die zitternde Hast des Gewinners. Er wußte, wie weit er gehen konnte und wollte und machte sich nichts daraus, mittendrein aufzuhören.

(Fortsetzung folgt.)

Die Kunst lange zu leben.

Von Dr. med. Hermann Armin.

------- (Nachdruck verboten.)

Schwermütig hebt ein altes Kirchenlied mit den Worten an:Media in vita in morte sumus (Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen)." In der That genügt es, sich bloS einmal umzuschauen, um sich zu überzeugen, wie der allgewaltige Herrscher Tod Unterschieds- und scheinbar regellos alt und jung, Mann wie Weib, reich und arm dahinrafft. Unter solchen Umständen möchte man versucht sein, sich zum Fatalis­mus des Islam zu bekehren, der die Dinge gehen läßt, wie der liebe Gott es will. WaS frommt es, sich mit der Er­haltung und Stärkung der Gesundheit abzugeben, wenn jeden Tag, wie die Kugel den Soldaten im Felde, den Menschen die mörderische Krankheit treffen kann, die dem Dasein ein Ende bereitet! Indessen würde ein solcher Standpunkt durch­aus verkehrt sein, nicht erst seit heute, sondern bereits vor vielen tausend Jahren ist der Beweis geliefert worden, daß inner­halb gewisser Grenzen der Mensch Herr über Leben und Tod ist. Die Hygiene oder Gesundheitslehre hat längst in Theorie und Praxis ihre Feuerprobe bestanden- man hat alle Ursache, sich ihrer Erfolge zu freuen. Allein der Stolz auf die modernen Errungenschaften darf nicht dazu verleiten, das gering zu achten, was frühere Geschlechter geleistet haben. Namentlich haben sich zwei Kulturvölker außerordentliche Ver­dienste in dieser Hinsicht erworben, die Juden und die Griechen: Die lykurgische und solonische Gesetzgebung einer­seits, die mosaische anderseits dürfen, unbeschadet ihrer sonstigen politischen oder religiösen Tendenz, als hygienische ange­sprochen werden. In den Vorschriften der letzteren ist in bewunderungswürdiger Weise der Grundsatz durchgeführt worden, daß eine vernunftgemäße Ernährung .und penibelste Reinlichkeit unbedingt erforderlich sind, um den Menschen gesund zu erhalten und vor Krankheiten zu schützen. Ver­missen wird man in der mosaischen Gesetzgebung hingegen die Berücksichtigung der Gymnastik, die dafür bet den Griechen die sorgsamste Pflege fand.

Wenn wir nun fragen: Wie fangen wir es an, um uns die Kunst, lange zu leben, anzuetgnen? so haben die genannten Völker im Prinzip die Antwort schon gegeben. Grund­sätzlich läßt sich dem, was sie für richtig erkannt haben, weder etwas hinzufügen, noch davon hinwegnehmen, d. h. also, man hat für gute Ernährung, für höchste Sauberkeit und allseitige Ausbildung des Körpers Sorge zu tragen. Auch darin gleichen die heutigen Verhältnisse durchaus denen ver­gangener Zeiten: Bis zu einem bestimmten Grade vermag der einzelne oder die Familie den Forderungen der Hygiene gerecht zu werden, dann aber gelangt man zu einem Punkte, wo ihre Kraft nicht mehr ausreicht, und jetzt hat die Gesamt­heit, der Staat und die Gemeinde, einzutreten. Dennoch unterscheidet man zwischen individueller und genereller, oder persönlicher und öffentlicher Gesundhetlspflege. Das ist ohne weiteres verständlich: Die Speisen gesundheitsgemäß zuzube­reiten, liegt dem Hause ob, allein wer nicht gerade Nahrungs­mittelchemiker oder Fleischbeschauer von Fach ist, kann unmöglich wissen, ob die dazu verwandten Lebensmittel von tadelloser Beschaffenheit sind. Die Bürgschaft dafür gewährt nur eine gut organisierte Gesundheitspoltzei.

Ebenso verhält es sich mit der Sauberkeit. Mehr als den eigenen Körper und dessen nächste Umgebung, nämlich Wohnung und Kleidung, reinlich zu halten, kann keiner leisten - über das Weichbild des eigenen Hauses hinaus ist man dagegen ohnmächtig - die Wasserversorgung, die Fortschaffung der Abfälle von Menschen und Tieren fällt heute wie je dem Kommunalverbande anheim. Und dieser, oder statt seiner der Staat ist es, welcher bei den Griechen für die Gymnastik auskommen muß. So ist der obligatorische Turnunterricht für die Schuljugend eingeführt worden, und in neuerer Zeit fühlen sich die Städter verpflichtet, auch für das Schwimmen eigene Anstalten zu errichten.