Ausgabe 
14.11.1899
 
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braucht sein würde. Zum Glück berücksichtigt auch diese im übrigen unanfechtbare Berechnung zwei Umstände nicht, nämlich die zunehmende Verwendung der durch Wasserkräfte erzeugten Elektrizität, welche dem Anwachsen des Kohlenverbrauchs einen wirksamen Riegel vorschieben und im zwanzigsten Jahrhundert fast alleinherrschend werden wird und die konstante Regeneration des Sauerstoffes durch die Pflanzenwelt, welche die Kohlen­säure der Luft einatmet und nach Verbrauch des Kohlenstoffs zum Aufbau des Pflanzenkörpers Sauerstoff in Freiheit setzt und ausatmet.

Wir können uns also mit dem Bewußtsein beruhigen, daß auch die entferntesten Enkel von uns noch die Grund­bedingung zum Dasein vorfinden werden, so sehr sich auch sonst inzwischen das Antlitz der Erde verändert haben mag. Ueber dasjenige aber, was sich in Jahrmillionen ereignen kann, sich den Kopf zu zerbrechen, wäre die undankbarste und unfruchtbarste Aufgabe, die wir getrost jener fernen Nachwelt zur Lösung überlassen können.

V-viiEeHtes.

Unter den Minden ist »er Einäugige König! Das ist wohl für dir Blinden Wahrheit; für den Einäugigen aber ist es ein schlechter Trost. Denn durch den Verlust eines Auges wird die mensch­liche Sehkraft nicht nur um die Hälfte verringert, auch die Fähigkeit, die erblickten Gegenstände plastisch zu sehen, die durch die Annäherung unseres Augenpaares bedingt ist, geht dem Einäugigen verloren. Sollte man da glauben, daß Angehörige vieler Berufszweige sich freiwillig des Gebrauchs des einen Auges begeben? Wir reden nicht von dem tapferen Leutnant, der seine Sehkraft durch ein eingeklemmtes Monocle schwächt. Aber für alle Leute, die viel mit besonders kleinen Gegen­ständen zu thun haben, wie Uhrmacher, Optiker, Graveure, Miniatur­maler, Zoologen, Anatomen, ist dies Unterdrücken der Sehkraft des einen Auges auf Kosten des anderen eine unbedingte Notwendigkeit. Der Zwang, sich einer Lupe zu bedienen, die bekanntlich nur die Betrachtung mit einem Auge gestattet, raubt ihnen den unendlichen Vorteil des plastischen Sehens und schädigt durch die so ungleiche Beanspruchung der Sehwerkzeuge ihre Sehkrast in hohem Maße. Diesen Männern wird als eine wahre Erlösung die Nachricht erscheinen, daß es dem bekannten Pariser Augenarzt Dr. Emil Berger gelungen ist, eine Lupe für beide Augen zu konstruieren, die die Fehler des alteneinäugigen" Hilfsmittels in sinnreichster Weise beseitigt und die Sehkraft beider Augen in gleich hohem Grade verstärkt, während sie die Plastik der er­blickten Gegenstände noch erhöht. Der Benutzung der alten Lupen für beide Augen steht hauptsächlich der Umstand entgegen, daß dieselbe nur kttrze Brennweiten von 5, 7% oder 10 Zentimer haben und die Blick­linien beider Angen nicht auf einen in so geringer Entfernung liegenden Gegenstand vereinigt werden können. Ein binokulares Sehen auf diese kurze Strecke ist physisch unmöglich, weil die inneren Augenwinkel die Augenaxen nicht soweit nach der Mittellinie zu drehen vermögen. Die binokulare Lupe des Dr. Berger bringt das plastische Bild des Objekts in die normale Entfernung vom Auge (ca. 33 Zentimeter). Diese Er­findung stellt ohne Zweifel eine epochenmachende Neuerung auf optischem Gebiete dar, durch die ein seit mehr als zwei Jahrhunderten angestrebtes Problem in geschicktester Weise gelöst ist. Die Anwendung dieser Lupe in Form einer stereoskopischen Brille bedeutet für die Angehörigen der obengenannten Berufsarten einen unschätzbaren Vorteil, denn bei ihr geht die Verstärkung der Sehkraft und des stereoskopischen Effekts Hand in Hand mit der Beseitigung der allen Augenärzten nur zu wohl be­kannten Ermüdung und Ueberanslrengung der Augenmuskeln.

,. Wie die Chinesen ihre Geschichte schreiSen. Das chinesische Reich besitzt gerade so gut seine Hof-Historiographen wie das deutsche Reich, nur mit einem bedeutenden und sehr bemerkenswerten Unterschiede: Diese Geschichtschreibung wird nämlich nicht früher ver­öffentlicht, als bis ein Kaisergeschlecht ausgestorben oder auf eine andere Weise durch ein neues ersetzt ist. Dadurch wird den Geschichtsschreibern die Möglichkeit gegeben, ungestraft und unparteiisch die Tugenden und Laster der verschiedenen Herrscher und die guten und schlimmen Er- eigniffe während ihrer Regierung aufzuzeichnen. Diese weise Einrichtung ist schon über 2000 Jahre qlt, denn die ersten solcher Geschichtschreiber wurden von dem Kaiserhause der Han ernannt, welches von 206 v Ehr. bis 25 bis nach Ehr. regierte. Die Geschichtschreiber haben alle Er- eigniffe von Bedeutung, die sich während ihrer Thätigkeit ereignen, aufzuzeichncn. Jedes ihrer Schriftstücke kommt gleich nach der Nieder­schrift in eine eisenbeschlagene Truhe, die stets geschlossen ist. Erst bei der Thronbesteigung eines neuen Kaiserhauses wird die Kiste geöffnet und die angehäuften Dokumente werden dem dann lebenden Geschicht­schreiber ausgeliefert, der danach die Geschichte des vergangenen Kaiser­hauses niederschreibt. Da die jetzige Dynastie seit dem Jahre 1644 herrscht, so sind seit dieser Zeit die Aufzeichnungen der Staatsgeschicht­

schreiber noch nicht veröffentlicht. Die Freunde unparteiischer Geschicht schrcibung müssen also etwas Geduld haben.

Eine goldene Bilderbibel. So darf wohl die Bibel in Bildern von Julius Schnorr von Carolsfeld genannt werden, welche zuerst in den fünfziger Jahren erschien, und gleich berechtigtes Aufsehen erregte. Der Preis war damals so hoch, daß nur reiche Leute sich dieses Kleinod anschaffen konnten. Wir müssen es als ein beson­deres Glück preisen, daß unser Jahrhundert nicht zu Ende geht, ohne daß es auch weniger Bemittelten möglich ist, dieses herrliche Kunstwerk für sich und die Ihrigen zu erstehen. Es erschien in einer neuen wohl­feilen Ausgabe, zunächst in 10 Lieferungen L 1 Mk. (Verlag von Georg Wigand in Leipzig) und liegt nun fertig gebunden vor in vornehmem Prachtbande zum Preise von 16 Mk. (mit Goldschnitt 20 Mk.). Zum Alten Testament sind 160, zum Neuen Testament 80 Bilder geboten, auf vorzüglischem Papier, in Großsolioformat (34x43 cm). Der Bibeltext ist nicht vollständig gegeben, sondern nur soweit die Bilder des benötigt sind. Mit Recht. Oder liest jemand zur Erbauung oder Belehrung aus einer Prachtbibel mit eingestrcuten Bildern, solche Kapitel, auf die kein Bild Bezug hat? Schwerlich. Dazu kommt, daß die Bil­der vieler Kunstbibeln an Stellen sich befinden, wohin sie nicht gehören, und es viel Besinnens und Nachschlagens bedarf, ehe das Bild mit dem Text in Verbindung gebracht ist. Schnorrs Bibel in Bildern ist außerdem das Werk eines und desselben Künstlers, ein Werk aus einem Guß, von Anfang bis zu Ende. Da ist nichts von Effekthascherei, nichts Beleidigendes. Der Künstler lebt und webt im Heiligtum Gottes. Die Macht der Sünde, das Elend und der Jammer der Schuld, aber auch die überschwängliche Macht der Gnade, sich vorbereitend im alten Bunde, sich vollendend im Bilde des Herrn Jesu, weiß er so ergreifend darzustellen, wie wenige. Und dieser Künstler ist unser sein Werk ist der fromme Niederschlag eines geheiligten Herzens. Um so mehr sei dem Leser geraten, sich zu fragen, ob er nicht diesenSchatz für immer" sich zulegen oder einem Frennde oder einem Familiengliede als Geschenk dar- bieten solle. Goethe hat gesagt, man soll keinen Tag ohne Betrachtung eines Bildes vorübergehen lassen. Vor dieser Bildersammlung stehend, möchte man dieses Wort bei sich und vielen andern zur Wahrheit werden lassen.

Ein elegantes, kleines Geschenk für Damen ist der auch in diesem Jahre wieder erschienene Hande tt. Spener'sche D»men - Allmanach (54 Jahrg. für 1900. Verlag von Hande & Spener, Berlin.) Das äußerst geschmackvoll mit Goldschnitt, Elfenbeinpapier, mit künstlerischem Titelbild, doppelfarbigem Druck, Bleistift und Visitenkartentasche ausgestattete Büchlein vereinigt in sich Taschenkalender, Notiz- und Tagebuch in zierlicher Form. Die von Jahr zu Jahr zunehmende Beliebtheit des Almanachs beweist schon hinreichend, daß nicht nur fein Aeußeres, sondern auch der praktische, zweckentsprechende Inhalt den Beifall der Damenwelt verdient und gesunden hat. Der Almanach enthält ein Kalendarium mit einem Verzeichnisse der protestantischen, katholischen und jüdischen Feiertage, ein Tagebuch für attc Tage des Jahres mit geschickt ausgewählten sinnreichen Wochen- , sprächen, das reichlichen Raum für allerlei Eintragungen bietet, eine Familien-Gedenktafel, einen Geburts- und Namenstag-Kalender, einen Privat - Adreßkalender, Kassen - Uebersichten für zwölf Monate, eine Genealogie für alle europäischen Regentenhäuser und endlich Münz- und Maßvergleichungs - Tabellen. Eine gemütvolle Erzählung aus der Feder der berühmten Novellistin Eva Treu erhöht noch den Reiz des Büchleins, welches auch wegen seiner Billigkeit (Preis 2 Mark) bei jeder Gelegenheit als passendes Geschenk empfohlen werden kann.

Citatenrätsel.

Nachdruck verboten.

, Aus jedem der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Citat ergiebt.

1. Als Erster warf er kühn dem Feinde sich entgegen.

2. Es war ein eitel und vergeblich Wagen, zu fallen ins bewegte Rad der Zeit.

3. Nur das Alter ist jung, ach! und die Jugend ist alt.

4. Ein Wort nimmt sich, ein Leben nie zurück.

5. Weil ein Vers dir gelingt in einer gebildeten Sprache ....

6. Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp'?

7. Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite

8. Die That ist alles, nicht der Ruhm.

9. Es kann ja nicht immer so bleiben!

10. Das Glück war niemals mit den Hohenstaufen.

Auflösung folgt in nächster Nummer.

Auflösung der Schachaufgabe in voriger Nummer:

Weiß.

Schwarz.

1. Ta6 d6f

8 c 4 n. d 6.

2. e 3 e 4 f

8 d 6 n. e 4.

3. Ta4-d4f

e 5 n. d 4.

4. S e 2 - f 4 f und Matt.

ÄtbaftieR; ®. B«rkh«rdt. Bruck und Verlag der Brühl'scheu Uni»ersitiit«°Buch- und Steinbruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.