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Die Liebe höret nimmer auf.
Skizze von M. C. Carpenter-Meyer.
------- (Nachdruck verboten.)
Sie war wirklich noch immer eine schöne Frau, — und wenn es wahr ist, daß eine Frau so alt ist, wie sie aussieht, dann war Frau Elisabeth Hartung nicht nur eine schöne, sondern auch noch eine — junge Frau. — Freilich, es gab zwei Dinge, die energisch dagegen protestierten — ihr Taufschein und ihre Tochter.
Seit mehreren Tagen trug Elisabeth Hartung eine schwere Sorge mit sich umher. Ihre Augen sahen noch ernster als sonst in die Welt, ja sie waren zeitweise verdächtig gerötet, und nicht einmal das schmeichelnde Kosen und Bitten ihres Lieblings, ihrer sechzehnjährigen Tochter Ltzzi, konnte ein Lächeln auf ihre blassen Züge zaubern.
„Ach, liebes Mütterchen, sag' doch, was drückt Dich so nieder, laß mich Deine Sorge teilen, ich bin doch groß genug —" ein leichter Stolz liegt auf dem zarten Gesichtchen des jungen Mädchens, das mit leisem Glück den breiten, goldenen Verlobungsring an ihrer linken Hand betrachtet. —
„Es ist nichts Besonderes, mein Liebling, Du weißt, Deine alte Mutter hat gar viele Sorgen, sie kann nicht immer lachen und singen, wie Du — und nun beunruhige Dich nicht, meine Lizzi".
Sie drückte den blonden, lockigen Mädchenkopf an sich, aber ihr Auge wich dem reinen, fragenden Kinderblick aus.
Konnte sie das glückliche, strahlende Mädchen ihr Leid ahnen lasten, sollte sie ihr das kaum erblühte Glück trüben?
Es waren schwere Stunden für Elisabeth Hartung- sie mußte einen Entschluß fassen, es überstieg ihre Kräfte, dieses Scheinleben länger zu leben- an diese Konsequenzen hatte sie nie gedacht, nie sie in Frage gezogen. Lizzi war noch immer in ihren Augen ein Kind gewesen, immer — bis — bis sie vor acht Tagen von der Eisbahn mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen heimgekehrt war und, der ahnungslosen Mutter um den Hals fallend, unter Lachen und Weinen, gestanden hatte — daß „®r" sie liebe. Und am andern Tage war „Er" gekommen und hatte um Lizzi's Hand angehalten. Er war Architekt, aus angesehener Familie, einer der besten des kleinen Harzstädtchens, in dem Frau Elisabeth seit zwölf Jahren lebte. Sie hatte nur Gutes von ihm gehört, er war ein Ehrenmann durch und durch. So hatte sie freudigen Herzens „ja" gesagt und die Hände der beiden in einander gelegt. Wie glücklich und froh sie sein konnte, ihres Lieblings Zukunft gesichert zu sehen! Kein Gedanke war ihr in all der Seligkeit gekommen an ihre Schuld — und nun —
Als bei der abendlichen, schnell improvisierten Verlobungsfeier im engsten Familienkreise die Toaste kein Ende nahmen, und schließlich der Vater des Bräutigams eine huldigende, liebenswürdige Rede auf die verehrte Brautmutter hielt und darin des leider so früh verstorbenen Gatten derselben ehrend gedachte — da hatte es sie gepackt wie Verzweiflung, ihr war, als ob sie hineinrufen müßte in die fröhliche Gesellschaft: Glaubt es nicht, es ist eine Lüge ---und ohnmächtig sank sie zu Boden.
Nach langen Bemühungen der anwesenden Damen und ihrer Tochter kehrte das Bewußtsein zurück, und sie schlug die Augen wieder auf.
„Mamachen, liebes Mamachen, sorge Dich doch nicht so sehr um mich, bist Du Wohler jetzt, liebste Mutti, lächle doch einmal!" bat Lizzi in flehenden Tönen.
Sie kehrte wieder, ein wenig bleich noch, auf ihren Platz an der Festtafel zurück. Von neuem begann die Marter für sie — ach, wie weh thaten ihr all die mitleidigen, teilnehmenden Blicke, die so deutlich sagten — die Aermste, wie sehr sie noch um den Toten trauert — —!
Endlich gehen die Gäste. Glückstrahlend mit leuchtenden Augen, selig in ihrem jungen, bräutlichen Glück, küßt auch Lizzi die geliebte Mutter, wünscht ihr gute Nacht und geht in ihr Stübchen. Nun ist Elisabeth allein — allein mit
ihrer Qual, ihrem Leid. Stöhnend in furchtbarster Pein, sinkt sie auf das Sopha und vergräbt den Kopf in den weichen Polstern, verzweifelt schluchzt sie — —
Keine Hoffnung — keine mehr — umsonst ihr Streben und Ringen, umsonst ihre Lüge, das entsetzliche, stumme Leid der langen Jahre — keine Rettung — nur der Tod — Ihr Auge wird starr — ja der Tod — ihr scheint jetzt das Sterben so leicht — der Tod hat nichts Schreckliches mehr für sie.
Schon denkt sie an die Art, wie sie sterben will — ja sie will — es ist die einzige Sühne für ihre Schuld. Wie feige sie gewesen war all die Jahre hindurch — um die Achtung der Leute, ihrer neuerrungenen Bekannten nicht zu verlieren, um nicht dem unheimlichen „on äit", dem mißtrauischen Achselzucken zum Opfer zu fallen, hatte sie ge- schwiegen — hatte mit keinem Wort der Meinung der Leute, daß sie eine Witwe sei, widersprochen, verschwieg ihrem einzigen, vergötterten Kind, daß sein Vater lebte, verschwieg, daß sie eine davongelaufene, pflichtvergessene Frau war, entzog das Kind dem Vater, dem Manne — an dem sie, trotz allem, noch heute, nach zwölf Jahren, hängt mit Leib und Seele — und der tot für sie ist und sein wird. Ja, sie will sterben.
Doch erst muß sie ihre Schuld sühnen und zu ihm gehen, — ihr Atem stockte, ihr Herzschlag fiebert bei dem Gedanken — doch es giebt ja sonst keine Hilfe — sie will zu ihm gehen und ihm ihr — sein Kind empfehlen- dann will sie sterben. Sie werden dann an ihr Totenlager treten, ihr Gatte und ihre Tochter, und jener fremde Mann, ihres Kindes Liebe- und sie werden reden über sie — werden ihr vielleicht verzeihen — aber sie wird es nicht mehr hören, nicht mehr sehen.
Der Morgen dämmert herauf, entschlossen erhebt sich Elisabeth von dem Sofa, wo sie sich den entsetzlichen Entschluß abgerungen, sie zündet die Lampe an, geht an den kleinen Schreibtisch und beginnt ihre Papiere und Sachen zu ordnen. Vieles zerreißt sie, anderes ordnet sie gewissenhaft und legt es zurück, aus der mittleren Schublade endlich nimmt sie ein Bild. Es stellt einen Mann mit schönen, genialen Zügen dar, leuchtende, große Augen beleben ein charakteristisch-vornehmes Gesicht. Sie betrachtet es lange, endlich neigt sie sich darauf nieder und küßt es — dann schließt sie es wieder ein mit dem übrigen.
Am Morgen beim Kasieetisch, wo sie der lustig, glücklich plaudernden Tochter gegenübersitzt, sagt sie, deren fröhlichen Bericht über eine geplante Dilettanten-Theateroorstellung unterbrechend:
„Lizzi, ich muß auf kurze Zeit verreisen, nach Berlin — ich hoffe indes schon morgen zurück zu sein- Du wirst mein vernünftiges Töchterchen sein und ruhig hier mit der alten Hanne wirtschaften. Damit Du nicht allein bist, habe ich Fräulein Herter, Deine angebetete Klavierlehrerin, durch ein Briefchen gebeten, die beiden Tage hier zu verleben, sie hat es mir zugesagt, und da ich von meiner vorjährigen Reise her weiß, wie gut Ihr mit einander lebt, kann ich auch diesmal unbesorgt reisen".
Elisabeth hat das alles, wie etwas auswendig Gelerntes hergesagt, ihre Gedanken sind schon weit ab.
„Ach, Mamachen, darf ich Dich nicht begleiten? Berlin, wie schön muß es sein —nimm mich doch mit!" Lizzi sieht flehend zu ihr auf.
„Nein, mein Kind, ein ander Mal!" Wie konnte sie — sie wußte ja nicht, welcher Empfang ihrer harrte — nein —
Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit steht sie heute lange vor dem Spiegel und betrachtet scharf ihr Gesicht. Sie denkt daran, als ihr Lizzi erzählte, daß ihr Bräutigam zuerst durchaus nicht glauben wollte, daß ihre junge, schöne Mama wirklich ihre Mutter sei — sie denkt an all' die galanten Reden und Schmeichelworte, die man ihrer Schönheit gespendet — und schärfer, prüfender steht sie in den Spiegel — wahrlich, hier ein Fältchen und dort — und


