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„Ich gab Ihnen und der Welt keine Veranlassung zu einer solchen Meinung," fuhr sie stolz, mit immer fester werdender Stimme fort, „und ich werde Ihnen und der Welt niemals Veranlassung geben. Meine Ehre weiß ich selbst zu schützen, ich gebrauche niemand dazu, am wenigsten einen Mann, der dadurch, daß er vorgiebt, meine Ehre zu schützen, seinen Ehrgeiz befriedigen will —"
„Sie sind wahnsinnig, Mädchen!" rief der Rittmeister aufbrausend.
„Wir haben uns wohl nichts mehr zu sagen, Herr Rittmeister — mein Weg führt mich hier zum Schloß zurück."
Sie neigte mit königlichem Stolz leicht ihr Haupt und trat in einen Nebenweg, rasch dabonschreitend.
Der Rittmeister schien ihr nacheilen zu wollen. Aber er hielt sich zurück, erhob nur leicht die Hand und murmelte, während ein Lächeln seine Lippen umzuckte: „Warte nur, Du Armenhaus-Prinzessin, ich werde Dich schon noch zahm machen! Du wirst doch noch mein!"
IX
Elsie empfand mit bitterem Schmerz, wie der Boden ihr von Tag zu Tage mehr unter den Füßen schwand, wie ihre Stellung immer unhaltbarer wurde. Es war ihr klar, daß der Rittmeister alles aufbot, um sie zu verklatschen und sie lächerlich zu machen. Sie sah jetzt deutlich all die spöttischen Blicke, sie vernahm jetzt deutlich das heimliche Flüstern um sie her, sie empfand schmerzlich die kleinen Nadelstiche des Neides, der Bosheit. Sie durfte, sie konnte sich nicht wehren. Sie mußte in schweigendem Schmerz alles erdulden, alles über sich ergehen lassen, sie war gefangen in dem goldenen Käfig, sie konnte die Schwingen nicht frei entfalten, zum Fluge nach der lichten Höhe der Kunst, der Freiheit, des Lebens.
Sie fürchtete die strengen Blicke der Oberhofmeisterin, die scharfen, beobachtenden Augen der Frau von Hannecken, das Lächeln der Hofdamen und das Aufblitzen des Hohnes in den Augen des Rittmeisters. Und vor allem fürchtete sie die gütigen, mitleidigen Augen der Herzogin, ihrer edlen Gönnerin, die jetzt so oft mit nachdenklich trübem Blick auf ihr ruhten. Oh, diese Augen, so sanft sie blickten, sie sahen Elsie doch bis auf des Herzens Grund- sie durchschauten die Seele Elsies, sie lasen ihre geheimsten Gedanken, in den tiefsten Falten ihres gequälten Herzens!
Bei dem Herzog fand zu Ehren eines fürstlichen Gastes eine große Galatafel statt.
Auf dem Schloßhof, in dem Flügel, den der Herzog bewohnte, herrschte ein glänzendes Treiben. Mehrere Fürstlichkeiten waren eingetroffen, alle Würdenträger der Stadt und des Staates, des Zivils und des Militärs waren zu der Tafel befohlen worden- durch das Thor des Schlosses donnerten die Equipagen, die Wache trat in das Gewehr, die Trommeln rasselten, Kommandos ertönten, die Wachen präsentierten, Diener und Hosbeamte eilten hin und her, und aus dem großen Prunksaal des Schlosses drangen schmetternd die Töne der Militärmusik.
Nur in dem Teil des Schlosses, den die Herzogin- Witwe bewohnte, herrschte tiefe Stille. Die kranke Fürstin nahm an den lauten Festlichkeiten des Hofes nicht Teil- sie zog sich in ihre stillsten Gemächer zurück, wenn der Herzog Gäste bei sich sah.
Auch heute ruhte sie wieder in ihrem nach dem Park hinausgehenden Boudoir, in dessen Stille und Einsamkeit kein Ton des lauten, glänzenden Festes drang. Da sich mehrere Fürstinnen unter den Gästen des Herzogs befanden, nahmen auch die Oberhofmeisterin und die Damen der Herzogin-Witwe an dem Feste teil. Nur Elsie und die alte vertraute Kammerfrau weilten bei der kranken Fürstin.
Elsie las der Fürstin vor. Sie las unaufmerksam- ihre Gedanken weilten nicht bei den Worten des Buches. Mit trübem Lächeln ruhten die Augen der Herzogin auf dem
Antlitz Elsies, das in letzter Zeit eine feine Blässe angenommen hatte.
„Hören Sie auf zu lesen, Elsie," sagte die Fürstin nach einer Weile. „Ich sehe, das Lesen strengt Sie an, lassen Sie uns plaudern."
Elsie schrack leicht zusammen und eine tiefe Glut bedeckte ihre Wangen. Sie vermochte den Blick der milden, traurigen Augen der Fürstin nicht zu ertragen, sie senkte in heißer Scham das Haupt.
„Kommen Sie zu mir, mein Kind," fuhr die Herzogin freundlich fort. „Da, setzen Sie sich zu meinen Füßen nieder — geben Sie mir die Hand und blicken Sie mir in die Augen."
Elsie versuchte auszuschauen, aber sie vermochte es nicht, sie ergriff die Hände der Herzogin und bedeckte sie mit heißen Küssen. Wie eine Mutter ihr krankes Kind, so zog diese Elsie an das Herz.
„Sie leiden, mein Kind, ich sehe es Ihnen an . ."
„Hoheit — wenn ich Ihnen doch sagen könnte . . ." „Still, still, meine kleine, leidenschaftliche Elsie — mein kleines, krankes Singvögelchen! Es giebt Dinge in der Welt, im Leben, über die man nicht spricht, sollen sie nicht den Zauber der Reinheit, der Heiligkeit verlieren. Ich habe Sie beobachtet, Elsie. Ihr Wesen hat sich in den letzten Monaten verändert — Sie sehnen sich fort von hier, es ist Ihnen zu still, zu einsam bei mir."
„Nein, nein! Oh, wie können Hoheit glauben — ich habe bei Ihnen ja erst gelernt, die Welt, das Leben zu verstehen! Wenn ich doch ewig bei Ihnen bleiben könnte!"
Sie versenkte schluchzend das heiße Antlitz in den Schooß der Fürstin, die ihre Hände sanft auf den blonden Kopf Elsies legte.
„Das menschliche Leben ist ein wundersames Ding, mein armes, liebes Kind," fuhr die Herzogin sanft fort. „Man bewundert uns, man beneidet uns, die wir auf den glänzenden Höhen des Lebens stehen — ach, wie oft mit Unrecht! An mir selbst sehen Sie es, wie nichtig der äußere Glanz ist. Aber ich will nicht von mir sprechen — ich habe manche Freude, manchen Schmerz erlebt. Die höchste Freude war es mir, daß ich die Liebe meines Volkes erringen durste — der höchste Schmerz, als ich zwei meiner Söhne, die auf dem Felde der Ehre, für des Volkes, für des Vaterlandes Wohlfahrt und Freiheit fielen, in die Gruft ihrer Väter senken mußte. Ein Sohn ist mir geblieben, Elsie, ein Sohn, die Hoffnung meines Volkes, meines Landes. Ich konnte es ertragen, das Leben meiner Söhne dem Vaterlande zu opfern, ich würde es nicht ertragen können, den letzten meiner Söhne zu verlieren, den letzten unseres tausendjährigen Geschlechtes seinem hohen Beruf, seiner Pflicht untreu werden zu sehen. Elsie, das Leben des Fürsten ist reicher an Opfern, als das Leben gewöhnlicher Sterblicher. Ihr Leben gehört nicht den Fürsten, ihr Leben gehört dem Staate, dem Volke, dem Vaterlande. Sie müssen ihr Leben opfern in heißer, blutiger Schlacht — auch die anderen Söhne des Landes opfern ihr Leben in dem Kampfe für das Vaterland, die Fürsten müssen aber ihr Leben, ihr Wünschen, ihr Hoffen und ihr Lieben jeden Tag zum Opfer bringen, denn die Pflicht steht höher als das Leben, als das Wünschen, das Hoffen und das Lieben."
Elsie weinte heiße, schmerzliche Thränen. Sie wußte, weshalb die edle Fürstin so zu ihr sprach, und sie sah ein, daß die Abschiedsstunde geschlagen hatte.
Die Herzogin streichelte sanft Elsies blondes Haar.
„Mein armes Kind," flüsterte sie weich, „Sie werden vergessen und vergeben. Sie sind ja noch so jung. Ich werde für Sie sorgen, ich werde Ihnen die Wege ebnen, auch wenn Sie nicht mehr bei mir sind, wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile. Es fällt mir schwer, Elsie, mein Kind, mich von Ihnen zu trennen. Der Himmel hat mir keine Tochter geschenkt, Sie waren mir eine Tochter — und doch muß ich mich von Ihnen trennen. Weinen Sie nicht so,


