266
zu versuchen, ob das Schiff noch Segeldruck vertrüge,- wir brachten deshalb die Brassen in Ordnung, kreuzten die Raaen und setzten einige Segel. Der Erfolg zeigte sich sehr bald, denn es gelang uns, vor den Wind zu kommen. Das Ruder mittschiffs gestellt, fuhren wir nun auf gut Glück los. Wir hofften, vielleicht irgend eine Insel zu erreichen. Wo wir eigentlich waren, davon hatten wir natürlich keine Ahnung, aber wir dachten, es würde besser sein, nach Norden als nach Süden zu steuern, und daher ließen wir das Schiff diese Richtung nehmen."
«.Nachdem wir dies alles mit äußerster Aufbietung unserer Kräfte bewirkt hatten, waren diese völlig zu Ende- ich fiel nieder und schlief wie ein Säugling. Als ich erwachte, war es Heller Tag- ich hatte die ganze Nacht hindurch geschlafen. Ein frischer Wind blies und die See ging schwer. Das Schiff stand wieder ganz verkehrt, aber nicht tiefer im Waffer als zur Zeit, wo wir es flott gemacht hatten. Diese Entdeckung machte mich fast unsinnig vor Freude. Ich rief nach Tommy, erhielt aber keine Antwort. Auf Deck war er nicht zu finden, als ich aber, ihn weiter suchend, nach der Kajüte kam, fand ich ihn, umgeben von einer ganzen Menge Flaschen, liegend. Er war sinnlos betrunken, all mein Schütteln und Zerren erweckte ihn nicht, er war wie tot. Ich ging also wieder auf Deck, setzte das Steuer hart über, das Schiff gehorchte, drehte sich, das große Topsegel fing den Wind, und die „Königs-Eiche" jagte förmlich durch die tosenden Wogen. Hörst du auch zu?"
»Ja, ja, fahr nur fort.""
„Was den Leck gestopf hatte, ich weiß es nicht, schließlich aber bin ich auf den Gedanken gekommen, daß das Gewicht des Waffers das Loch mit durchweichter Wolle verstopft haben mag. So wird es wohl auch gewesen sein. Zwei Tage trieben wir so vor dem Wind. Wir bekamen weder Schiffe in Sicht, noch erblickten wir Land. Aber Hoffnung beseelte uns beide, denn das Schiff hielt sich wacker, und jede Stunde konnte uns Erlösung bringen. Wir hielten abwechselnd Wache. Tommy betrank sich nicht wieder. Er sagte, er hätte geglaubt, das Schiff würde in jener Nacht sinken, und da hätte er getrunken, um sich zu betäuben. Das war seine Entschuldigung und man kann ihn nicht gerade tadeln. Am Lande gebrauchen die Menschen Chloroform als Betäubungsmittel für Schmerzen, und so denke ich, hat der Seemann das Recht, seine Empfindung zu töten, ehe er ertrinkt, wenn er Zeit dazu hat. Es ist doch ein häßlicher, grauenvoller Tod, das Ertrinken, und Gebete sprechen kann man nicht, wenn das Salzwasser im Halse brennt."
Er hielt an, um zu hören, ob ich etwas sagen würde, ich sagte aber nichts, denn ich war ungeduldig, sein Geheimnis endlich zu erfahren- ein Wortstreit hätte die Sache nur verzögert.
So fuhr er also fort:
„Am Abend des vierten Tages legte sich der Wind und es blies nur noch eine schwache Brise. Das Schiff schien kaum von ihr bewegt zu werden. Der Horizont hatte sich wett zurückgezogen und lag ganz klar. Ich sagte zu Tommy: „Ist das ein Nebelstreif auf unserem Backbordbug?" Er meinte, es wäre eine Wolke. Aber in der Hoffnung, es möchte etwas anderes sein, nahm ich das Teleskop, stieg ins Takelwerk und sah richtig Land. Es lag ganz deutlich da. Ich stieß einen Freudenschrei aus, stieg Hals über Kopf wieder herunter, eilte ans Ruder, nahm die Richtung auf, ehe es ganz dunkel wurde, Md steuerte darauf zu. Drei Stunden blieb ich am Rade, dann löste Tommy mich ab- zu schlafen vermochte ich aber nicht, obgleich ich mich auf das Gitter am Stern niedergelegt hatte- ich war in steter Angst, Tommy könnte am Lande vorbeisegeln."
„Als der Morgen anbrach, lag dasselbe dicht vor uns, kaum zwei Meilen fern. Ich beratschlagte nun mit meinem Maat, wie wir handeln wollten. Der Bug-Anker war vertäut und zu schwer für uns- daß der kleine Strom-Anker das Schiff halten würde, konnten wir nicht hoffen, wenn
überhaupt es uns gelang, ihn aus den Fockrüsten herauszuholen. Nach vielem Hin- und Her-Ueberlegen beschlossen wir also endlich, das Schiff an dem Gestade vor uns auflaufen zu lassen.
„Das Glück begünstigte uns, denn die von hinten kommende Brise frischte mit der höher steigenden Sonne auf, und um uns noch mehr Anlauf zu geben, setzten wir das Focksegel. Darauf trat Tommy an die Spitze des Schiffes und blickte in das klare Wasser, um mir als Lotse zu dienen und uns vor dem Auffahren auf Felsen zu wahren. So liefen wir nach einer Weile mit gutem Anlauf, unterstützt von den langen Wogen mit aller Kraft das Brustholz tief in den Sand eingrabend, in dem schönen Ankergrund auf. Wir lagen fest und waren gerettet".
„Wer tum Hageldunnerwedder knurrt denn hier immer- tau as en Hund? wat soll denn bot verdammte grugliche Gemürmel? wer is denn dat olle Gespenst, wat »ich Rauh hollen kann? Büst du ’t etwa, Snigger's?"
„Schon gut, schon gut"' antwortete Deacon. Er rückte mir noch etwas näher und seine Stimme noch mehr dämpfend, fuhr er fort:
„Wir hatten den ganzen Tag vor uns, zu überlegen, was wir nun zunächst thun sollten. Bor allen Dingen nahmen wir ein gutes Frühstück ein und dann suchten wir nach Waffen. In der Kajüte des Kapitäns fanden wir ein paar Revolver. Darauf stieg ich auf die große Oberbram- Raa und rittlings darauf sitzend, mit dem Rücken an den Mast gelehnt, blickte ich lange durch das Glas. Am Hinteren Ende der Insel erhob sich ein mäßig hoher, bewaldeter Hügel, von uns bis zu ihm hin war das Land aber flach. Eine reiche Vegetation bot ' sich dem Auge und durch das Grün schimmerte stahlblau ein kleiner Fluß oder vielmehr eine Buchtung der See, die wie ein Fluß gestaltet war. Die ganze Insel mochte nach meiner Schätzung ungefähr eine Meile breit und drei Meilen lang sein. Von der Mastspitze aus konnte ich den sie umgebenden Ozean ringsum erkennen.
„Wieder auf Deck zurückgekehrt, erzählte ich Tommy, daß der Ort eine Einöde zu sein schiene, und daß kein anderes Land weit und breit zu sehen wäre. Von der Oberbram-Raa aus hätte ich solches auf dreißig Meilen erkennen müssen.
„Wir kamen dann überein, soviel Lebensmittel und Wasser an Land zu bringen, als wir konnten, für den Fall, daß das Schiff in Stücke gehen sollte, ebenso beschlossen wir, das Langboot auszuräumen und mit allem, was dazu gehörte, flott zu machen. Tommy sprach zu mir von dem Golde. Ich hatte ja selbst schon an dasselbe recht viel gedacht, dennoch aber riet ich ihm, keine Unklugheit zu begehen, denn wir wären doch reine Narren gewesen, wenn wir kostbare Zeit damit verloren hätten, etwas zu landen, was nicht Körper und Geist zusammenhielt, falls das Schiff zertrümmerte. Zuerst, sagte ich, laß uns zusammen häufen, was zur Erhaltung unseres Lebens unentbehrlich ist, und dann das Langboot zu Wasser bringen. Wie wollen wir sonst daran denken, noch einmal von hier fortzukommen, um entweder bewohntes Land, oder irgend ein Schiff zu finden, welches uns aufnimmt? — Nein, nicht eher, als bis das alles geschehen ist, dürfen wir das Gold bergen.
„Wir brachten also den ganzen Tag damit zu, Vorräte zu landen. Am nächsten Tage räumten wir das Boot aus, ließen es zu Waffer und takelten es auf. Dann steuerten wir es herum nach der Buchtung, die ich entdeckt hatte, und ankerten es dort fest. Darauf gingen wir zum Schiff zurück und fuhren fort, alles an Land zu schaffen, von dem wir glaubten, daß es uns von Nutzen sein könnte. Dies kostete uns eine ganze Woche schwerer Arbeit. Wir begannen stets mit Tagesanbruch und hörten nicht auf, bis es dunkel war. Aber das Klima war herrlich. Ich konnte dort fünfmal soviel Arbeit verrichten, als irgend wo anders, und dazu kam, daß wir für unser Leben arbeiteten. Die ganze Zeit


