Ausgabe 
12.10.1899
 
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Onkel Gottfried, wo bist Du?" und gleich darauf stand sie vor ihm und warf ihm eine ganze Menge Veilchen über den Kopf. Dabei wurde sie Renaten gewahr, welche zu ihrem Schreck auch noch die beiden Freunde auftauchen sah.

Eine interessante Gruppe," sagte Max, seinen Klemmer auf die Nase zwängend.

Ist denn das nicht Fräulein Wendelin?" meinte Viktor.

Kaum glaubhaft," erwiderte Max, beschleunigte aber seine Schritte.

Frida stand höchst erstaunt vor Renaten.Aber mein Himmel, wie sehen Sie denn aus, Fräulein Wendelin?" rief sie lachend.

Tie reine Waldfee," ließ sich Max vernehmen, indem er sich tief verbeugte.

Zornig und verwirrt stand Renata vor der lustigen Gesellschaft, sie hätte weinen mögen, und es stiegen sogar ganz feindselige Gedanken gegen den unschuldigen Professor, der sie aufgehalten, in ihr auf. Sie strich das wider­spenstige Haar aus dem tief erröteten Gesicht und setzte ihren Hut auf.

Aber wenn die Waldsee Veilchen suchte, würde sie Ihnen, Herr Falkner, schwerlich begegnet sein," sagte sie mit scharfer Betonung. Sie ärgerte sich unbeschreiblich über sein keckes Anstarren.

Max biß sich auf die Lippen und trat unwillkürlich zurück.

Renata wandte sich an Frida, um sich schnell zu verab­schieden, aber die kleine Blondine lachte und machte ihr be­greiflich, daß sie so unmöglich durch die Stadt gehen könne. Müssen Sie denn durchaus nach Haus? Kommen Sie mit zu uns und frisieren Sie sich in guter Ruh."

Frida war sehr guter Laune und überredete Renaten in liebenswürdiger Weise aufrichtig, mit ihnen zu gehen.

Der Profesior war verschwunden, und die beiden Mädchen gingen schnellen Schrittes direkt den Berg hinab und dann durch die Hinterthür in den Ghlfenhof. Die Studenten folgten langsam. Max sah mißmutig vor sich hin, plötzlich wandte er sich herum:Ob das ein Racheakt von der jungen Dame war?"

Racheakt? Wie so?" fragte Viktor zurück.

Nun, wegen der Begegnung damals, Du weißt doch?"

Ach ja, möglich/ ich glaube nur, sie weiß nichts mehr davon, mir macht es ganz den Eindruck."

Bah, was denkst Du, so etwas vergißt eine junge Dame selten. Wollen wir wetten, sie weiß es/ ich werde es zu ergründen suchen und dann eine Art Abbitte leisten/ paß auf, sie wird liebenswürdig ich kenne die Damen," schloß er mit blasierter Miene.

Ich fürchte, Du erleidest nur eine neue Niederlage," erwiderte Viktor,ich würde vorsichtig sein mit diesem Fräulein Wendelin."

Max schaute aber sehr siegesgewiß drein, während sein Freund den Kopf über diese verblendete Eitelkeit schüttelte.

In Fridas Zimmer stand Renata vor dem Toilettentisch und ordnete ihr Haar / Frau Falkner war ihr dabei behilflich.

Kind, was haben Sie für schönes Haar," sagte sie bewundernd.

In der Fensternische saß Frida und sah zu, von Zeit zu Zeit ihr Näschen in einen Veilchenstrauß steckend, den ihr Burghoff überreicht/ daher vielleicht die gute Laune.

Sie vergaß zum ersten Mal ihre eigenen blonden Locken beim Anblick dieser schönen, braunen Haarwellen.

Ich hätte doch nie gedacht, daß Sie solch starkes Haar hätten," rief sie.Wo stecken Sie's nur hin, daß man nichts davon sieht?"

Das weiß ich selbst nicht," entgegnete Renata, .es geht bei mir immer sehr eilig mit der Toilette."

Sie frisieren sich sehr unvorteilhaft," begann Frau Falkner wieder,wir wollen das Haar nicht so fest zusammen­stecken, so, nun sehen Sie gleich viel netter aus."

Wirklich," sagte Frida,gleich zehn Jahre jünger.

Mit Ihrem glatten, straffen Scheitel sehen Sie immer aus wie der alte Herr, dessen Bild in der Rumpelkammer steht/ Sie erinnerten mich gleich an ihn, als ich Sie zum ersten Mal sah."

Renata lächelte und vollendete ihre Toilette selbst, während Frau Falkner hinausging.

Es ist vielleicht ganz gut für mich, wenn ich immer älter aussehe, als ich bin" / damit schickte sie sich an, sich mit Frida ins Wohnzimmer zu begeben.

Als sie an des alten Herrn Gemach vorüberkamen, hörten sie heftiges Sprechen und dazwischen eine beruhigende Frauenstimme.

Großvater hat mal wieder seinen schlimmen Tag/ schon den ganzen Morgen war er so aufgeregt/ ich glaube, er mag den Sturm nicht hören," bemerkte Frida.

Ihre Frau Mutter ist wohl die einzige, die den alten Herrn zu beschwichtigen weiß?" fragte Renata.

Gewiß, aber Marianne hat auch viel Macht über ihn, und das ist sehr gut, für Mama allein würde es zu viel."

Nun, hat denn ihre Mutter nicht eine kräftige Stütze an dem Herrn Professor?" warf Renata ein.

Man sollte es denken," erwiderte die kleine Blondine, doch geht sonderbarerweise Onkel Gottfried dem Großvater eher aus dem Wege. Großvater fragt, glaube ich, nichts nach ihm, sie verständen sich nicht, hat Mama mir einmal gesagt." (Fortsetzung folgt.)

(Nachdruck verboten.)

Schuldig.

Erzählung von F. Arnefeldt.

(Fortsetzung.)

Vater und Sohn blieben allein. Ein paar Minuten standen sie einander schweigend, regungslos gegenüber, dann umschlang Hans den Kommerzienrat mit beiden Armen und rief aus dem tiefsten Grunde seines Herzens:

Vater, mein lieber Vater!"

Da war es, als löse sich ein Alp von der Brust des alten Herrn, und er rief:Bin ich das noch? Kannst Du mich wirklich noch so nennen?"

Statt der Antwort umschlang ihn Hans nur fester. Es war mir unmöglich, jener entsetzlichen Frau ein ver­zeihendes Wort zu sagen," sagte er leile und schaudernd, aber Du, mein Vater, bleibst mir, was Du immer warst, nein, Du bist mir von heute an noch mehr, viel mehr. Laß mich Dein nächster Freund, Dein Vertrauter sein."

Du bist es, Hans," entgegnete der Kommerzienrat, den Kopf des Sohnes an seine Brust drückend.Aber Hans, ich habe noch einen Sohn und eine Tochter und sie sind die Kinder jener Frau."

Er warf einen scheuen Blick nach dem Ruhebett, auf welchem die entseelte Hülle seiner Gattin lag.

Sie sind meine Geschwister!" rief Hans ohne Besinnen / ich werde die Schuld ihrer Mutter nicht an ihnen heimzu­suchen trachten. Laß uns im Gegenteil Sorge dafür tragen, daß sie ihnen für immer verborgen bleibt, daß der Schatten davon nicht auf ihr Leben fällt."

Hans, das wolltest Du?"

Kannst Du da noch fragen? Wird meine arme Mutter wieder lebendig davon, wenn lange Jahre nach ihrem Tode die Welt erfährt, wie sie gestorben ist und die unschuldigen Kinder der Mörderin mit dem Makel ihrer That behaftet werden? Nein, laß uns alles aufbieten, um das Trauerspiel im Hause Helldorf der Welt verborgen zu halten.

Nimm diese Blätter an Dich, Vater!" fuhr er, auf die auf dem Schreibtisch liegenden Bogen deutend fort,so hart es Dich auch ankommen mag, wirst Du sie doch un­verzüglich lesen müssen, denn ich vermute, sie enthalten näheren Ausschluß über jenen Dr. Corbus, den ich schon lange für einen Abenteurer gehalten habe. Ich fürchte, er