Ausgabe 
12.10.1899
 
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Donnerstaa den 12. Oktober.

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as Gute spricht in schlichten, klaren Worten, Das Böse hüllt sich gern in Rätsel ein.

Raupach.

Nachdruck verboten.

Der Gylsenhof.

Eine Erzählung von P. D i t f u r t h.

(Fortsetzung.)

VI.

Der Frühling kam wieder ins Land. Mit Sturm und Brausen schwang er seine Fittiche über die Erde, sie er­weckend zu neuem Leben. Auf Walters Grabhügel saß Renata und lehnte mit geschlossenen Augen den Kopf an das kalte Marmorkreuz.

Ach! all das Erwachen um sie her that ihr so bitter weh, sie hätte hinausschreien mögen in daS Sausen und Klingen, so voll, so schwer war ihr das Herz. Der ge­waltige Lebensodem, der durch die Welt wehte, er konnte doch nicht das Grab spalten und die liebliche Knabengestalt wiederbringen, die da unten schlief.

Die vereinsamte Schwester hob das Haupt, und ihre Blicke fielen auf die Inschrift eines gegenüberliegenden Grab­kreuzes.

Ich bin die Auferstehung und das Leben," stand dort wie für sie geschrieben.

Und war nicht alles das, was ihr so weh that, die Vorahnung jenes großen, ewigen Frühlings, der auch ihr dereinst ihre Lieben wiedergeben würde?

Ja, sie war allein gelaffen und mußte einen einsamen Weg gehen- aber war sie darum verlassen, hatte sie nicht einen reichen Vater? Renata erhob sich und atmete tief auf. Nein, sie wollte nicht undankbar sein- sie wollte nicht bloß zur Erde blicken, sondern hinauf zu Gott und hinaus in die Welt, wo auch ihrer ein von Gott verordnetes Tagewerk wartete.

Ein Pförtchen führte aus dem Kirchhof in das kleine Gehölz, welches sich über einen Teil des Hügels hinter der Brunnenstraße hinzog. Renata schlug den Weg dorthin ein; das Pförtchen stand gerade offen, und die milde, reine Luft that ihr so wohl.

Ueber ihr in den Baumwipfeln wogte es hin und her, und ein süßer Veilchendust wehte ihr entgegen.

Auf einem freien Platze stand ein alter Baum, der seine gewaltigen Neste weithin ausbreitete.

Renata schlang den Arm um den Stamm und lehnte die Stirn an die narbige Rinde. Die Zweige ächzten und knackten im Sturm, als rängen sie mit dem Bann des Winters, und droben jagten die grauen Wolken pfeilschnell dahin, dann und wann sprühende Tropfen heruntersendend.

Renatens dichtes Haar hatte sich gelöst und flog zerzaust um ihre Schultern, sie selbst wurde vom Wind beinahe hoch­gehoben, aber das war ihr eben recht.

Auch durch ihre Seele wehte es wie neuer Lebensodem, wie eine erwachende Ahnung, daß ihr Leben nicht nur durch winterliches Dunkel gehe.

Melodische Töne wurden jetzt deutlich vom Winde zu der einsamen Träumerin herübergetragen. Das waren Menschenstimmen, und näher und näher kamen sie. Renata hob den Kopf und horchte.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden.

Es blüht das fernste, tiefste Thal, Nun, armes Herz, vergiß der Qual, Nun muß sich alles wenden!"

klang es jugendlich jauchzend durch den Wald.

Sehen konnte Renata die Sänger noch nicht, aber sie kamen möglicherweise in ihre Nähe. Sie schickte sich an heim­zugehen, mußte aber zu diesem Zweck erst ihr Haar ein wenig ordnen. Aber das war ein schwierig Ding, und sie über­legte, ob sie nicht doch nötigenfalls so durch die Stadt kommen könnte. Da knackte es plötzlich in ihrer Nähe und Schritte wurden hörbar. Eine Männergestalt tauchte vor ihr auf, die ihrerseits ebenso überrascht schien, wie sie selber. ES war der Profeffor Wolfram, und Renata atmete bei dieser Wahrnehmung erleichtert auf. Das war bester, als wenn es sein naseweiser, blonder Neffe gewesen wäre. Verlegen war sie aber doch, sie mußte höchst sonderbar auSsehen, daS bezeugte der erstaunte Blick des Herrn Profeffors. Dann verbeugte er sich aber höflich und sagte:Fräulein Wendelin, wenn ich nicht irre?"

Renata erwiderte seinen Gruß etwas befangen und hoffte nun, er werde gehen- aber er schien die wunderbare Situation des jungen Mädchens nicht recht zu begreifen, sondern blieb ruhig stehen und begann ein Gespräch. Es half nichts, sie mußte ihm Rede stehen, unartig durfte sie, besonders gegen diesen Mann, nicht sein. Sie versuchte wenigstens schnell ihren Shawl umzulegen und den Hut aufzusetzen, doch ehe sie damit zustande kam, rief Fridas helle Stimme: