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als er von ihr Abschied nahm, so wohl nach einem schlecht durchlebten Winter, daß eine Kur fast unnötig erschien und mehr unternommen wurde, um künftigen Leiden vorzubeugen, als um vorhandene zu heilen. Und nun dieses schnelle Ende! — Durch eine Unvorsichtigkeit, ein Versehen! So sagte Ziel. Dann war der Arzt gekommen. Er sagte dasselbe- aber es klang anders, und Dorothea konnte den Verdacht nicht loswerden, daß er nicht glaube, was er sage. Einmal ließ er eine unbedachte Aeußerung fallen, die sie stutzig machte, und endlich hörte sie, wie die beiden Männer, sich unbelauscht wähnend, über den Todesfall sprachen. „Für mich ist kein Zweifel, daß ein Selbstmord vorliegt," erklärte der Arzt. „Ich kann es nicht beweisen — natürlich. Aber wie sollte er sonst darauf gekommen sein, sich auf so ausgesucht listige Weise in Besitz so großer Quantitäten Morphium zu setzen? Sie haben keine Vermutungen über die Beweggründe, die ihn in den Tod getrieben haben?" — „Keine/' hatte Ziel geantwortet. Und soviel Dorothea grübelte, sie vermochte keine aufzufinden. War ihr Mann nicht glücklich gewesen, glücklich im Berufe, glücklich in der Familie? Ihr ganzes vergangenes Leben ließ sie an sich vorüberziehen, von dem Tage an, da sie den Dr. Andree zum erstenmale gesehen hatte, im Glanze seiner jugendlich schönen Erscheinung, seiner geselligen Talente, seiner natürlichen Vornehmheit, gewohnt zu siegen, wo er sich zeigte. Kein Wunder, daß sie Gefallen an ihm fand. Eher war es verwunderlich, daß er sie beachtete. Wohl war sie ein schönes Mädchen gewesen in der Art ihrer Tochter Martha, aber milder und weicher in Formen und Ausdruck- die Haare um ein paar Töne heller, und heller auch die großen Madonnenaugen mit ihrem sanften Aufschläge. Nichts Auffallendes in ihrer ganzen Art, zurückhaltend und schüchtern, etwas unbeholfen sogar, ohne Lebhaftigkeit der Bewegungen und des Geistes, voll weiblicher, häuslicher Tugenden, die man erst bei näherer Bekanntschaft entdeckt- nicht einmal reich war sie. Ihre Gefährtinnen beneideten sie nicht wenig um die Eroberung, die sie an dem gesuchten jungen Rechtsanwälte gemacht hatte - und als Leonhard Andree schließlich um Dorotheas Hand anhielt und mit Freuden angenommen wurde, da war des Staunens kein Ende. Ach, sie hegte ja selbst Zweifel, ob sie ihm genügen werde- — und nun waren sie doch sehr glücklich geworden. Sie hatte nie aufgehört, ihn anzubeten - und er war anerkanntermaßen der aufmerksamste und galanteste Gatte, den es geben konnte. In der Gesellschaft sah man sie zunächst selten zusammen. In schneller Folge wurden ihnen acht Kinder geboren. Dazu kränkelte Dorothea häufig- nach der Geburt Leonhards war sie fast ein halbes Jahr bettlägerig. Dann kamen die Krankheiten der Kinder. Und so gab es für Dorothea in ihren vier Pfählen soviel zu thun, daß sie an Vergnügungen nicht denken konnte. Natürlich war das kein Grund, daß sich auch ihr Mann davon zurückhalten sollte. Nach seiner anstrengenden Thätigkeit bedurfte er der Zerstreuung, er sehnte sich danach, und sie bestärkte ihn nur darin. Ihr fiel es nicht schwer, zurückzubleiben. Sie fühlte sich am wohlsten daheim. In den letzten Jahren erst, seitdem die Kinder herangewachsen waren, hatte sie ihn häufig begleitet. Ihr Mann war sehr froh darüber. Er erzählte aller Welt, wie glücklich er sei, daß sein Frauchen ihn begleite - er rühmte laut ihre Tugenden, nannte sie die beste Frau, die es gäbe- allein so sehr er auch bemüht war, sie in den Vordergrund zu stellen, sie wurde nicht einheimisch in der Gesellschaft. Meist kam sie schon müde hin. Dann saß sie in ihrem schweren, steifen Seidenkleide auf dem Sofa, und soviel sie sich bemühte, sie vermochte den Gesprächen ihrer Nachbarn und Nachbarinnen kein Interesse abzugewinnen. Um die lieben Nächsten bekümmerte sie sich nicht, die Mode war ihr gleichgültig, und von Theater und Kunst verstand sie nichts. Als junges Mädchen war sie, in strengen Grundsätzen erzogen, derartigen Vergnügungen möglichst feroge- halten worden- später hätte sie manchmal ihrem Mann und mehr noch ihren Kindern zuliebe gern das Versäumte
nachgeholt- aber die Zeit fehlte dazu. Ihr Tag war durch die Kinder und die Wirtschaft vollständig ausgefüllt- denn Leonhard, ihr Gatte, war, was die häusliche Bequemlichkeit anbelangte, sehr anspruchsvoll. Sogar in den Zeiten, wo sie selbst leidend gewesen war, hatte er keine Vernachlässigung geduldet. Er konnte bet den geringsten Unregelmäßigkeiten sehr heftig werden, und sie hatte sich stets alle erdenkliche Mühe gegeben, ihn zufrieden zu stellen. Im vergangenen Winter war das ganz besonders schwer gewesen. Er war heftig, launenhaft, schweigsam und zerstreut. Er nahm weder an der Unterhaltung der beiden ältesten Kinder, wie er es sonst gethan, teil, noch vermochten ihn die burschikosen Einfälle und das heitere Geplauder Elschens zu belustigen. Das lag an seinem Magenleiden. Der Arzt sagte es, und sie alle waren davon überzeugt. Sobald sich das gebessert hatte, war auch die Nervenüberreizung geschwunden, und gleichsam, als wolle er seiner Frau für die Geduld, mit der sie seine Laune ertragen hatte, danken, war er doppelt liebenswürdig und aufmerksam zu ihr. Wie schwer war es ihm gefallen, sich von ihr zu trennen, als er nach Karlsbad reiste- und nun gar sein letzter Brief. Wie rührend, daß er ihr die Freude eines kurzen Aufenthalts an seiner Seite hatte gönnen wollen. Oder war das nicht der Grund für seine Aufforderung gewesen? Sie las die Zeilen noch einmal durch - und heute schien es ihr, als läge darin eine Sehnsucht, ein dringendes Bitten, das sie vorher nicht herausgelesen hatte.
„Bitte, komm sobald als möglich. Ich möchte Dich sehen, Dich sprechen. Thu' es mir zuliebe."
Das war wärmer und herzlicher, als er sonst zu schreiben pflegte. Sprach nicht etwa gar eine geheime Angst, Angst vor sich selbst, vor quälenden Gedanken, die er ihr gern mitgeteilt hätte, daraus?
Nein, nein! Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Wie konnte sie auf so thörichte Vermutungen kommen? Sie erhob sich. An der gegenüberliegenden Wand über ihrem Schreibtische hing das Bild ihres Mannes. Die Abendsonne traf es mit ihren letzten Strahlen und malte rosige Lichter auf das scharfgeschnittene Antlitz. Wie ähnlich das Bild war! So hatte er ausgesehen in seinen besten Tagen!
Dorothea warf sich vor dem Bilde nieder.
„Nicht wahr, Du bist nicht freiwillig von uns gegangen, Du hast uns nicht freiwillig verlassen? Wir waren ja so glücklich, so glücklich —"
Und heiße Thränen rannen über ihre Wangen.
Da nahten sich vorsichtige Schritte der Thür. Sie ward behutsam geöffnet.
„Mama!"
Dorothea wandte sich um. Martha und Leonhard kamen, frische Blumen in den Händen.
„Für Papas Bild, Mama. Dürfen wir? Es soll immer geschmückt sein zum Zeichen, daß wir immer seiner gedenken," flüsterte Martha.
„Gutes Kind!" Dorothea wußte es ja. Die beiden ältesten hatten den Vater abgöttisch geliebt, so sehr, daß sie selbst fast ein wenig zu kurz gekommen war dabei.
„Mama!" raunte ihr Leonhard ins Ohr, und unwillkürlich ballte sich seine Hand zur Faust. „Weißt Du, was die Leute sagen?" Mit einem Blick gebot ihm Martha Schweigen. „Laß nur!" fuhr er fort, mühsam seine Erregung bemeisternd. „Es ist gut, wenn Mama das auch weiß. Diese erbärmlichen Verleumder! Sie sagen, das mit dem Morphium sei kein Versehen gewesen, Papa habe —"
„Sprich es nicht aus!" unterbrach ihn Dorothea geängstigt. „Und glaube es nicht — glaub' es nicht!"
„Nein, Mama!" rief Leonhard mit warmer Ueberzeugung. „Glauben werde ich es nimmermehr. Ich könnte es auch nicht ertragen. Er hätte doch keinen Grund gehabt dafür."
„Und wenn er einen gehabt hätte, sagte Martha herb- „so wäre es erst recht feig gewesen, Dich und uns allein zurückzu-


