Ausgabe 
4.5.1899
 
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Echaumwände hoch am Takelwerk hinaufliefen. Der schwarze Himmel senkte sich tiefer, und wie Gespenster jagten die Wolken an ihm hi».

Würde die Brigg sich wieder aufrichten? Sie lag da wie ein Baumstamm, den die Wut des Orkans gefällt hat,- jeder Augenblick schien ein Jahr. Auf der Wetter­seite des Vorderdecks stehend, fühlte ich die ganze Kraft und Gewalt unseres Peinigers, und wahrhaftig, hätte ich das Geländer losgelassen, an welchem ich mich hielt, so würde ich über Bord geflogen sein wie ein Stück Papier.

Wenn der alte Windwärts Befehle gegeben hat, so kann ich eben nur sagen, daß ich sie nicht gehört habe. Welche menschliche Stimme hätte auch dieses Getöse durchdringen können, daS an der sich aufbäumenden Oberfläche des Meeres entlang donnerte und noch verstärkt wurde durch das Aechzen, Stöhnen, Knarren und Krachen der Masten und ein entsetz­liches Konzert im Takelwerk, wo jedes Tau, eine gigantische Harfensaite bildend, den titanischen Fingern des Sturmteufels diente, seine satanische Sarabande darauf zu spielen.

Plötzlich hörte.ich einen Knall, als wenn der Blitz eingeschlagen hätte. In die Höhe blickend, bemerkte ich, daß das große Marssegel bis zum Reff mitten durchgeplatzt war und in einem ungeheuren Spalt ausklaffte. Im nächsten Augenblick sah ich nur noch einzelne kleine Fetzen des Segels an seinem Umfassungstau wild flattern.

Wenn der Verlust des Segels auch ein Unfall war, so glaubte ich doch beinahe, daß er das Schiff rettete, denn dasselbe fiel sofort ab und richtete sich auf. Jetzt trug uns der Wind den Ton der Stimme des Maats zu. Sein Befehl führte uns an die Fockbraffen der Luvseite, wir holten die Raaen Vierkant, und wie ein Pfeil vom Bogen schossen wir gleich danach vor dem Sturm her.

Dies war der schwerste Orkan, .den ich bisher erlebt hatte. In der Bai von Bengalen hatte ich es einmal mit durchgemacht, wie ein Thphon das Schiff, auf dem ich war, mit seinem äußeren Rande gefaßt hatte, und wir hielten denselben für einen entsetzlichen Sturm,- aber er dauerte nur etwa eine Stunde, und so heftig er war, war er doch nicht mehr als eine starke Brise im Vergleich mit dem Sturm, der uns jetzt jagte.

Kapitän Franklin stand am Kompaß und beobachtete die Richtung, in welcher wir getrieben wurden. Das schlimmste an diesen Orkanböen ist, daß sie sich zuweilen plötzlich legen, dann aber ebenso Plötzlich mit verdoppelter Wut auf der entgegengesetzten Seite aufspringen und das Schiff zurückwerfen.

Inzwischen hatte der alte Windwärts einige Mann ins Takelwerk geschickt, um zu befestigen, was von dem großen Marssegel noch übrig war. Der Orkan peitschte direkt aus Westen, daher stürmten wir Hals über Kopf nach Osten. Als die Leute von der Raa wieder herunter kamen, war der Kapitän vermutlich mit seinen Berechnungen betreffs unseres Kurses fertig, denn wir wurden an die Starbordbrassen ge­schickt, um den Wind soviel Backbord zu bringen, daß wir Ost-Nord-Ost steuern konnten.

Durch dieses Manöver, welches uns ganz vor den Wind brachte, war die Wirkung des Sturmes auf das Schiff nicht «ehr zu vergleichen mit derjenigen, als er es von der Seite traf, es umlegte und festhielt. Jetzt floh es vor ihm her unter dicht gerefftem Vormars- und Vorstengen - Stagsegel, bei einem Seegang, der unter den obwaltenden Umständen nicht der Rede wert war. Die schien die schreckliche Dünung ausgeglichen zu haben- an ihrer Stelle waren es jetzt weißschäumende Wogen, die mit unheimlichem Schein durch die Schwärze der Nacht leuchteten.

Nach kurzer Zeit brüllte der Maat uns zu, das Vor­marssegel zu beschlagen. Das war ein böser Befehl. Es lag etwas in dem Tosen und der Gewalt des Orkans, was selbst die Erfahrensten unter uns in Schrecken versetzte. Das Beschlagen des Segels war eine verzweifelte Arbeit. Trotz­dem an jedem Läufer die doppelten und dreifachen Kräfte

gegen sonst zogen, brauchten wir alle zusammen doch eine halbe Stunde, um die Leinwand einzurolle«. Der Bauch des Segels war wie von Eisen, wir schlugen mit unseren Fäusten dagegen und zerrten an den Seifingen mit fast über­menschlicher Anstrengung. Beinahe hätten wir die Sache als hoffnungslos aufgegeben, doch schließlich gelang unS das Werk.

Kaum, daß wir uns einigermaßen verpustet hatten, er­schallte schon der neue Befehl, das gereffte Groß-Stagsegel wieder zu setzen. Das gelöste Segel kam nieder, die Brassen wurden nachgelassen und der Kurs des Schiffes nördlicher gerichtet. Hierdurch erhielten wir den Wind etwas schräg von der Seite.

Die See war allmählich schwerer geworden. Die mächtigen Wogen strömten in rascher Aufeinanderfolge auf uns zu, und das Deck schwamm fortwährend unter den Wassermassen, welche die Kämme der Wellen auf dasselbe warfen.

Nun," dachte ich, «wenn dieses Wetterchen noch eine Weile anhält, dann wird Miß Franklin wohl verstehen lernen, was die Leute damit meinen, wenn sie von berghohen Wellen sprechen."

Der Kapitän befahl jetzt, beizudrehen. Infolgedessen wurde die Brigg dicht beim Winde gelegt und aller Segel entkleidet bis auf ein gerefftes Stagsegel.

Da lagen wir nun, gehoben von den schweren Seen, die jetzt heranrollten, gegen unseren Bug dröhnten, und Säulen von Gischt über uns ergossen. Heulend, pfeifend, brausend fuhr der Sturm durchs Takelwerk, aber wir machten keine Fahrt, fast auf derselben Stelle blieb die Brigg liegen.

Kurz nach vier Uhr brach die Morgendämmerung beinahe hinter uns an, so daß unser Bugspriet jetzt direkt nach der Seite stand, aus welcher der Orkan gekommen war. Das dunkle, schäumende Wasser, welches im Westen noch schwärzer und düsterer erschien, bot einen trübseligen Anblick. Wie ein bleiches Gespenst stieg die Sonne empor, ohne Wärme in ihrem Licht und ohne Kraft, der tobenden Wasserwüste einen Glanz zu verleihen. Noch waren wir alle Mann auf Deck, aber totenbleich vor Ueberanstrengung und Müdigkeit sahen wir aus, wie dem Meer entstiegene Geister, die für den Augenblick belebt waren, um einem schwer ringenden Schiff beizustehen im Kampfe gegen die Elemente. Durchweicht bis auf die Haut, Hosen und Hemden am Körper klebend, die meisten ohne Kopfbedeckung, mit triefendem Haar, hatten wir ein so elendes Aussehen, wie nur je eine Mannschaft, die dem Untergang ihres Schiffes entgegensieht.

Die Hälfte der Hühner unter dem Langboot war er­trunken- der eine Käfig war losgerissen und was von ihm noch übrig war, lag als ein Haufen Stäbe in den Spetgaten. Das Deck war bestreut mit Taurollen und anderen Gegen­ständen, unter welchen das Waffer zischte und sprudelte. Oben sah alles erbärmlich aus. Die Taue waren schwarz von Näffe und peitschten nach^Lee- die Segel, welche im Finstern beschlagen waren, saßen lumpig an den Raaen - Fetzen des zerrissenen Groß - Marssegels flatterten noch im Winde. Alles, wohin man auch nur sah, machte einen schlaffen, durchweichten, jammervollen Eindruck.

Der alte Windwärts, der, nach dem Ausdruck seiner Augen zu urteilen, sich durch verschiedene Schnäpse gestärkt hatte, begann jetzt aufs neue zu wirtschaften. Er befahl, das Pumpensood zu sondieren, und da ein Fuß Waffer ge­funden wurde, mußte gepumpt werden, bis alles wieder klar war. Dann wurden einige Mann ins Takelwerk geschickt, die Segel wieder in Ordnung zu bringen, andere mußten das Deck reinigen oder Taljen an die Pardunen legen und in anderer Weise die Spieren fichern. Ich dachte wirklich einen Augenblick, der Maat wollte die Reulraaen abnehmen lassen, nach der Art, wie er auf sie schielte- ich war froh, daß der Befehl nicht gegeben wurde, denn das wäre ein