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bleibe nicht länger auf dem Hofe. Er hatte ja immer was zu bedeuten, seit aber das Fräulein ertrunken und die Frau so krank ist, kann man es gar nicht mehr bei ihm aushalten."
„Nun, nun," begütigte der Fremde, „wenn man von solchem Unglück betroffen wird, da kann man wohl aus dem Gleichgewicht gerathen."
„Ach was, Unglück!" erwiderte Krischan sehr wenig respectvoll. „Jetzt will er den Menschen einreden, er hätte das Fräulein wer weiß wie lieb gehabt, und ich wette, er hat sich nicht so viel aus ihr gemacht!" Er schnippte mit dem Finger.
„Wie ist denn nur das Unglück eigentlich geschehen?" erkundigte sich der Fremde. „Ich habe Allerlei darüber gehört, aber nichts Sicheres."
„Na, da kommen Sie an die rechte Schmiede," erwiderte Krischan, der wieder in seiner Arbeit inne hielt, „ich bin dabei gewesen, als das arme Mädchen aus dem Paddenteich gezogen ward, habe selbst mit angefaßt."
(Fortsetzung folgt.)
Versunkene Welten.
Von Ern st Vogel.
------- (Nachdruck verboten.)
Ich aber lag am Rande des Schiffes, Und schaute, träumenden Auges, Hinab in das spiegelklare Waffer, Und schaute tiefer und tiefer — Bis tief im Meeresgründe.....
Kirchenkuppel und Thürme sich zeigten, Und endlich, sonnenklar, eine ganze Stadt, .. (Heine.)
Die Fama berichtet uns wunderbare Geschichten von Städten und Inseln, welche in die Tiefe des Meeres versunken sind. Vineta und Arkon sind solche Städte. Aber noch weit wunderbarer als diese Mär klingt an unser Ohr die uns schon aus dem Alterthum überlieferte Sage von Atlantis, dem versunkenen Continent im Atlantischen Ocean. Was ist die Sage? Verklungene und idealisirte Geschichte. So spiegeln sich in den Bildern der Götter und Heroen der alten Griechen die Heldentaten berühmter und großer Männer ab, deren Erinnerung sich im Volke lebendig erhielt, in Ermangelung der Schreibkunst von Mund zu Mund überliefert und fortgepflanzt. Der skeptische Mensch ist gern geneigt, stolz auf sein fortgeschrittenes Erkenntniß- vermögen, vergangene Ereignisse, sofern sie ihm nicht schwarz auf weiß überliefert werden, der Sage zu überantworten. Oft aber kommt die Wissenschaft der geschmähten und verkannten Ueberlieferung zu Hilfe und rettet ihre Ehre. So bestätigte die Forschung die wundersame Mär vom Untergang der Städte Herkulanum und Pompeji, von deren Wahrheit sich heute jeder Reisende überzeugen kann- sie wies die Wahrheit zahlreicher angezweifellter Berichte des Vaters der Geschichte, Herodot, nach, den man verleumderischer und ungerechter Weise häufig als „Vater der Lüge" bezeichnete, und sie bemächtigt sich neuerdings auch mehr und mehr der alten Atlantismythe, indem sie sich nicht damit begnügt, von einem versunkenen Continent zu sprechen, sondern gleich von zweien, Atlantis und Lemuria, welche beide die Urheimath der Menschheit gewesen sein sollen. Wir schicken voraus, daß es sich selbstverständlich nur um die Hypothesen einzelner Forscher handelt, denen die Wissenschaft im Allgemeinen noch mit Achselzucken oder doch in abwartender Haltung gegenübersteht.
Die erste Kunde von Atlantis verdanken wir Plato, der uns in seinem „Kritias" ein leider unvollendet gebliebenes phantastisches Gemälde der Insel entwirft. Er führt die Mittheilung auf keinen Geringeren zurück als Solon. Während seines Besuches in Egypten habe diesem ein egyptischer Priester die Geschichte der Blüthe und des Untergangs von Atlantis erzählt, und der berühmte Weise habe später die Absicht gehegt, dieselbe als großes Heldengedicht den Griechen zu hinterlassen, sei aber durch hohes Alter oder
aus anderen Gründen an der Ausführung verhindert worden. Entweder durch Ueberlieferung oder durch einen erhalten gebliebenen Bruchtheil des Manuskripts gelangte die Sage zur Kenntniß Platos. Nach seiner Schilderung erklärte der egyptische Priester dem Griechen die Art und Weise, wie er dazu gekommen. Egypten sei das einzige, bei den zahlreichen Vertilgungen der Menschheit durch Feuer und Wasser der Vernichtung entronnene Land, daher habe es alle Wissenschaft, die anderswo vergangen sei, in seinen Tempeln aufbewahrt. So habe es auch die Kunde von Atlantis behalten, dereinst einer Insel, so groß wie ein Festland und größer als Asien und Lybien zusammen. Sie bedeckte eine Fläche vom zwölften bis vierzigsten Grad nördlicher Breite und lag im Atlantischen Ocean westlich der Säulen des Herkules. Der Egypter beschreibt dann ausführlich die Pflanzen- und Thierwelt der Insel, die Menschen und Einrichtungen. Ihre Macht erstreckte sich weit, selbst mit Egypten und Europa hätten ihre Könige Krieg geführt und nur vor dem unbezwinglichen Widerstand der tapferen Helenen hätten sie zurückweichen müssen. Einst entstand eine ungeheuere Ueber- schwemmung, mit Erdbeben verbunden, und in Zeit von einer Nacht und einem Tag verschwand der große Continent, um nur noch in der Sage fortzuleben. Die Zeit des Untergangs verlegt Plato etwa 9000 Jahre zurück.
Nun liegt die Vermuthung nahe, daß der griechische Schriftsteller mit seiner Darstellung einer phantastischen Speculation Raum gab. Vielleicht bezweckte er die Schilderung eines utopistischen Staats, um seiner Zeit einen Spiegel vorzuhalten, wie es Moore in seiner „Utopia" und nach ihm zahireiche Nachfolger gethan haben. Sonderbar berühren wenigstens die genauen Angaben, die er über die Bevölkerung und die politischen Einrichtungen eines Staatswesens macht, dessen Untergang schon so viele tausend Jahre zurückliegt. Andererseits sprechen mancherlei Umstände für die Möglichkeit des einstigen Vorhandenseins eines Continents im Atlantischen Ocean. Zuvörderst die Ernährung desselben durch mehrere alte Schriftsteller, wie Proclus, Aelianus, Marcellus und Siculus. Nach Proclus sollen die Bewohner einer außerhalb der Säulen des Herkules gelegenen Insel damals noch die Erinnerung an Atlantis aufbewahrt haben. Aelianus erwähnt — wie Ignatius Donnellu berichtet, den ich auch für die anderen angeführten Schriftsteller als Gewährsmann bezeichnen muß — aus einer Unterredung ein Festland in der Atlantischen See, größer als Kleinasien, Europa und Lybien zusammengewonnen. Auch die Gallier hatten ihre, von der römischen Geschichtsschreiber Tinagenes gesammelten Traditionen über Atlantis, und nach Diodorus Siculus sollen die Phönizier eine große Insel im Atlantischen Ocean, außerhalb der Säulen des Hercules, entdeckt haben, strotzend von Reichtümern aller Art, außerordentlich fruchtbar mit Strömen, Bergen und Wäldern. Donnelly stellt die bestimmte Behauptung von der Erzählung des Atlantischen Continents auf, ja, er geht noch viel weiter und will den Nachweis führen, daß Platos Beschreibung keine Fabel, sondern wahrhafte vorgeschichtliche Geschichte ist- daß Atlantis jene Region war, in welcher der Mensch sich zuerst aus dem Zustande der Barbarei erhob und zur Civilisation emporwuchs- daß die Bevölkerung von Atlantis ihren Ueberschuß an die Länder Amerikas, Afrikas und Europas abgab, und somit Egypten, Griechenland u. s. w. lediglich atlantische Colonien gewesen seien- daß Atlantis nichts anderes als die vor- sintfluthliche Welt in dem Garten Eden und die Götter und Heroen der Griechen, Hindus und nordischen Völker nichts anderes als die Könige von Atlantis gewesen seien- daß die Mythologie von Egypten und Peru die ursprüngliche, in der Sonnenverehrung bestehende Religion von Atlantis und Egyptens Cultur ein Bild der Cultur von Atlantis darstellt u. s. w. Ferner daß Atlantis der ursprüngliche Wohnsitz sowohl der arischen als auch der semitischen und vielleicht sogar der turanischen Rasse gewesen und durch ein I furchtbares Elementarereigniß bis auf die höchsten Berg-


