Stücken von jeder Größe ab, was den Bäumen ein merkwürdig scheckiges und zerlumptes Ansehen giebt. Wenn die dünne "Haut ganz abgesallen ist, erkennt man die Bäume kaum wieder, denn die Stämme, welche vorher braun waren, haben jetzt eine helle, gelbe oder hellblaue Farbe. Mit der Zeit werden sie wieder grauer, bis der Herbst naht und die Bäume sich wieder häuten." Analoge Erscheinungen beobachten wir freilich auch an heimischen Baumarten, wenn sie auch nicht so characteristisch hervortreten wie bei den Bäumen Neuhollands, welche Hender'on vorwiegend im Auge hat.
Dr. Karl Müller erwähnt in seinem „Buche der Pflanzenwelt" noch einige bemerkenswerthe Verkehrtheiten der australischen Flora. Wer würde wohl glauben, daß es in Neuholland Dornen giebt, welche Blätter und Blumen treiben? Es geschieht dies bei der Cryptandra spinescens, einem zierlichen Strauch, an welchem jedes Aestchen seine abwechselnd gestellten zarten Zweige in Dornen verwandelt, an denen allein die winzig kugligen Blumen und winzigen Blätter hervorbrechen." Die Birnen und Kir chen des im Ganzen fruchtarmen Landes bieten weitere Merkmale der Verkehrtheit. Die neuholländische Birne, ein Strauch aus der Familie der Proteaceen, bringt Früchte hervor, deren Stiele am dicken, statt wie bei uns, am spitzen Theile tragen, und die australische Kirsche hat den Kern außen an der oberen Spitze sitzen, statt in der Mitte des Fleisches. Wie Dr, Karl Müller hervorhebt, handelt es sich allerdings nicht um die saftige erquickende Frucht, die wir unter dem Namen Kirsche mit Vergnügen verspeisen, sondern um das erb engroße, beerenförmige, rothe oder gelbe Erzeugniß eines Strauches, von dem die Frucht nur den beerenartig verdickten Fruchtstiel bildet. „Daher erklärt sich", schreibt der erwähnte Forscher, „das Wunder sehr einfach, daß die eigentliche Frucht, der steinige Same, auf der dem Stiele entgegengesetzten Seite wächst." Immerhin bringt das Aeußere der übrigens wenig schmackhaften faden Frucht den Eindruck hervor, als säße der Kern außen statt innen.
Die Blumen mancher Pflanzen zeigen ebenfalls eine interessante Eigenthümlichkeit. Bet uns bilden die schön gefärbten Blumenblätter den prächtigsten Theil der Blüthe, während die Staubfäden als unansehnliche Anhängsel im Innern sich verbergen. Bei verschiedenen Arten der australischen Myrthaceen ist es gerade umgedreht, ihre Blumenblätter sind gründlich und unansehnlich, während die verlängerten Staubfäden intensiv scharlachroth gefärbt sind und den bunten Schauapparat der Blüthe bilden. Wir suchen die Pilze am Tage, in Australien thut man gut, des Nachts auf die Suche zu gehen, da sie Nachts mit phosphorschem Lichte leuchten.
Gehen wir jetzt zur Thierwelt unseres gegenfüßlerischen Continents über, so stoßen wir auf noch weit seltsamere Wunder, deren jedes sich wieder als eine erstaunliche Ver- kehriheit darstellt. Daß der australische Kuckuck nicht, wie unser heimischer, am Tage, sondern des Nachts schreit, sei nur beiläufig erwähnt. Dagegen wollen wir uns die merkwürdige Thatsache zu Gemüthe führen, daß es in Australien Säugethiere giebt, welche Entenschnäbel tragen und Eier legen, und andererseits Vögel, welche ein ähnliches Haarkleid tragen wie bei uns die Säugethiere. Die Gabel- oder Kloakenthiere stellen die niedrigste Gattung der Säugethiere dar, gewissermaßen eine Uebergangsform von den Vögeln zu den Säugethieren. Mit letzteren haben sie das Fell gemein, mit den Vögeln den Schnabel, der bei ihnen die Stelle des Mauls vertritt, und die Kloake, in welche sich die Ausführungsgänge des Darms und der Harn- und Geschlechtswerkzeuge öffnen. Letzteren gleichen sie noch darin, daß sie Eier legen und diese in der stets um die Fortpflänzungszeit aus zwei seitlichen Bauchfalten entstehenden Tasche ausbrüten. Dabei säugen aber die Gabelthiere ihre Jungen wie alle anderen Säugethiere, nur sind ihre Milchdrüsen nicht wie
die der anderen Säuger auf Talgdrüsen, sondern aus Schweißdrüsen zurückzuführen, auch fehlen ihnen alle Saugwarzen, und es müssen die Jungen die Milch einfach ablecken. Mit dem Vogelschnabel hat der entenähnliche Schnabel im Grunde nichts gemein als die äußere Aehnlichkeit, er ist nichts als eine Säugethierschnauze, deren Hautbekleidung verhornt ist. Die Eier sind weichschalig, wie die der Reptilien — in den Gabelthieren vereinen also drei Klassen des Thierreichs ihre wesentlichen Eigenschaften. Großes Erstaunen rief es in der Gelehrtenwelt hervor, als die erste Kunde von der Fortpflanzung der Gabelthiere durch Eier sich verbreitete und Haacke am 2. September 1884 einer gelehrten Körperschaft in Adelaide ein von ihm wenige Wochen vorher im Brutbeutel eines lebenden Stacheligelweibchens vorgefundenes Ei vorlcgte.
Der Ameisenigel und das Schnabelthier bilden die beiden Familien der Gabelthiere. Ersterer ist ein überaus furchtsames Geschöpf, mit plumpem, stachelbedecktem Körper, das sich von Kerbthieren ernährt, hauptsächlich, wie schon der Name ver- räth, von Ameisen, und sich, wenn Gefahr droht, wie ein Igel zusammenrollt oder rasch in den Boden eingräbt. Das Schnabelthier ist eine Art Wassermaulwurf von biberähnlichem Bau. Mit seinem Schnabel gründelt es im Wasser wie die Enten, es lebt von kleinen Wasserthieren und gräbt sich äußerst künstliche Gänge mit Kammern ins Ufer der Gewässer, an und in denen es haust. Seine sonderbare Gestalt schützt es vor mancherlei Nachstellungen/ Katzen und selbst Hunde ergreifen vor ihm die Flucht. Da es sich nicht lange in der Gefangenschaft hält, so ist es bisher nicht gelungen, ein lebendes Exemplar nach Europa zu bringen.
Unter den Vögeln mit den Haarkleid sind die Kasuare und Emus, die australischen Strauße, entstanden, deren eigen« thümliche Befiederung vollkommen haarartig erscheint.
Wenn wir im Vorstehendem dem jüngsten Continent daS Zeugniß der Verkehrtheit ausstellen, so ist diese Bezeichnung natürlich mehr scherzhaft gemeint. Die Natur bringt niemals etwas Verkehrtes hervor, die hier aufgeführten Eigenthümlich- keiten erscheinen nur unseren europäischen Begriffen in diesem wunderbaren Lichte. Ihre Erklärung finden dieselben durch die von der Wissenschaft festgestellte Thatsache, daß die Flora und Fauna Australiens einen urweltlichen Charaeter aufweist. Die gigantischen Euealypten sollen zum Theil Tausende von Jahren alt lein, die besenartigen Casuarinen zeigen eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit mit den Riesenschachtelhalmen der Trias. „In Australien treibt heute noch der Wind die leeren Schalen des paläozoischen Naulilus an die Küsten. Im Australmeer schwimmt der devonische Hai Cestraeion, im Ufersand birgt sich eine besondere Speeles des Urfisches Amphioxus. In den Küsten der australischen Insel Neuseeland lauert der permische Schnabelkopf Hatteria. In dem Sumpfe des ueuholländischen Festlandes wühlt sich der triasische Molchfisch Ceratodus." Dieser Sumpf und die angrenzende Steppe aber — heißt es in Böhlsche's Entwickelungsgeschichte der Natur — „sind es gewesen, die uns auch das niedrigste Säugegeschlecht erhalten haben: das Geschlecht der Schnabelthiere." Die gleichfalls — mit Ausnahme einiger Arten — auf Australien beschränkten Beutelthiere stellen die unmittelbaren Vorläufer der ausgebildeten Säugethiere dar, in den Gabelthieren haben wir die Typen der niedrigsten und ältesten Säugethiere zu erblicken, aus denen die höheren Formen im Laufe der Jahrtausende sich entwickelten.
Humoristisches.
Kindermund. Mutter ärgerlich: „Aber Hans, Junge, Du hast ja schon wieder Löcher in den Strümpfen?" — Hans (in Verlegenheit): „Ja, Mama, da kann ich nicht dafür, die sind in der Nacht vom Stuhl gefallen."
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