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sind, so verständig führe ich sie aus. Mithin können Sie sich ruhig meiner Obhut anvertrauen."
„Was willst Du nur bei den Erders?"
„Na, das ist doch natürlich genug. Sie wollen mein Geld — gesetzlich kommt es ihnen zu —, ich will es hingeben, allerdings nur in sympathische Hände, und dazu muß ich sie kennen lernen. Herkommen kann sie nicht, da ihr Beruf sie fesselt und mein Vaterhaus kein Ort für sie ist, deshalb reise ich zu ihr. Mein (Sott, bin ich denn von Marzipan ? Fürstentöchter gehen in die Lazarethe, wunde Männer verbinden, und ich müßte die Welt fürchten, sobald sie nicht meines Schlages ist? Mich fürchte ich, nichts sonst."
„Wann, wie willst Du die Fahrt unternehmen?"
„Morgen früh um zehn Uhr fährt der Berliner Zug ab. Dort Droschke — die Adresse geben Sie mir noch, Herr Wulffen." '
„Wenn man Dich hochmüthig zurückstieße?"
„Keine Sorge. Hochmüthig Pflegen Landrathstöchter zu sein, dieses milchweiße Kätzchen wird sich schmiegen und schnurren."
In ihrer Stimme grollte etwas, bedenklich forschend sah Wulffen sie an. Die leichte Spielerei verhüllte eine Absicht. Welche aber konnte das sein?
Tauchlitz seufzte unterdessen.
„Man wird alt, man paßt durchaus nicht mehr in die Welt. Sage bloß, Heinrich, wo soll sie bleiben in der fremden Stadt? Denn bei den Leuten wirst Du doch nicht wohnen wollen, Hilde?"
Diese war aufgestanden. Vom Fenster her sprach sie: „Wohnen? Nein, so weit opfere ich meine Freiheit nicht, besinnen muß ich mich einmal können. Aber es wird ja Damenpenstonate geben, wo man sein ungestörtes Zimmer hat."
Tauchlitz grämelte noch ein gutes Weilchen weiter, daß Wulffen beinah anfing, Hildes Entschluß zu verstehen, als diese sich wieder vom Fenster wandte: „Du vergißt ganz die Hauptsache, das Geld, Papa. Theilte ich es nicht, ließe mir mein Gewissen keine Ruhe, andernfalls ist die Summe auch nicht so klein, daß ich sie weggäbe, ohne hinzusehen, und das Hinsehen muß ich in diesem Falle doch wohl selbst besorgen. Du? Unmöglich. Hollmanns? Undenkbar.
„Und jetzt erlaube mir, zu gehen, ich bin sehr müde."
Wulffen faßte sie scharf ins Auge. Sie hatte geweint, die Spuren sah man, und neue Thränen brannten in ihrem Blick. Die Hand, die sie zum Nachtgruß bot, war kalt und zitterte. Sie jetzt halten zu dürfen, bis sie erwärmte zu jenem unbewußt leisen Schmiegen, das ihm jedesmal bis ans Herz rann — inbrünstiger hatte er noch niemals etwas gewünscht und verzweifelter noch nie die Stille seines Zimmers ersehnt. Endlich ging Tauchlitz mit ihm, nachdem er umständlich die Hausthüren versichert hatte.
„Du wirft nun auch bald reisen?" fragte er beim Treppensteigen.
„Das wirst Du jetzt selbst bestimmen, Onkel."
„Ja, ja, ja," murmelte Tauchlitz, dann brach er ab.
Sein Verdacht, Hilde, könne diesen Heinrich lieben, zerflatterte. ' ,
Würde sie dorthin gehen und ihn zu dem aufgegebenen Mädchen zurückziehen? Solche tolle Schwärmerin war sie ; sicher nicht. Selbst von ihm beeinflußt, würde sie sich davor hüten, absichtlich jenen Bund zu stiften. Ach, das Mädchen!
Dabei sank er in sein Bett und in seinen guten Schlaf, während für die Jugend die Hauptarbeit des Tages begann: der Kampf gegen sich und für sich. Hilde weinte, daß sie Solches allein thun mußte, statt die Hilfe der, ach, so lieben Hände und grundgescheiten Gedanken da drüben näher zu haben. Aber sie konnte sich ihm nicht zuneigen, sie mußte ’ erst sehen, wie man nach einer Ines bestehen könne. Ob ! ihrer geistigen Art jenes flirrende Künstlerleben weichen < Esse und ob ihre Innerlichkeit die Schönheit jener Ersten ■ aufwiege. Ein Leben lang würde die Pein sie stacheln, nur
der Nothbehelf, nicht das Empor dieses Mannes gewesen i zu sein.
t Wulffen indeß knirschte mit den Zähnen, zerwühlte sein Haar und lief ruhelos umher. Nur die Thränen hätte er ihr trocknen wollen, die er vorher gesehen — warum unter» nahm sie bloß dies Alles? Weshalb ließ sie sich nicht, wie - Mädchen sonst, den Hof von ihm machen, froh ihres Sieges über die Andere? Weil sie nicht an den Genuß, nicht an sich allein dachte? So tilgte sie die knabenhafte Genußsucht seines Lebens, die in Ines ihren Höhepunkt fand, so ent» kleidete sie ja seine Seele von all dem Wust und Schwall, j die ihr von außen her angeflogen waren im Laufe der Jahre, i so gab sie ihm die reine Geistigkeit seiner ersten Empfindungen zurück, als er mit sich und der Natur im Einklang lebte. Hilde eroberte ihn jetzt für sein Felsgarten, für seine eigenste
i Art, von Neuem durch ihre Art. Und wie schwer ihm die l Geduld wurde, er mußte das einsehen und sich fügen.
! Da stand die Mappe mit ihren Bildern. Er stellte i fte einzeln aus — Gott im Himmel, wie anders sprachen = sie heute bereits zu ihm, wie anders sahen der Wahrheit- i suchende und nun gar der gewaltige Christus heute aus, i da er einen Theil ihrer Innerlichkeit m Beide hinein denken konnte!
Und sie, die Schöpferin dieses, weinte jetzt seinetwegen. Nun befaß er ein Recht, ihre Thränen zu trocknen — er nahm die Geige. Sollte der Onkel ihn spielen hören, konnte er dieser Tochter wegen eine Stunde Schlaf entbehren oder ihn morgen zur Rede stellen, er spielte jetzt für Hilde. Seife öffnete er die Thür nach dem bereits finsteren Gange und dann spielte er seine süßesten Melodien, seine weichsten Träume zum ersten Mal im Leben ohne die Frage nach eigener Genugthuung, ganz allein besorgt: Hört sie, versteht sie, lauscht sie? 1 y
Ob sie verstand! Auf fuhr sie von den Kiffen, weit weg flog das thränennaffe, ^errungene Tuch, in Herzensseligkeit breitete sie die Arme nach der geschlossenen Thür hin, bis das Glück sie wohlig umspann. Träumend stützte sie den Kopf in die heiße Hand, träumend glitt er in die Kissen. Hilde schlief ein.
Still legte er die Geige fort, um selbst den Schlaf zu suchen. Doch er fand bloß Träume einer holderen Wirklichkeit.
Ausgeschrcckt erwachte Heinrich. Er mußte sich beeile», hinunter zum Frühstück zu kommen, wo er Hilde im dunkelblauen Reisekleid und Hut neben Tauchlitz sand, der gleicherweise streng und ergeben aussah. Der Jüngere entschuldigte sein Spätkommen.
„O, Ihr Abschied von gestern hätte mich begleitet," sagte Hilde zartsinnig. '
»Die Adresse der Erders?" fragte sie dann, und er nannte sie ihr.
Hilde notirte, lächelte wehmiithig oder erhaben, er wurde nicht klug daraus, lustig war es sicher nicht, dann zog sie den Schleier vor das Gesicht. Genau so fuhr sie nachher aus der Bahnhofshalle.
Schon in den nächsten Tagen flatterte ein Brief von ihr ins stille Haus.
„Liebster Papa! An Dich geschrieben, gelten diese Briefe für Tuch, Hollmanns und Herrn Wulffen mit: ich werde hter nichts erfahren, was ihnen Allen nicht mitzu- thetlen wäre."
Nachdem ich mir das Pensionat, meiner Börse entsprechend, gesucht hatte, drapirte ich mich mit meiner schwarzen Seide und fuhr bei den Erders vor.
Der alte Herr barg fein Staunen hinter der Würde emes englischen Stallmeisters, und die Tochter — sie war coftümirt tüie eine Haremsschöne auf Bildern, flammende Setde, Tüll und Perlenschnüre, die Wohnung ähnelt einer zauberhaften Theaterdecoration — Fräulein Ines also verschwand, sobald ich ihr mein Hiersein erklärt hatte, um in braunem Sammet mit Gold wieder zu erschein. Einfacher hat sie es nicht. 1


