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Schwester vergegenwärtige, umsomehr wird mein Verdacht zur Gewißheit. Me Anwesenden meinten, das traurige Ereigniß habe ihn völlig umgemanbelt, Alle waren erstaunt, daß der alte, harte Göbener so weichmüthig, so tief ergriffen sein könne und Niemand ahnte, daß dies Alles nur Maske war.

Doch Einer noch außer mir. Ich habe es dem Amts­rath Wenzel angesehen, daß auch er nicht recht au den Schmerz des alten Heuchlers glaubte und seinen eigenen Gedanken nachhing. Ob ich versuchte, sie zu ersahren? Ich traue ihm zu, daß sein Gerechtigkeitsgefühl ihn veranlassen könnte, mir ein guter Bundesgenosse zu sein, was auch sonst zwischen uns liegt."

Ein weiches, süßes Gefühl wollte bei den letzten Worten sich seiner bemächtigen, aber er wies es von sich, als habe er mit einer körperlichen Erscheinung zu thun.

Fort, fort, geliebtes Bild, ich darf Dich jetzt nicht sehen. Alle meine Kräfte müssen auf das eine Ziel gerichtet sein, die Wahrheit zu entdecken und den Schuldigen seiner gerechten Strafe zu überliefern."

Trotzdem hatte die Erinnerung an die ferne Geliebte besänftigend auf ihn gewirkt. Ruhiger geworden ließ er sich auf dem Sessel vor seinem Schreibtisch nieder, stützte den Kopf in die Hand und saß so lange unbeweglich, mit geschloffenen Augen.

Als er sich endlich erhob, da hatte sein Gesicht wiederum jenen Ausdruck des kalten, eisernen Entschlusses, der ihm sonst nicht eigen gewesen war.

XVIII.

In Rapshagen sah es sehr traurig aus.

Auf die Nachricht von dem jähen, schrecklichen Tode, der Anna Holten ereilt hatte, war Frau Göbener trotz des Abmahnens ihrer Kinder sogleich von Fuchsberg nach Raps­hagen zurückgekehrt, aber an der Leiche der Verunglückten ohnmächtig zusammengebrochen. Sie hatte sich zwar noch ein Mal aufgerafft und versucht, die Leitung der Wirtschaft, die ihr von Anna fast gänzlich abgenommen gewesen, wieder in die Hand zu nehmen. Schon am Beerdigungstage war sie jedoch erkrankt uni lag seitdem schwer darnieder.

Frau Büttner, ihre jüngere Tochter, die mit ihrem Manne auch dem Leichenbegängniß beigewoh,:t hatte, war in Rapshagen zurückgeblieben, um die Mutter zu pflegen und nach dem Rechten im Haushalt zu sehen, bis die Wirih- schafterin, die wohl oder übel jetzt angenommen werden mußte, beschafft und eingetreten war.

Die sanfte, blonde Frau, die in ihrem Aeußeren, wie in ihrem Wesen mehr der Mutter glich als die resolute ältere Schwester, die dem Vater ähnelte und auch von ihm stark bevorzugt wurde, hatte von dem Alten viel zu leiden, dessen Laune die denkoar schlechteste war. Es schien, als wolle er den Luxus von Weichheit und Güte, den er sich unmittelbar nach Annas Tode gestattet hatte, durch ver­doppelte Härte und Unfreundlichkeit wieder einbringen. Von früh bis spät schalt er im Haus umher, Niemand konnte ihm etwas recht machen, die Dienstboten drohten mit Kündigung und mußten von Frau Büttner mit guten Worte und heimlichen Geschenken zum Bleiben bestimmt werden.

Selbst im Krankenzimmer seiner Fran vermochte er den Ausbrüchen seines Mißmuths keine Zügel anzulegen und be­hauptete, wenn die Dinge noch lange so fortgingen, so werde er Haus und Hof als Bettler verlassen müssen. An allem Unheil wäre freilich nur seine verdammte Weichherzigkeit schuld. Hätte er sich nicht breitschlagen lassen, Anna in's Haus zu nehmen, und gar seine Zustimmung zu ihrer Verlobung mit Adolf zu geben, würde das ganze Unglück nicht geschehen sein. Er hätte festbleiben sollen, denn er hätte seinen Windhund von Sohn besser gekannt als alle Andere.

Frau Göbener hatte es aufgegeben, mit ihm zu streiten, so offenbar auch die Widersprüche in seinen Reden waren - sie ließ schweigend Alles über sich ergehen und athmete auf, wenn er das Zimmer wieder verlassen hatte und sie sich

allein oder in Gesellschaft ihrer Tochter sah. Eine Fragt, eine bange, schwere Frage, die sie Tag und Nacht quälte, hätte sie so gern an ihn gerichtet: Was wußte er von dem eigentlichen Hergänge bei Annas Tode?

Hatte er sich wirklich zugetragen, wie es von ihm dar­gestellt worden war oder verhüllte er geflissentlich die Wahr­heit, um nicht wie sie sich schaudernd eingestand der hohen Lebensversicherung verlustig zu gehen.

Was hatte sie sich schon um die Lebensversicherung ge­härmt, von der sie ganz gegen ihres Mannes Willen lediglich durch Annas Arglosigkeit erfahren hatte! Sie war ihr immer wie eine Todesdrohung für ihren Liebling er­schienen und kam ihr jetzt wie Blutgeld vor. Aber sie kannte ihren Mann gut genug, daß sie wußte, er würde sich die große Summe nicht entgehen lassen und nimmermehr ein Zugeständniß machen, das deren Auszahlung gefährden könnte.

Sie fragte ihn nicht und erkundigte sich nur ganz vor­sichtig bei Annaliese, der einzigen Person, die sie von Den­jenigen, welche bei Auffindung der Leiche zugegen gewesen, zuweilen zu sehen bekam, und was sie v n dieser hörte, bestätigte ihre bange Befürchtung. Dann war sogar eine Stunde gekommen, in der Adolf, in seiner Verzweiflung den leidenden Zustand der Mutter vergessend, sich an ihre Brust geflüchtet, ihr seine Schuld bekannt und sich den Mörder Annas genannt h üte.

Für Frau Göbener bestand nunmehr kein Zweifel, daß Anna freiwillig den Tod gesucht- die verzeihliche Mutter­eitelkeit spielte ihr dabei außerdem noch einen Streich. Es schien ihr so begreiflich, daß ein Mädchen, das ihres Adolfs Liebe besessen und verloren hatte, dies nicht zu überleben vermochte.

Der Gram darüber fraß an ihrem Leben, und sie mußte schweigen und sich zur Mitschuldigen des Betruges machen, den ihr Mann an der Lebensversicherung beging.

Göbener hatte ihr ganz kurz gesagt, er habe nach Stettin geschrieben und die Auszahlung der versicherten Summe verlangt, ihr dabei aber streng verboten, etwas davon gegen die Tochter zu erwähnen.

Wenn die Kinder wissen, man hat eine Einnahme ge­habt, kommen sie so gleich mit allerlei Ansprüchen und ich brauche das Geld selbst recht nöthig, es sind schlechte Zeiten und wer weiß, ob mir die Leute nicht noch allerhand Quengeleien machen," hatte er hinzugefügt.

Adolf Göbener hatte einen kurzen Urlaub genommen und war, so sehr der Alte auch darüber schalt, in Rapshagen geblieben. Er vermochte es in Greifswald in seiner Wohnung nicht auszuhalten, jede Thätigkeit ekelte ihn an, aber auch im Vaterhause litt es ihn nicht. War er nicht im Kranken­zimmer der Mutter, so irrte er planlos in der Umgegend umher. Oft ging er bis in die Nähe von Waldhof, schaute nach den Fenstern des sich aus dem, umgebenden Grün malerisch emporhebenden Schlosses, um sich dann mit einem schweren Seufzer abzuwenden.

Er war ein Ausgestoßener. Das Paradies, in das er sich widerrechtlich geschlichen, hatte seine Pforten ihm für immer verschlossen. Behaftet mit dem Brandmal irrte er umher.

Selbst wenn der Amtsrath Wenzel ihm in einer nicht mißzuverstehenden Weise angedeutet hätte, daß sein Besuch in Waldhof nicht erwünscht sei, würde er nicht gewagt haben, die Schwelle des Hauses wieder zu überschreiten, wo er das Gastrecht so schwer verletzt, ein stolzes Frauenherz so tief gekränkt hatte.

Er hätte sein Herzblut darum gegeben, Carola^ nur noch einmal sehen zu dürfen, seinen Mund auf den Saum ihres Kleides zu «drücken, ihre Verzeihung zu erflehen, und doch ergriff ihn ein unsägliches Bangen bei dem Gedanken, er könne ihr begegnen und ihre schönen blauen Augen zürnend oder, weit schlimmer noch, kalt und voll Verachtung auf sich gerichtet sehen.

(Fortsetzung folgt.)