Ausgabe 
23.1.1898
 
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immer und ewig gängeln zu lassen. Sie hatten ihm schon den Beinamen Cato gegeben, weil er sich eine Zelt lang ganz streng von dem geselligen Verkehr zurückgezogen hatte. Markwald hatte eine geradezu aufreizende Art, sein Glas einzuklemmen und seine Augenbrauen hochmüthig in die Höhe ziehend zu näseln:Sind doch im Grunde ein furchtbares Rauhbein, lieber Köster!"

Ganz fuchswild aber machte es ihn immer, wenn Wattenfeld dann secundirend mit seinem beleidigenden, mit­leidigen Lächeln hinzufügte:

Der Spießbürger schlägt ihn eben immer noch in den Nacken."

Otto nahm also ab und zu wieder an den nächtlichen Vergnügungen der Herren Theil. Fatal war es, daß er immer gerade, wenn sie alle in der fidelsten Stimmung waren, aufbrechen mußte, um nur nicht die letzte Pferdebahn zu versäumen. Kein Wunder, daß er wieder wie ehemals einen förmlichen Haß gegen denGesundbrunnen" faßte und daß ihm insbesondere die Rügenerstraße wieder zum Greuel wurde.

Markwald hatte eines Tages oder vielmehr eines Nachts einensublimen" Gedanken, wie er es selbst nannte.

Wissen Sie, Köster, sagte er, als Otto wieder einmal vorzeitig aufbrechen wollte werde Ihnen einen Vorschlag machen. Sie gehen nachher mit mir nach Hause und campiren in meinem Studirzimmer auf'm Sopha. Feudale Idee . . wie?!"

Otto kratzte sich unschlüssig hinter dem Ohr. Der Vorschlag war ja allerdings famos, aber er wußte, daß seine Mutter niemals fest einschlief, bevor sie ihn nicht zu Hause wußte. Sie würde die ganze Nacht kein.Auge zuthun aus Sorge um ihn.

Ich weiß nicht," stotterte er verlegen.

Aha," fiel hier Wattenfeld mit boshaftem Lächeln ein, haben Papa nicht um Erlaubniß gefragt, wie?"

Unsinn !" brauste Otto ärgerlich auf.Ich dachte nur ... ich wollte den Collegen nur nicht lästig fallen."

Von Lästigfallen kann unter Collegen gar nicht die Rede sein," erwiderte Herr von Markwald höflich.Also abgemacht. Sie bleiben, Köster, und wir pilgern (nachher zusammen nach meiner Bude."

Als Otto am anderen Vormittag nach Hause kam, war der Vater schon längst im Geschäft. Die Mutter sah ganz elend und übernächtig aus. Sie hatte schon vom Fenster aus nach dem Heimkehrenden ausgespäht und kam ihm bis zur Treppe entgegen.

Was war denn, Ottochen? Wo warst Du denn?" erkundigte sie sich liebevoll, glücklich, daß er unversehrt wieder da war.

Er erklärte, daß sie bis spät in die Nacht hinein ge­arbeitet hätten und daß er dann zu ermüdet gewesen sei, um noch den weiten Heimweg zurückzulegen. Da habe er eben Markwalds freundliches Anerbieten, bei ihm die Nacht zuzubringen, mit Dank angenommen.

Da hast Du Recht gethan, Ottochen," stimmte sie so­gleich bei.Mein Gott, Ihr armen jungen Leute! Da sitzt Ihr nun die halbe Nacht und lernt und studirt und quält Euch! Kein Wunder, daß soviel Jugend heute blaß und kurzsichtig herumläuft. Armer Otto! Willst Du Dich nicht 'n bischen aufs Ohr legen oder soll ich Dir lieber 'n Täßchen Cacao machen und 'n paar Eier dazu ... in der Schale......"

Von da ab wurde es zur Regel, daß Otto zwei oder drei Nächte in der Woche nicht nach Hause kam, sondern bei Markwald campirte. Zwar äußerte der Vater einige Be­denken, besonders mit Bezug auf die Persönlichkeit des Gastgebers, aber Otto fuhr ordentlich beleidigt auf.Soll ich vielleicht zu Markwald sagen: Sie sind mir ein zu ge­fährlicher Mensch, College! Ich kann mich doch nicht lächer­lich machen! Soll ich mir einen Umgang vielleicht hier auf'm Gesundbrunnen suchen? Ich muß doch noch froh sein,

daß Herr von Markwald mir überhaupt so liebenswürdig sein Zimmer zur Verfügung stellt. Oder soll ich vielleicht zwei Stunden früher aufbrechen als die Anderen, und soll riskiren, daß ich nachher beim Assessorexamen mit Pauken und Trompeten durchfalle, weil ich mich nicht habe gehörig vorbereiten können?"

Diesen Gegengründen konnte sich auch der alte Köster nicht verschließen und so enthielt er sich jedes weiteren Widerspruchs. Schließlich war Otto doch ein erwachsener Mensch und mußte am besten wissen, was er zu thun hatte.

Als auf die Dauer den beiden jungen Leuten dieses gegenseitige Wirths- und Gastverhältniß lästig wurde, wußte Herr von Markwald neuen Rath.

Wissen Sie, College," sagte er zu Otto,miethen Sie sich doch ein Absteigequartier! Hier in meiner Gegend krtegen Sie dergleichen billig. Bequemer können Sie sich's doch gar nicht einrichten. Ihr Alter braucht ja nichts davon zu wissen. Offiziell wohnen Sie nach wie vor bei ihm und inofficiell übernachten Sie, so oft Sie Lust haben, in Ihrem Absteigequartier. Ihrem Alten vis-ä-vis diene ich gern nach wie vor als Deckadresse sozusagen."

Ottto leuchtete die Sache zwar ein, aber der Kosten­punkt machte ihm Scrupel.

Kostenpunkt . . . nicht der Rede werth," erklärte da­gegen Herr von Markwald.Bude braucht ja nicht übermäßig elegant zu sein, ist ja blos zum Schlafen. Zwanzig bis dreißig Mark den ganzen Monat, ist doch 'ne Bagatelle."

Für mich leider nicht," seufzte Otto.

Mal wieder abgebrannt, lieber Köster?" lächelte Markwald.Schadet nicht, helfe Ihnen. Habe neuen Geldmann entdeckt .... riesig anständigen Kerl, sage Ihnen."

Otto schnitt eine Grimasse und protestirte lebhaft: Habe noch genug von damals, danke. Mit Wechselgeschichten lasse ich mich nicht wieder ein."

Markwald lächelte mitleidig.Sinv doch ein furcht­barer Hase, Köster. Hat wohl damals 'ne höllische Stand­pauke gesetzt von Ihrem Alten, was? Ich bitte Sie, davon stirbt man doch nicht. Uebrigens, wie gesagt, riesig netter Kerl! Berechnet gar keine übermäßigen Zinsen, glaube nur dreißig Prozent und prolongirt bis ins Aschgraue."

Wochenlang widerstand Otto, endlich aber unterlag er der neuen Versuchung. Er brauchte so dringend Geld und die Sache war so bequem. Sein Vater würde nie etwas erfahren, überredete er sich selbst. Bis zum Assessorexamen war nicht mehr lange. Bis dahin mußte der Geldmann eben prolongiren. Und hatte er das Staatsexamen erst einmal hinter sich, dann standen ihm die mannigfachsten Wege offen, zu Gelbe zu kommen: Entweder er heirathete eine reiche Frau oder er konnte im Nothfall irgend eine An­stellung annehmen, die sofort ein fixes Einkommen gewährte, beim Magistrat oder einer Lebensversicherungsgesellschast, oder er wurde, wenn er Glück halte, mit der Vertretung eines Richters betraut und bezog volles Gehalt als solcher.

Dem ersten Wechsel folgte ein zweiter und diesem ein dritter. Einmal acceptirte er und Markwald gerirte, das andere Mal gab er wieder sein Giro, während Markwald sein Accept auf das Zauberblatt setzte, das sich alsbald in lachendes Baargeld verwandelte ....

* * *

Der Kammergerichtsrath Göring bewohnte die ganze Bel-Etage eines eleganten Hauses in der Kursürstenstraße. Sein Gehalt sowie die Zinsen seines nicht unbeträchtlichen Vermögens erlaubten ihm, ein mehr als behagliches Leben zu führen und seiner Neigung für gesellige Unterhaltung ohne jede Einschränkung nachzugeben. Für das Opernhaus und das Schauspielhaus besaß er Abonnement und während der kalten Jahreszeit vereinigte eine Jourfix zwei Mal im Monat die Freunde der Familie zu einem zwanglosen Bei­sammensein.

(Fortsetzung folgt.)