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VIII.
Als Carl am nächsten Mittag von der Arbeit nach Hause kam, traf er Helene Zimmermann noch in der Wohnung an. Sie hatte sich am Morgen etwas verspätet und die Erledigung ihrer Pflichten hatte sie deshalb etwas länger als sonst festgehalten. Sie rüstete sich eben zum Weggehen, als draußen die Flurkliugel ertönte. Das junge Mädchen eilte hinaus, um zu öffnen und kehrte mit einem fremden Herrn in's Wohnzimmer zurück.
Alle blickten erstaunt auf,, während der Herr sich mit den Worten: „Habe ich das Vergnügen, Herrn Köster zu sprechen?" dem sich mechanisch von seinem Stuhl erhebenden Hausvater näherte.
Der Fremde ist sehr anständig gekleidet, in der Hand hält er einen tadellosen, glänzenden Cylinderhut. Aber in dem Blick seiner luchsartig umheripähenden Augen, die jeden Gegenstand im Zimmer auf seinen materiellen Werth hin zu Prüfen scheinen, sowie in seiner ganzen Physiognomie, in der sich ein raubthierartig lauernder Character ausprägt, liegt etwas Abstoßendes, etwas peinlich Berührendes.
Der alte Köster ist noch immer so erstaunt über den unerwarteten und ihm unerklärlichen Besuch, daß er sich nicht einmal zu der selbstverständlichsten Höflichkeit aufzuschwingen vermag. Frau Köster aber, die im Stillen einen Zusammenhang dieses Besuchs mit irgend einer Angelegenheit ihres Lieblingssohnes ahnt, trägt einen Stuhl herbei und ladet freundlich zum Sitzen ein.
Herr Vogel nickt dankend und setzt sich. Er schlägt behaglich ein Bein über das andere und schickt sich an, zu sprechen. Helene Zimmermann, die noch immer im Zimmer ist und neben Frau Köster steht, wendet sich, um zu gehen. Aber Frau Köster faßt mit einer unwillkürlichen Bewegung nach ihrer Hand und hält sie zurück. Carl steht am Fenster, seine Augen wandern hin und her- sein Interesse ist getheilt zwischen dem Fremden und Helene Zimmermann und er überlegt, wie er es anstellen soll, sie zu sprechen und über die Vergnügungen des letzten Abends zu befragen.
„Sie haben einen Sohn, Herr Köster, — beginnt der Fremde mit einem Lächeln, das verbindlich sein soll, — der Kammergerichtsreferendar ist ... . ein sehr netter, feiner, junger Mann."
Ueber Vater Kösters Züge breitet sich ein stolzes Lächeln. Er nickt bejahend. Frau Köster aber, strahlend vor gerechtem Mutterstolz, fällt freudig, triumphirend ein: „Das ist unser Otto, jawohl! kennen Sie ihn?"
Herr Vogel aus der Jägerstraße nickt. „Habe die Ehre," sagt er und seine Luchsaugen bemühen sich, einen wohlwollenden Ausdruck zu zeigen. „Ich kann Sie nur zu einem solchen Sohn beglückwünschen," fährt er fort und sein Oberkörper macht eine sich neigende Bewegung nach Frau Köster hin: „Ein talleutvoller junger Mann, ein kluger, fleißiger junger Mann und, wie ich höre, steht ihm eine große Zukunft bevor."
Frau Köster ist aufgelöst in Wonne und Glück. Ihre freudige Erregung möchte sich irgendwie Luft machen. Sie erwägt, ob sie dem Fremden nicht ein Gläschen von dem Weine, den ihr der Arzt zur Stärkung verordnet hat, anbieten soll. Sie Preßt die Hand Helene Zimmermanns, die sie noch immer in der ihren festhält, mit einer Kraftaufwendung, die auf das junge Mädchen eine fast schmerzhafte Wirkung ausübt.
Dem alten, ehrlichen Köster macht das geschmeichelte Vatergefühl warm und auch den jungen Mann am Fenster durchschauert ein angenehmes Gefühl als Bruder des Belobten.
„Sie haben wohl mit meinem Sohn amtlich zu thun?" wagt Vater Köster zu fragen, der endlich gar zu gern wissen möchte, was den geheimnißvollen Fremden zu ihm führte und der in ihm einen Vorgesetzten Ottos oder eine ähnliche Respectsperson vermuthet.
„Amtlich?" Ein flüchtiges, hartes Lächeln zuckt um die Mundwinkel Herrn Bogels. Er fährt mit einer unwillkür
lichen Rechten an die Brusttasche seines Rockes. „Amtlich'? Nein! Ich stehe mit Ihrem Herrn Sohn nur in geschäftlicher Verbindung. Der Herr Referendar beehrt mich mit seiner Kundschaft. Mein Goit — die Gesichtszüge des Fremden verziehen sich zu einem Grinsen — Sie wissen ja, wie die jungen Herren sind. Ein Bischen leicht sind sie ja Alle und Geld brauchen sie immer. Aber schadet nicht, wenn nur etwas Tüchtiges nachher aus ihnen wird. Und aus Ihrem Sohn wird 'mal 'ne Excellenz. Darauf gebe ich Ihnen Brief und Siegel."
Aber diese tröstliche Versicherung machte nicht mehr den beabsichtigten Eindruck auf die Anwesenden. In Aller Mienen malt sich eine instinctive, unbestimmte Unruhe. Vater Köster blickt ganz verdutzt drein und Frau Köster läßt unwillkürlich Helene Z'mmermans Hand fahren; von ihrem freundlichen, runzeligen Gesicht ist der verklärende Glanz geschwunden, ihre Augen irren ängstlich zwischen Köster und dem Fremden hin und her.
Carl ist der Einzige, dem jetzt ein ziemlich klares Ver- ständniß der Situation aufgeht. Die elegante Einrichtung von Ottos Zimmer, das er vor wenigen Wochen betreten, die gestrige Scene vor dem Circus, wie Otto mit Helene eine Drösche erster Klasse bestiegen, tauchte vor seinem geistigen Auge auf und er ahnt die wahre Mission des freundlichen Lobredners seines Bruders.
Herr Vogel knöpft seinen Rock auf, greift in die Tasche und zieht eine Portefeuille heraus, von verdächtig abgegriffenen und dickbauschigen Aussehen. Er öffnet seine Brieftasche langsam und entnimmt derselben einige zusammen- gefaltete Papiere von einem ganz bestimmten Format, bei dessen Aublick den alten Köster ein unwillkürlicher Schrecken befällt.
Helene Zimmermann macht eine Bewegung, um sich discret zu entfernen, Frau Köster aber erfaßt im Nu ihre Hand und hält sie zurück.
Während Herr Vogel langsam in den Papieren blättert und zwei davon bedächtig entfaltet, nimmt er von Neuem mit einer widerwärtig häßlichen Miene das Wort: „Ich weiß, Sie sind ein ehrlicher, ein anständiger, ein gerechter Mann, Herr Köster. Ich weiß, Sie sind bei Jacobs & Co., eine feine Firma, eine respectable Firma. Sie wissen Bescheid in Geldsachen und Sie werden nicht zulassen, daß einem armen Geschäftsmann Schaden zugefügt wird. Sie wissen, daß Wechsel am Verfalltage eingelöst werden müssen und daß der Girant haftbar ist ebensogut wie der Acceptant."
Er hält dem Alten die beiden Papiere hin, die er vorher langsam geglättet hat. Köster nimmt die ominösen länglichen Blätter mechanisch in Empfang und starrt sie mit wirren Blicken an. Aber er ist nicht fähig, zu lesen- die Buchstaben flimmern ihm vor den Augen- er sitzt wie betäubt, wie versteinert.
„Was wolle» Sie von mir?" fragt er endlich mit heiserer Stimme.
„Was ich will?" Der Sprechende zuckt mit den Achseln und in seinen Luchsaugen züngelt es. „Ich möchte Sie höflich ersuchen, hier die beiden Accepte Ihres Sohnes gefälligst einzulösen."
Der Alte sitzt noch immer regungslos und blickt starr auf die Blätter in seiner Hand. Sein Gesicht hat sich völlig entfärbt- er ist blaß bis in die Lippen. Frau Köster hat zwar einen sehr unklaren Begriff von der Bedeutung eines Wechsels, aber sie weiß, daß ein Wechsel unter allen Umständen ein gefährliches, bedeutungsschweres Document ist, das zuweilen schon eine ganze Familie zu Grunde gerichtet hat. Sie zittert am ganzen Körper und hält sich mit der einen Hand am Kleide des neben ihr stehenden jungen Mädchens fest, das unwillkürlich seine Arme schützend um die Taille der kleinen, schwächlichen Frau schlingt. Carl Köster beugt sich vor und sieht seinem Vater über die Schulter.
„Das ist ja gar kein Accept meines Bruders," ruft er


