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„Ja, ein Berliner Junge!" sagte der Dienstmann mit Vaterstolz.
„Laß mir man erst Soldat sein," krähte der Junge und salutirte mit der Hand. „Hulane!" und dann sang er: „Wer will unter die Soldaten," mit dünner Stimme und sah sich nach Beifall um, und der Vater trat den Tack mit dröhnendem Schritte dazu.
„Darf ich Sie nach Ihrem Wagen bringen?" fragte Doctor Bruno Ebba.
Es hatte etwas Rührendes für ihn — seinethalben stand sie hier, gestreift von den Gewändern der Frauen, getroffen von dem Athem des Mannes — eine Folter all das für sie. In seinen Augen suchte sie Rechtfertigung, weil er sie der Hartherzigkeit beschuldigt hatte.
„Ich bitte."
Sie ließ etwas in die Hand der Henzen gleiten, nickte Allen zu, und folgte ihm rasch.
Die Henzen öffnete und schloß die Finger wieder über den drei Goldstücken, welche darin geblieben waren, ihr Mann und die Kubaitz reckten die Hälse, und selbst der kleine Wilhelm sprang auf und fragt: „Orndlich, Mutterken?" mit der altklugen Verständigkeit der Kinder, vor denen Alles verhandelt wird.
„Du bist ein Glückspilz," sagte die Frau und ließ nun die Münzen auf den Tisch fallen.
„Hurrah! so'n Regen, den möchte ich alle Tage," meinte ihr Eheherr und bekräftigte diesen Ausspruch mit einem sicher hinabgegossenen „Süßen".
„Aber so oft kann ich mir doch wirklich nicht überfahren lassen," rief Wilhem und verdrehte die Augen.
„Nee, das können wir nicht verlangen!" Und die Eltern lachten, und „nippen schadt't nich," ermunterte der Vater, und schob ihm das auf's Neue gefüllte Glas hin. „Js Familienfest."
„Die mußt Du festhalten, die Kundschaft, Henzen," meinte die Kubaitz und stieß ihre Schwester in die Sette. „Die halte fest."
Sie sprach leiser. „Dieser Doctor ist ein hübscher Mensch, dagegen kann Einer nichts sagen. Und er mag das weibliche Geschlecht leiden, davon habe ich Beweise."
„Du — Kubaitzen — aber?" sagte die Andere gedehnt und ungläubig.
„Ach, dumme Gans! Da wohnte doch die Schwarze bei mir mit dem ausländischen Namen und dem Bettelstolze — auf die hatte er es abgesehen, aber sie war ja zu dumm! Und vorhin wollte er nicht viel davon hören. Daß ihm aber die schöne Frau Consuln Lund gefiel, das konnte ein Blinder sehen. Und warum kam sie wohl hierher, wo sie doch Andere schicken kann? Um Deine Glasservante und die Tassen mit den Vergißmeinnichts und dem was drauf steht wie „Znm Andenken" und „Aus Freundschaft" anzusehen, doch gewiß nicht."
„Auf die Tassen weißt Du immer was, es ist man blos, weil Du keine solche hast!" sagte die beleidigte Schwester. „Und wenn noch Kaffee in der Kanne gewesen wäre, so hätte ich die blaue rausgenommen, extra, daß sie doch wußte, daß ich mich mit so was sehen lassen kann!"
„Na, also!"
Es trat eine Pause ein, die Kubaitz nahm ihren Hut in die Hand,- die Henzen folgte ihr nach ein paar Sekunden.
„Na, so brauchst Du auch nicht gleich zu sein. Um den Jungen is sie aber doch gekommen."
Blitzschnell, trotz aller Rundlichkeit, drehte sich die Aeltere um und tippte mit dem Zeigefinger auf die Brust der Anderen: „Alibi nennt man das, der Junge soll ihr Alibi sein, bei ihrem Manne."
„Ja — ja! Die Klügere bist Du immer gewesen, schon in Cottbus!" gestand die Henzen zu.
Der Hausherr steckte seine Pfeife wieder in Brand. Wilhelm warf ein kleines Kegelspiel gegen die Wand, nach
einer weißen Stelle, die als Scheibe diente, und er sang dazu das eben aufgefangene Wort: „Alibi! Alibi!"
--„Mein Gott, so hausen Menschen/" sagte Frau Ebba Lund, als sie mit dem Doctor draußen stand.
„Und sind ganz zufrieden," ergänzte der Arzt.
Sie blickte zu Boden — ein Stückchen von dem zerrissenen Regenhimmel, ein Fleckchen Blau spiegelte sich in einer Pfütze wieder.
„So — könnte man zu Zeiten sich ja schämen müffen, daß man über Teppiche geht —"
„Tolstoische Ansichten, gnädige Frau! Eins aber ist gewiß', wer sehen kann, soll sehen, wer zu helfen vermag, soll's thun."
Sie gab ihm die kleine Hand mit festem Druck.
DaS Weib drüben am Kellerfenster sah dem Paare wieder nach, während sie ihre Haare kämmte.
„Nun gehn Sie weg —", sprach jsie in den Raum zurück, „Stiefel hat die an — o je! Und Markstücke werden sie wohl drüben gelassen haben, daß die sich einen guten Tag machen können. Wir haben sieben Mäuler, aber so'n Glück haben wir nich —."
Ein Fluch drang von unten empor, dann das Wimmern einer Kinderstimme.
Um Ebbas Wagen hatte sich die Straßenjugend angesammelt, diesmal neugierig, wer das Gefährt besteigen würde, vor dem die schönen Pferde ungeduldig stampften. Walter eilte herbei, um den Schlag aufzureißen.
„Hurrah, da kommen Braut und Bräutigam," schrie ein großer Junge aus voller Kehle, und „Hurrah, Hurrah!" brüllten laute dünne Stimmen im Chore nach.
Als Ebba saß, bog sie sich noch einmal aus dem Fenster. „Kommen Sie bald!"
Er sah dem dahinrollenden Wagen nach. In der letzten Zeit hatte er sich wirklich sehr wenig ernsthaft um die Frauen gekümmert, er wollte ganz in seinem Beruf aufgehen. Freilich, der ließ immer noch so grausam viel Freiheit. Eine Weile lang war noch ab und zu Line Arabins dunkler Kopf aufgetaucht, und er war sich bewußt gewesen, daß er nahe daran war, sich in sie zu verlieben. Und dieses Mädchen wäre wohl ganz darnach gewesen, Unvernünftigkeiten um sie begehen zu können.
Als vorhin die Kubaitz die Andeutungen gemacht, hatte er sich gesagt: Gut — daß es so gekommen! Nun gaukelte diese kleine Frau wie ein zarter Falter da über seinen Lebensweg, — weshalb sollte er sich nicht freuen an der bunten Flügelpracht, an den graziösen Bewegungen? Mit ihr eine Wegstrecke zurückzulegen, warum nicht? wo sie war, da war Licht, da dufteten Blumen!
Weshalb nicht ein kleines Capitel in dem Buche seines Lebens mit der Ueberschrift „Ebba" versehen?
Er hatte wahrhaftig keinen anderen Ehrgeiz, als ein Kind seiner Zeit zu sein.
* * *
Der Consul Lund fand das Wohlthätigkeitsgespräch, in das sich Ebba und der Doctor Hallsberg, welcher heute der einzige Tischgast in der Rokokovilla war, vertieft hatten, nicht gerade sehr unterhaltsam. Welch' eine neue Grille das war von seiner Frau. Allerdings eine, die er ihr sicherlich nicht zu zerstören beabsichtigte. Aber — daß sie jetzt schon dahin kam! Wie er sie so betrachtete in dem schlichten weißen Kleid, die blonden Flechten anspruchslos um den zierlichen Kopf gewunden — da that sie ihm fast leid. Schon da, auf dem Gebiete der Nächstenliebe, wo sich sonst erst in reifem, abgeklärten Alter die Weltdame und die höhere Beamtenfrau, die Bankiersgattin und die gut verheiratete, im Hafen geborgene ehemalige Künstlerin begegnen — Ebba — dies junge Geschöpf, über das noch nicht einmal | ein Liebessturm hingegangen war, schon in dem Fahrwasser, 5 wo sich nicht Wind und Welle regt —! Seine Frau! Ja, 5 wenn sie das nicht gewesen wäre! Aber, das war's ja eben.


