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der unserige sich hohen Ruf erworben haben, den gewaltigen Vorsprung indessen, den die Lübecker und Bremer mit ihren wie ein kerniges Stück Mittelalter traulich anmuthenden Rathskellern voraus haben, wird er kaum einholen können.
Im Bacchuszimmer wars, wo ich mich einer Flasche Hochheimer gegenübersetzte. Es war ein alter, reingähriger Wein, der da vor mir im Römer blinkte und duftete. Er machte dem Keller alle Ehre, — ich hatte es auch nicht anders erwartet.
Leider schien sich alle Gluth der vorausgegangenen Tage in den von zechlustigen Fremden überfüllten Gelassen festgenistet zu haben, — war es auch gar vergnüglich anzusehen, wie er in den Römern perlte, der kühle Wein, so mußten sich leider die Pokulirenden dieses Behagen zumeist int Schweiße ihres Angesichts erkaufen.
Da ich am nächsten Morgen, wollte ich die Abfahrtszeit des Badezuges nicht verpassen, zeitig auf den Beinen sein mußte, gebot ich um Mitternacht dem still be chaulichen Zechen Einhalt. Noch einmal erlabte ick mich an dem kräftigen Bouquet des aus Rieslingtiaubeu gekelterten Weines, dann stieg ich mit glühenden Wangen die von bleichem Mondschein überflutheten Kellerstufen hinauf, grüßte noch einmal Rathhaus, Rolandssäule und den massig in den Nachthimmel sich reckenden Dom im Hintergründe mit einem langen Blick und eilte, von dem tiefen Brummen der die Mitternacht ansagenden Glocken begleitet, durch die einsam liegenden Straßen meinem Gasthofe entgegen........
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Der ursprünglich für die Schwarzemeer-Fahrt gebaute Lloyddampfer, welcher am nächsten Morgen die ihm von Bremen zugesührten Helgolandsahrer an Bord nahm, konnte es in keiner Beziehung mit den Ballin-Dampfern aufnehmen, ebensowenig wie das die „Najade"-Bremen vermochte, mit der ich Tags zuvor von Norderney gekommen war.
Sie ließen, was Schnelligkeit, Eleganz der Einrichtung >md straffe Handhabung des Schiffsdienstes anbelangt, Vieles zu wünschen übrig. Noch während die Passagiere an Bord stiegen, würden Körbe mit leeren Flaschen an Land getragen/ lange schon hatte sich das Schiff in Bewegung gesetzt und noch immer salbte und rieb ein Schiffsjunge mit schmutzigen Putztüchern an dem Compaßhäuschen auf Deck herum.
Hätte der Schmierfink den ironischen Blick gesehen, den ein Capitän-Lieutenant zur See, der seinen Burschen in Bremerhaven verabschiedet hatte, für seine Arbeitsleistung übrig hatte!
Der junge Offizier, im Uebrigen eine interesfante Er scheinung, war die personificirte Unruhe. Mit schnellen, kurz abgemessenen Schritten durchmaß er unermüdlich das Deck j in der Länge und Breite. Bald stand er oben auf dem Rad- • kästen, bald unten in der Cajüte, bald vorn am Schiffsbuge, bald hinten am Kielende. Seiner eleganten Figur lag der Waffenrock wie angegossen. Er trug einen röthlich blonden, kurz gehaltenen Spitzbart. In seinen blauen Augen lag v el Entschlossenheit, in seinem ganzen Wesen kühle Zurückhaltung, die aber nicht unfreundlich berührte.
Das Schiff machte wenig Fahrt, schlingerte zudem heftig, trotz der ruhigen See. Die heimtückisch schleichende Seekrankheit hatte sich unter solchen Umständen, schon bevor Helgoland' als ein grauer Nebelfleck am Horizont auftauchte, unter den jungen Damen an Deck einige Opfer auserlesen. Sie wurden von. besorgten Müttern behutsam in die Cajüten h nunter geführt.
In dem überaus bescheiden ansgestatteten Speisesalon, den ich um die Mittagszeit aufsuchte, stieß ich unvermuthet auf eine Reisebekanntschaft aus dem Parkhause in Bremen.
Der dicke Rentner ans Gau-Algesheim hatte sich zeitig hier unten festgesetzt und, wie sein gerölhetes Antlitz und seine schwere Zunge bewiesen, bereits so scharf gezecht, daß
er nun, der Roth gehorchend, nicht dem eignen Trieb auf Selters losgehen mußte.
Nicht leichten Kaufes kam ich von ihm frei. Stürmisch drang er auf eine Fortsetzung unserer Bekanntschaft, und wohl oder übel mußte ich ihm, der jetzt den „Scct in Civil^ weit von sich schob, in Rüdesheimer Bescheid thun.
Als ich mich nach anderthalb Stunden wieder oben auf dem Deck über die Reeling lehnte und Ausguck hielt, lag Helgoland vor uns. Auf der Commandantur im Oberland wehte die Kaiserstandarte. Im Nordhafen hoben sich die herrlichen Linien der schweeweiß gestrichenen „Hohenzollern" aus der Meerfluth, in einiger Entfernung von der Jacht lagen drei schwere Panzer der Sachsenklasse unter Dampf.
Ich blickte auf den Marineoffizier, der unweit der Commandobrücke stand. Er sah nach dem Falm hinauf, dorthin, wo der Gewitterwind die Stange der Standarte bog, während seine gebräunten Hände beschäftigt waren, den Waffenrock unter der Koppel straff zu ziehen.
Das rothe Felseiland war an jenem Tage stark besucht, halb Norderney hatte sich aufgemacht, um den Kaiser zu sehen. Ich eilte nach der nngemeiu langsam von Statten gehenden Landung m mein Logis, um, so rasch es gehen mochte, in meinen Sonntagsstaat zu schlüpfen.
Ein knatternd losbrechendes Gewitter raste mittlerweile über Helgoland hinweg, wolkenbruchartig stürzenden Regen fegte der Sturm vor meinen Fenstern vorüber. Düne, Kaiserjacht und Kriegsschiffe waren während längerer Zeih unsichtbar.
(Schluß folgt.)
HrrnisvistZsches.
Kindlich. Der kleine Fritz (zum Onkel): „Ach, Onkel, wir haben morgen Kindermaskenball .... sei so gut und leih' mir Deine rothe Nase!
Hymne der Arbeit.
Arbeit! Arbeit! Segensquelle/ Heil und Ehre deiner Kraft, Die aus Finsterniß die Helle, Edles aus Gemeinem schafft! Aus dem Wirken quillt das Rechte, Aus dem Schaffen keimt das Echte, Wehe, wenn die That erschlafft!
In der müß'gen Stunde Gähnen Stirbt das letzte Fünkchen Muth, Träge in den kranken Venen Schleicht das böse schwarze Blut/ Tiefer Gram umwölkt die Stirne Wahnsinn brütet im Gehirne, Bis das Herz im Tode ruht.
Mensch, was Dich auch immer quäle, Arbeit ist das Zauberwort, Arbeit ist des Glückes Seele, Arbeit ist des Friedens Hort!
Deine Pulse schlagen chneller, Deine Blicke werden heller, Und Dein Herz pocht munter fort.
Völker! Laßt das Murren, Klagen Ueber Götzendienerei;
Wollt Ihr einen Götzen schlagen, Schlagt den Müßiggang entzwei! Nur die Arbeit kann erretten, Nur die Arbeit sprengt die Ketten, Arbeit macht die Völker frei!
RAaction: $. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


