Ausgabe 
7.7.1898
 
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1898.

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b ich auch Leid zu tragen habe, An deiner Liebe zweifl' ich nicht: Selbst Schatten sind der Sonne Gabe, Noch mild umspielt von ihrem Licht.

I. Lohmeper.

Felsgarten.

Roman von Clara Bucker.

(Fortsetzung)

Franz lachte amüsirt.

Denk' mal, als wir kamen, mußten wir durch lauter ungeheizte Besuchszimmer. Die Möbel steckten in Bezügen. Bestürzt genug dirigirten sie uns in einen Wohnraum mit Korbstühlen und Oeldrucken an den Wänden famos."

Professor Bauer wohnt auch so," entgegnete der Zu­hörer, aber der sieht rührend dazwischen aus, als ob das noch zu elegant für ihn wäre."

Ja, das bescheidene Männchen würde in einer Erdhöhle noch Respcct einflößen, aber solche eingebildete Sorte, die immer thut, als könnten sie bloß von Silber essen, muß mal hineinfallen. Herr Weber, würdig wie ein Dorfschulze, sagte wohl zehnmal: Meine liebe Frau kommt gleich! Ja, als sie kam, trug sie einen mäusegrauen Morgenrock und erst die Hälfte ihrer Haarfrisur,- ich vermuthe, die andere Portion wurde im Toilettenkasten vor den Küchendämpfen geschont, denn Mama kocht selbst, natürlich aus Liebhaberei, versicherte das Fräulein Tochter."

Das Balg!" sagte Heinrich.

O Du, sie war famos angezogen und trug Husaren­schnüre am Kleide, in die sie beim Sprechen die hübschen Hände verstrickte, und jeden Satz fing sie wie ein Lieutenant an: Gnä' Frau, gnä' Frau! Dazu lehnte und balancirte sie in ihrem Korbstuhl mit großem Geschick, er knarrte nicht ein einziges Mal."

Was sagte Mama denn dazu?"

O, Du kennst Mama, wenn sie ihre großen Augen macht. Sie sieht dann aus wie ein junges Mädchen, das Mädchen neben ihr schien die Weltdame zu sein. Nachher waren wir beim Oberbürgermeister. Da dichteten die Töchter Cotillonverse für ihre nächste Gesellschaft, Frau

; Oberbürgermeister zankte sich mit den Dienstboten von ihrer Chaiselongue aus, und er that wichtig, als hätte er das Weltall auf den Schultern."

Und die Jungen?"

Na, die waren allein in ihrer Stube. Wer kümmert sich bei Denen um die Jungen, das ist doch schon immer so gewesen."

So höre man endlich mit Deiner Gesellschaft auf. Da sind mir meine Meerschweine und Karnickel lieber. Gestern habe ich ein feines Lapin bekommen, der Stine ihre Mutter ist Waschfrau, die hat mirs gebracht. Ich habe ihr dmür einen von meinen Finken geschenkt."

Nächstens wirst Du Deine Landwirthschaft im Keller ja vollständig haben," neckte Franz.

Heinrich streckte den Arm, der nackt aus dem zu kurz gewordenen Aermel seines Nachthemdes hervorsah, gegen den Bruder.

Ich wollte, wir wären in Felsgarten! Statt Eurer Besuche könnten wir wohl einen Nachmittag hinausfahren."

Jetzt im Winter? Du willst wohl Schneemänner bauen?"

Besser, als Mätzchen vor solchem Volk machen," erklärte Heine.

Heute Morgen könnte die frische Luft da draußen allerdings verführen," sagte Franz.Wenigstens den Kopf will ich jetzt in kalt Wasfer tauchen mir scheint, das wäre Dir ebenfalls zu empfehlen."

Heinrich knurrte bloß undeutlich.

Horch," fuhr Franz fort,was Ernestine draußen poltert! Doch sicher in Deiner Plantage!"

Mit einem Satz war der Jüngere aus dem Bett.

Denn in Cigarrenkisten und Blumentöpfen zog er allerlei Gewächse auf, im Sommer draußen auf dem Blumen­brett, im Winter drinnen am Küchenfenster, und wehe dem, der daran rührte.

Frühling war es. So ein herber, trotziger Frühling, da das Werden gleichsam in der Luft liegt, obwohl die braunen Erdschollen nur erst durch ihren kräftigen Dunst das Treiben und Sprießen verrathen, die grünen Winter­saaten den künftigen Mai erst ahnen lassen und Baum wie Strauch noch struppig, aber urvergnügt im Märzhauch schaukeln kurz, solch ein nördlicher Frühling, den Flegeljahren unserer vielversprechenden, kraftstrotzenden Jungen zum Ver­wechseln ähnlich.

Heinrich durfte nach Felsgarten hinaus, während Mama mit Franz zum Onkel nach Hohenried fuhren.