Ausgabe 
6.2.1898
 
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letzter Stelle gestanden. Wie der Bruder sich seinetwegen schämen, wie er ihn verachten, verdammen würde! Schon der Umstand, daß Otto ihm keinen Besuch abgestattet hatte, sprach dafür. Und nun dieses überraschende warme Ein­treten für ihn, nun im Angesicht des Gerichtshofes der Händedruck, der ihn wenigstens von Seiten seiner Angehörigen gleichsam freisprach. Zitternd fuhr er von seinem Sitz empor und in den Blicken seiner überströmenden Augen sprach beredt sein heißes Dankgefühl.

Frau Köster weinte laut in ihr Taschentuch, wagte aber nicht ihren Platz zu verlassen und zu ihrem Jüngsten heranzutreten, dessen plötzliches, unerwartetes Hereinstürmen sie zuerst so heftig erschreckt und dessen Worte ihr nun so sehr ans Herz gegriffen hatten.

Otto sank blaß und matt auf den Stuhl, der auf einen Wink des Vorsitzenden rasch von einem Gerichtsdiener hereingetragen worden war.

Ein Raunen und Rauschen ging durch die Versammelten. Der Vorsitzende äußerte sich warnend und ertheilte dem Staatsanwalt das Wort.

Der Vertreter der Anklagebehörde knüpfte an die Aussage des letzten Zeugen an und suchte deren Bedeutung soviel wie möglich zu entkräften. Die Ausführungen des Zeugen sprächen ja für das gute Herz des Bruders, jedoch nicht für die Schuldlosigkeit des Angeklagten. Die Beweis­kraft des von der Untersuchung gegen den Angeklagten gesammelten Belastungsmaterials erlitte durch die letzte Zeugenaussage auch nicht die mindeste Einbuße. Darauf ging der Staatsanwalt des Näheren auf die einzelnen Be­lastungsmomente ein und schloß endlich mit der Erklärung, daß er den Angeklagten in vollem Umfange des ihm zur Last gelegten Verbrechens für überwiesen erachte und daß er daher gegen denselben eine Gefängnißstrase von zwei Jahren beantrage.

Man sah, wie der Angeklagte bei dem Anträge des Staatsanwalts erbleichend zurückfuhr, wie Frau Helene, die bis dahin eine bewundernswerthe Seelenstärke und Fassung an den Tag gelegt, ihr Taschentuch an die Augen drückte, und man hörte das laute Schluchzen der Mutter.

Nun kam die Reihe an den Vertheidiger, der warm für die Unschuld des Angeklagten eintrat und das 'ganze gegen seinen Clienten vorgebrachte Belastungsmaterial ein willkürlich und künstlich construirtes Kartenhaus nannte, das sofort in sich zusammenfalle, wenn man es näher be­trachte und berühre.

Nach der Rede des Vcrtheidigers, der unbedingte Frei­sprechung des Angeklagten beantragte, zog sich der Gerichts­hof zur Berathung zurück. Martervolle Minuten waren es für die Betheiligten, die nun verstrichen, jede Minute eine Ewigkeit. Otto lehnte blaß und halb ohnmächtig in seinem Stuhl- seine Mutter war zu ihm herangetreten und sprach mit liebevollem Vorwurf in ihn hinem. Wie er nur so unvorsichtig hätte sein können! Wenn sich nur nicht ein Rückfall einstelle! Wie schön er gesprochen habe, viel schöner als der Anwalt selbst. Und wenn Carl nun freigesprochen würde, so habe er es ihm zu danken.

Otto erwiderte nichts, ja, er hörte nicht einmal auf die Reden seiner Mutter. Alle Nerven in ihm waren ge­spannt, alle Fibern seiner Seele zitterten in unerträglicher Spannung. Keiner im Gerichtszimmer, der Angeklagte nicht ausgenommen, sah dem Urtheilsspruch in so heftiger innerer Bewegung entgegen wie er. Es war ja sein Schicksal, über das in dem Nebenzimmer berathen wurde. Erklärte man den Bruder für schuldig, dann gab es für ihn keine Galgenfrist mehr. Dann mußte er vortreten und sagen: Ihr irrt, nicht er, sondern ich bin schuldig!" Und dann mußte er erklären, wie er den Diebstahl ausgeführt und wie Mes gekommen war. Er tastete verstohlen in die Tasche seines Rockes und fuhr erschrocken zusammen. Daß er nicht daran gedacht hat, seinen Revolver zu sich zu stecken! \ Nun blieb ihm nur sein Taschentuch oder das Bett-Tuch in !

seiner Gefängnißzelle als letzte» Zufluchtsmittel, um einem Leben der Schande zu entgehen.

Endlich . . . eine Viertelstunde mochte vergangen sein . . . kehrten die fünf Richter zurück. Unter lautloser, athemloser Spannung aller Anwesenden verkündete der Vor­sitzende das Urtheil:

Freigesprochen wegen mangelnder Beweise!"

Wohl seien," so erläuterte der Vorsitzende den Urtheils­spruch,wohl seien verschiedene erhebliche Momente vor­handen, die den Angeklagten schwer belasteten, aber auf der anderen Seite sei das Beweismaterial doch nicht überzeugend genug, um darauf hin einen bisher gänzlich unbescholtenen Mann, dem alle Zeugen den besten Leumund ausgestellt hätten, eines so schimpflichen Vergehens für schuldig zu erklären."

Helene hing schluchzend am Halse ihres Mannes, dem selbst die Thränen über die von der Gefängnißhaft ge­bleichten Wangen liefen. Neben ihm stand Frau Köster, die lauter schluchzte als zuvor und selbst dem rauhen, bärbeißigen Köster gingen die Augen über, so sehr er sich auch Mühe gab, seine Ergriffenheit vor den vielen neu­gierigen Augen zu verbergen.

Otto, der im ersten Augenblick wie betäubt, wie über­wältigt von dem Glücke seines Bruders dagestanden, brach Plötzlich besinnungslos zusammen.

XVII.

In dem ersten Freudenrausch, dem sich die Familie Köster über Carls Freisprechung hingab, übersah man voll­ständig das Unvollständige des Freispruches. Daß Carl nur bedingt, wegen mangelnder Beweise freigesprochen worden war, das kam ihnen Allen zunächst gar nicht zum Bewußtsein. Er war ja wieder ein freier Mann, die Ge- sängnißthüren hatten sich vor ihm geöffnet, er konnte wieder frei umhergehen, war den Seinigen und seinem Berufe zurückgegeben und die furchtbare Anklage mit ihrem unge­wissen Ausgang schwebte nicht mehr über seinem Haupte.

Otto lebte förmlich wieder auf. Der Druck, der ent­setzliche, fürchterliche Druck, der während der letzten Wochen auf ihm gelegen, war endlich von ihm genommen und er konnte wieder aufathmen, das Leben war ihm von Neuem geschenkt. Die Folgen, welche die Aufregung während der Gerichtsverhandlung für feinen Gesundheitszustand herdei- gesührt, waren rasch überwunden. Sein jugendlich elastischer Körper erlangte die frühere Frische wieder, und seine Wangen fingen an sich zu runden und sich mit einer gesunden Farbe zu überziehen. Seine Augen blickten wieder munter, zu- kunftssroh in das Leben und verloren ihren scheuen, ängst­lichen Ausdruck. Dennoch war das, was er in der letzten Zeit innerlich durchlebt und durchlitten, nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Der frühere fröhliche, genußfrohe Leichtsinn, der sich im Umgänge mit den Herren von Mark­wald und Wattenfeld so oft bethätigt, hatte einem sinnenden, reifen Ernst Platz gemacht.

Eines Tages überraschte er die Seinigen mit der Mittheilung, daß er sich entschlossen habe, dem Staasdienst zu entsagen.

Aber Ottochen," stammelte Frau Köster ganz erschreckt," ich habe doch immer gehofft, Dich einmal als Execllenz oder Geheimer Rath zu sehen und nun . . . nun . . .!"

Auch der alte Köster zeigte sich Anfangs unwillig.

Ich begreife Dich nicht, Otto," sagte er. Wozu haben wir Dir denn nun all die Opfer gebracht die ganzen Jahre lang? Richter oder meinetwegen auch Staatsawalt könntest Du doch wenigstens werden! Und nun so dicht vor dem Ziel wirst Du die Flinte ins Korn! Was willst Du denn nun werden?"

Ich werde mich bei irgend einer größeren Aetien- gesellschast, bei einer Lebensversicherung oder einem ähnlichen Unternehmen um eine Anstellung als juristischer Beirath bewerben."

Köster kratzte sich hinter dem Ohr und zeigte eine un-