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gerissen, die Steine zu einer viereckigen Schicht von Menschenhöhe aufgethürmt — dahinter ließ sich warten. Ein Läuten da drüben — „gebt Acht, geht aus dem Wege!" bedeutete fs für die anderen Menschen, für sie lag ein trostreicher Klang darin: „Ich komme, ich befreie Dich!"
Wie das Stöhnen und Rutschen zu ihr klang, wie ernst es das eiserne Geschöpf nahm — bah, es würde keine so große Arbeit sein, ein Fall, ein Krachen brechender Knochen — wie lange es währte — Ah, nur kein feierlich letzter Gedanke an die That selber —
„Weil ich ausgestoßen bin, mache ich die Thür hinter mir zu! —"
Nun — nun!
Sie stürzte hinter den Steinen hervor, dicht war das leuchtende Auge neben ihr, feuchter Dampf, ein Fall, ein Schmerz, Nacht!-- (Fortsetzung folgt.)
Die schleswigschen Halligen und das Leben anf denselben.
Von P. Andresen in Rabenholz, Schleswig.
Im schleswigschen Wattenmeer erheben sich neben den größeren Inseln Föhr, Sylt und Amrum eine ganze Anzahl von Jnselbrocken. Kein Deich, keine Düne schützt diese gegen die Fluthen der brausenden Nordsee. Das sind die Halligen. Auf künstlich aufgeworfenen Erdhügeln liegen die Häuser der Halligbewohner. Zur Fluthzeit umspült das Meer diese Erdhügel, die man Werften oder Warften nennt. Man könnte die Wohnungen dann mit Seefahrzeugen vergleichen. Zur Zeit der Ebbe erblicken wir wieder ein ganz anderes Bild. Dann sieht es fast aus, als seien jene Häuser, die vor wenigen Stunden auf hoher See zu schweben schienen, zu vergleichen mit gestrandeten Fahrzeugen, die auf einer Untiefe im Meere festliegen.
An stürmischen Herbst- und Wintertagen steigt die Fluth wohl sechs bis acht Meter über die gewöhnliche Höhe. Dann klopfen die Wogen mitunter Einlaß begehrend an die Wohnungen der Menschen. Da ist es schon oftmals vorgekommen, daß die Mauern einstürzten, und daß die Bewohner auf dem Boden ihre Zuflucht suchen mußten. Wan hat sich aber vorgesehen, daß in solchen Fällen das Gebälk nicht mit herunterstürzt. Dasselbe ruht eben nicht auf den Mauern, sondern auf Pfählen, um die das Mauerwerk herumgezogen ist. Das alte Hallighaus ist mit Stroh gedeckt. Ueber der Hausthür des einstöckigen Gebäudes erhebt sich ein steinerner Giebel. An der einen Seite der Hausthür liegen die Wohnstuben, an der anderen Seite die Wirthschastslocalitäten. Dort sind dementsprechend größere Fenster als hier. Alles Holzwerk draußen an dem Hause ist mit dunkelgrüner Farbe gestrichen. Von der Hausthür an führt ein Gang quer durch das Haus. Neben dem Wohnzimmer befindet sich ein größeres Zimmer, Peesel genannt. Betreten wir das Wohnzimmer eines Hallighauses. Der Halligbewohner nennt dasselbe Dönsen. In der der Stubenthür gegenüberliegenden Wand sehen wir hölzerne Thüren, hinter denen sich in Wandnischen die Bettstellen be- sinden. Zwischen diesen beiden Bettstellen hängt in einer Zwischennische die Wanduhr, welche in den meisten Fällen von den Seefahrern aus Holland mitgebracht ist. In einer anderen Nische prunkt hinter Glasthüren das Porzellan- und Silbergeschirr. Mitunter befindet sich diese schrankartige Nische auch über dem alten niedrigen Beilegeofen, der zwischen der Küche und Wohnstube in die Wand hineingemauert ist. Das Holzwerk ist vielfach mit allerlei Bildern und Sprüchen bemalt, zum Beispiel
„Wer ein- und ausgeht zu dieser Thür, Derselb' gedenke für und für, Daß unser Heiland Jesus Christ Die rechte Thür zum Himmel ist."
In vielen Stuben herrscht die blaue Wandfarbe vor. Geschmückt sind die Wände außerdem mit Bildern, Schiffe u. dgl. vorstellend. Vielfach sind diese bereits sehr alt.
Dort unter dem Fenster steht eine Lade, deren Deckel zugleich als Sitzbank dient. Im unteren Theil des davor stehenden großen eichenen Tisches ist ein Schrank. Auch die um den Tisch herumstehenden Stühle sind aus Eichenholz und mit Schnitzwerk versehen. Blau und grün gestrichene Koffer und Kisten, an deren Vorderseite Namen und Jahreszahlen stehen, haben rings an den Wänden ihren Platz. Sie enthalten Bett- und Leinenzeug. Recht viel von diesem zu haben, ist der Stolz der Halligfrau. „Eine Tochter, die nicht viel Leinen mit in die Aussteuer bekommt, weiß nicht, daß sie eine Mutter hat", sagt ein Sprichwort. Zwischen diesen altväterlichen Möbeln erblickt man auch viele Sachen aus aller Herren Ländern. Sie sind von den Seefahrern hierher gebracht. Jedes Stück hat seine eigene Geschichte, an dasselbe knüpft sich manche Tradition. Im Peesel sieht es ganz ähnlich aus. Groß brauchen die Wirthschaftsgebäude nicht zu sein/ denn Ackerbau wird auf den Halligen, wie wir noch sehen werden, nicht getrieben. In diesem Heim lebt die Familie des biederen friesischen Halligbewohners. Alles macht hier den Eindruck des Soliden, Biederen, Sauberen. Aehnlich wie sonst etwa nur in Holland herrscht auf den schleswigschen Halligen die peinlichste Sauberkeit. Ehr. Johannsen schreibt in seinem Halligbuch: „Was man sonst vielleicht nirgends in der Welt findet, das findet man in Holland und auf den schleswigschen Halligen: gescheuerte Ställe, sogar gescheuerte Schweine- und Hühnerställe. Die Reinlichkeit der Halligfrauen scheint ansteckend zu sein. Fremde wollen bemerkt haben, daß Schafe, Rinder, Schweine und Federvieh sich auf den Halligen reiner halten als auf dem Festlande."
Klein wie die Häuser ihrer Bewohner sind auch die Halligen selbst. Die nimmer rastende See bröckelt an manchen Stellen ein Stück nach dem anderen fort. I« neuerer Zeit hat aber die Regierung ihr Augenmerk auf die Erhaltung derselben gerichtet und bereits Schritte dafür gethan. Die Größe der Halligen wechselt zwischen 16 und 2000 Morgen. Es giebt 14 Halligen an der schleswigschen Westküste. Da uns die Zahlen der letzten Zählung nicht zur Hand sind, geben wir diejenigen, die im Jahre 1889 festgestellt wurden.
Name
Werften
Häuser
Einwohner zahl
Haushaltungen
In wie vielen Haushaltungen wird gesprochen
Schulkinder
friesisch
plattdeutsch
hochdeutsch
Hooge. . .
9
47
174
45
29
15
1
17
Langeneß
12
33
162
33
27
5
I
38
Nordmarsch .
6
15
73
17
11
6
—
11
Oland . .
Gröde . .
1
3
9
7
31
32
11
10
—
1
6
Appelland .
Habel. . .
Hamburger
1
2
Habel mit' gerechnet
| 7
6
1
—
8
Hallig . . Nordstrandisch
1
1
2
1
—
1
—
—
Moor . .
4
7
27
7
4
3
—
5
Süderoog
Norderoog .
1
1
9 U
1 n b
e w o
1 n t
—
— .
Südfall . .
Beenshallig .
1
1
2 U
1II - n b e w o I
1
1 n t
- II -
Zusammen
39
|123
512
123
I 87
33
3
85
Mehrere Halligen: Norderoog, Süderoog, Wangeroog, führen den Zusatz „oog", das bedeutet „Auge", denn die alten Friesen nannten die Halligen Augen des Meeres. Die Bedeutungen der anderen Hallignamen sind: Pland: das alte Land, Langeneß: lange Nase (Kay), Nordmarsch: nördliche Marsch, Gröde: die grünende, Appelland (oder Habel): das obere Land, Hooge: die hohe Hallig, Beenshallig: hie Hallig.


