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Schnell fort!" unterbrach ihn Adolf,Du haft doch den Wagen unten, mein Bater hat ihn mitgeschickt?"

Nee," grinste der Knecht,der Herr Amtmann schickt mich nicht, der ist ja gar nicht da. Den haben sie doch ab- grholt und vor Schreck darüber hat die Frau Amtmännin eben die Krämpfe gekriegt."

Adolf fuhr sich mit beiden Händen nach dem Kopf. Mensch, was redest Du da eigentlich? Wer hat meinen Vater abgeholt?"

Na, das Gericht, Sie wollen ihn einsperren, weil sie sagen, er hätte Fräulein Annechen mit Fleiß in den Padden- teich gestoßen. Er wollte mit Gewalt nicht mit, sie haben ihm die Hände gebunden"

Er kam nicht weiter. Adolf stieß einen furchtbaren Schrei aus und sank auf einen Stuhl.

Frau Böckel, die an der Thür stehen geblieben war, eilte hinzu, in der Meinung, ihr Miether, für den sie auf­richtige Theilnahme empfand, sei ohnmächtig geworden, er starrte sie aber mit großen, glanzlosen Augen an und murmelte einzelne Worte, aus denen sie zu verstehen glaubte:

Meine Ahnung! Meine Ahnung!"

Junger Herr," redete Jochen, der auch näher getreten war, auf ihn ein,wenn Sie sich ein bischen sputen, können Sie mit dem Herrn Doetor Frederich fahren, er wollte gleich anspannen lassen und hier vorkommen und Sie mit­nehmen."

Adolf Göbener rührte sich nicht und blickte starr auf einen Fleck. Frau Böckel legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

Besinnen Sie sich doch nur, Herr Bauführer. Wenn Sie Ihre Mutter noch lebend antreffen wollen, haben Sie keine Zeit zu verlieren."

Sie stirbt und das ist ein Glück für sie," murmelte Adolf,ihr kann ich nichts mehr helfen. Aber er mein"

Er vermochte das WortVater" nicht über die Lippen zu bringen; Jochen harte ihn doch verstanden.

Dem können Sie erst recht nicht helfen, da kommen Sie nicht an," sagte er, ohne sich weiter zu äußern, von wannen ihm diese Weisheit kam.Wenn Sie nicht mit Doetor Frederich fahren, wer weiß, wie lange es dauert, bis Sie einen Wagen auftreiben. Da ist er schon!"

Man vernahm auf der stillen Straße das Anfahren eines Wagens.

Gehen Sie hinunter und sagen Sie, Herr Göbener werde sogleich kommen," gebot Frau Böckel, die glaubte, Ihrem Miether die Entscheidung über den Kopf hinweg­nehmen zu müssen," ziehen Sie schnell einen anderen Rock an, Herr Bauführer, ich helfe Ihnen."

Jochen verließ das Zimmer, Frau Böckel lief geschäftigt zwischen dem Wohn- und Schlafzimmer hin und her und Adolf ließ es sich automatenhaft gefallen, daß sie ihm be­hilflich war.

Plötzlich schien ihm jedoch ein Gedanke durch den Sinn zu fahren, der ihn belebte. Während die Frau sich wieder abgewendet hatte, um ihm den Hut zu holen, trat er an das auf dem Tisch in der Ecke stehende Kästchen, öffnete es und ließ einen metallisch blitzenden Gegenstand in die Tasche seines Ueberziehers gleiten.

Wenige Minuten später saß er neben dem Doetor im Wagen und fuhr mit ihm die Straße hinunter, über den Marktplatz und dem Thore zu, von wo sie sogleich auf die bis dicht in die Nähe von Rapshagen führende Chaussee gelangten.

Sie waren die Ersten, welche von den Benachrichtigten auf dem Hofe anlangten. Sowohl Fuchsberg, wohin eben­falls ein Bote gesandt war, als Borkitten, Büttners Gut, nach welchem von Greifswald telegraphirt werden konnte, lagen entfernter und es mußten noch Stunden vergehen, bevor die dort Wohnenden eintreffen konnten.

Der Zustand der Kranken war unverändert und der Arzt verhehlte den Geschwistern nicht, daß sein Kunst hier

zu Ende sei. Es war nur zu wünschen, daß sie in der sie jetzt umfangen haltenden Bewußlosigkeit hinüberschlief und nicht nochmals erwachte, nur in Krämpfen und Zuckungen den letzten Rest der noch in ihr flackernden Lebensflamme zu erschöpfen.

Doetor Frederich hatte während der Fahrt zartfühlend vermieden, von der Verhaftung des alten Göbener zu sprechen, obwohl die sich gleich einem Lauffeuer durch die Stadt ver­breitende Kunde auch bereits zu ihm gedrungen war. Aus dem gleichen Grunde hielt er sich in Rapshagen nur so lange auf, als seine Anwesenheit erforderlich schien, traf die An­ordnungen, die sich überhaupt noch treffen ließen, und ent­fernte sich mit dem Versprechen, am nächsten Morgen wieder zu kommen.

Adolf Göbener und seine Schwester fühlten sich trotz der Centnerlast, die auf ihren Herzen lag, doch wie befreit, als sie sich allein sahen, und dem Arzt gegenüber nicht einen Kummer zur Schau tragen mußten, den sie in dieser Form nicht empfanden.

Beide liebten die mit dem Tode ringende Frau mit der zärtlichsten Liebe, mit jener Innigkeit, welche gerade die Kinder für die Mutter empfinden, die mit ihr unter der Härte des Vaters zu leiden haben, aber eben weil sie sie so liebten, wäre es ihnen wie ein Unrecht erschienen, wild und leidenschaftlich um ihren Tod zu jammern.

Mußten sie nicht Gott preisen, der sie erlöste in dem Augenbiicke, wo von den vielen Bitternissen, die sie im Leben erfahren, ihr noch die bitterste geboten ward?

In dem Zimmer neben dem Krankenzimmer sitzend, verbrachten die Geschwister Stunde auf Stunde. Der Abend ging in die Nacht über und diese machte dem früh an­brechenden Morgen Platz, und noch immer vernahm man die unregelmäßigen Athemzüge, das leise Stöhnen der Sterbenden, noch immer sprachen Adolf und Doris von der grausen, entsetzlichen That, deren der Vater angeklagt ward.

Frau Büttner erfuhr zum ersten Male von der Be­dingung, unter welcher der Vater seine Zustimmung zu Adolfs Verlobung mit Anna gegeben hatte, und ihr Herz stand vor Schreck beinahe still. Sie hatte bis jetzt keine Veranlassung für das ihrem Vater zur Last gelegte Ver­brechen finden können, jetzt sah sie diese schaudernd vor sich. Und auch die Mutter hatte sie erkannt.Lebensversicherung" war das letzte Wort gewesen, ehe der Krampf sie ergriffen, der ihren Tod herbeiführen sollte.

Auch an der Art und Weise wie ihr Gatte, der mit dem anbrechenden Tage eintraf, die Nachricht aufnahm, merkte die beklagenswerthe Frau nur zu gut, daß er nicht abgeneigt war, dem Vater die That zuzutrauen. Ihre ältere Schwester, die kurz darauf ankam, trat zwar mit großem Nachdruck für seine Schuldlosigkeit in die Schranke« und erklärte die Anklage für ein Gewebe von Lüge, Rach­sucht und Bosheit, aber auch sie mußte kleinlaut werden bei den Nachrichten, welche ihr Mann mitbrachte.

Herr Lorenz war in Greifswald gewesen, um dort Erkundigungen einzuziehen und der Untersuchungsrichter, an den er sich gewendet, hatte sich mittheilsamer finden lassen, als man unter solchen Umständen eigentlich zu erwarten berechtigt war.

Göbener hatte in seinem ersten Verhör nichts einge­standen, im Gegentheil, sich sehr auf das hohe Pferd gesetzt und jede Antwort verweigert, aber die gegen ihn vorliegende« Beweise, mit denen der Untersuchungsrichter den Fragenden bekannt zu machen keinen Anstand genommen, waren von unwiderleglicher Härte.

Gebrandmarkt, an den Pranger gestellt!"' stöhnte der einfache, aber durch und durch ehrenhafte Landmann, nach­dem er der Familie, die bis auf Frau Büttner, welche am Krankenbett der Mutter zurückgeblieben, im großen Wohn­zimmer beieinander war, seinen Bericht erstattet hatte. Wie ist es nur möglich, daß ein Mann wie der Vater, eine so schreckliche That begehen konnte?"