138
tüchtiger Landwirth gefunden, der die Neigung seines Kindes gewonnen und sein Nachfolger in der Pachtung der Domäine geworden wäre, die er ganz bedeutend in die Höhe gebracht und in welche er recht ansehnliche Summen gesteckt hatte. Sollte sie aber auch eine andere Wahl treffen, so wollte er sich darum doch nicht von ihr trennen. Er wollte in diesem Falle die Pachtung abgeben, sich zur Ruhe setzen und an den Ort ziehen, wo ihr Gatte seinen Wohnsitz hatte.
„Das Alles könnte ich sehr gut thun, wenn Meta Doctor Haltens Frau würde," kam der Amtsrath, nachdem er diese Gedankenreihe verfolgt, wieder auf deren Ausgangspunkt zurück.
Er könnte-sich in Greifswald oder an einer anderen Universität habilitiren, mit Metas Vermögen wäre--
„Dann würde er am Ende gar eine ärztliche Berühmtheit!" unterbrach sich der Amtsrath und schüttelte sich. „Erfände neue Heilmethoden für Schwindsucht, Krebs oder Cholera, und dann strömten ihm alle solche Patienten ins Haus oder er schleppte die Krankheiten aus den Hospitälern mit in seine Wohnung? Nein, ehe ich Meta beständig einer solchen Gefahr aussetze, schicke ich sie nach Kamerun und nicht blos an die Riviera."
Er mußte sich allerdings eingestehen, daß viel damit nicht erreicht wurde. Doctor Holten blieb in Greifswald und Meta würde nach Verlauf etlicher Monate nach Waldhof zurückkehren. Er schob jedoch diesen Gedanken von sich. Zeit gewonnen, viel gewonnen! Jedenfalls sollte sie fort, je eher, je lieber.
Ach, und es kam ihm so hart an, sich von dem geliebten Kinde zu trennen!
Er zürnte Holten, daß er durch dessen Werbung zu einer solchen Maßregel gezwungen ward und konnte sich gleichzeitig nicht verhehlen, daß er von der Gefahr bedroht gewesen war, seine Tochter für immer zu verlieren, für den ganzen Rest seines Lebens von ihr gctrenm zu werden.
Wenzel schlug die Hände vor die Augen. Der Gedanke war zu furchtbar, er konnte, mochte ihn nicht weiter verfolgen!
War es wirklich Haltens Verdienst, daß dieser Kelch an ihm vörübergegangen? Dann hatte er allerdings eine Dankesschuld gegen ihn, die sich gar nicht abtragen ließ. Dann gab es eigentlich nichts, was er ihm versagen durfte.
Mit einer unmuthigen Handbewegung wies der Amtsrath diese Erwägung symbolisch von sich.
„Soll ich mich auch unter der Last beugen, die er sehr geschickt auf Metas Schultern gelegt hat? Er hat es verstanden, sich mit einem Nimbus zu umgeben, sie mit einer Art von Anbetung für sich zu erfüllen, welche das unerfahrene Mädchen für Liebe hält. Sie wird davon zurückkommen, wenn sie nicht mehr unter seinem Einfluß steht und einsehen, daß er nicht mehr für sie gethan hat, als durch jeden anderen tüchtigen Arzt geschehen sein würde.
„Uno wenn es doch mehr gewesen wäre?" grübelte er weiter. „Wenn meine entschiedene Weigerung, ihren Wunsch zu erfüllen, verhängnißvoll für ihre zarte Gesundheit würde? Sind die Einwendungen, welche ich gegen Holten habe, so schwerwiegend, daß ich es deshalb auf das Aeußerste ankommen lassen müßte?
„Ah, bah, dieses Aeußerste besteht eben nur in meiner erregten Phantasie!" beschwichtigte er sich. „Sie hat während der langen Wochen, in denen sie krank gewesen ist, außer dem Doctor und mir kein männliches Wesen gesehen, kein Wunder, daß er da die Herrschaft über sie gewonnen. Herr Adolf Göbener hätte sich übrigens auch einmal wieder sehen lassen können!" fügte er unmuthig hinzu, um gleich darauf lachend auszurufen: „Das hieße ja den Teufel mit Beelzebub vertreiben.
„Wie ich mir die Sache überlege, ist und bleibt es der beste Ausweg, daß ich Meta auf einige Zeit von h er entferne!" sagte er sich, stand auf und ging wieder nach seinem Schreibtisch. Er hatte jetzt die Miene eines Mannes,
der nach längerem Schwanken zu einem festen Entschluß gekommen ist.
„Was Du thun willst, das thue bald. Ich will ungesäumt an Felicitas und Elisabeth schreiben, denn sie werden doch ein paar Wochen brauchen, um sich an den Gedanken zu gewöhnen und ihre Vorbereitung zu treffen."
Er nahm auf dem vor dem Schreibtisch stehenden Sessel Platz, legte einen Bogen Briefpapier auf die Schreibmappe und füllte denselben schnell mit seinen großen characteristischen Schriftzügen.
Amtsrath Wenzel hatte zwei Cousinen, Töchter eines Bruders seines Vaters, die nur wenige Jahre jünger waren als er selbst und in Stettin einen gemeinschaftlichen Haushalt führten. Elisabeth, die jüngere der beiden Schwestern, war unvecheirathet, Felicitas schon seit mehreren Jahren Wittwe und Mutter von zwei Söhnen, die gleich dem Vater Beamte geworden und bereits verheirathet waren. Die einzige Tochter bekleidete die Stelle einer Gouvernante in einer vornehmen Familie in Rußland.
Die Damen lebten in bescheidenen Verhältnissen und waren dem vermögenden Vetter für manche Freundlichkeit verpflichtet,- er hätte daher kaum wohl fürchten dürfen, eine Fehlbitte zu thun, selbst wenn der Vorschlag, mit dem er an sie herantreten wollte, weniger Annehmlichkeiten für sie geboten hätte als dies thatsächlich der Fall war.
Wenzel forderte sie auf, für mehrere Monate ihre Häuslichkeit aufzugeben. Frau Felicias Münter sollte ihm in Waldhof Gesellschaft leisten, Elisabeth Wenzel Meta nach Cannes begleiten.
„Meta hat Elisabeth immer gern gehabt, sie ist liebenswürdig und sorgsam, und ich könnte keine bessere Wahl treffen, und sie wird glücklich sein, eine solche Reise machen zu können," sagte er, lehnte sich in seinen Lehnstuhl zurück und stellte sich lächelnd vor, welche Erregung das Eintreffen dieses Briefes bei dem still und einförmig dahinlebenden Schwesternpaar Hervorrufen würde.
VIII
Der Amtsrath hatte das Schreiben soeben in ein Couvert gesteckt und es mit der Aufschrift versehen, als sich ein starkes Pochen an der Thür vernehmen ließ.
„Herein!" rief Amtsrath Wenzel, nicht gerade freundlich und ermuthigend.
Er liebte es nicht, daß Fremde, welche ihn aufsuchten, sich durch Klopfen ankündigten, sondern hielt darauf, daß sie sich in formeller Weise durch den Diener anmelden ließen.
Seine Stirn erheiterte sich auch nicht, als die Thür sich nun öffnete und Amtmann Göbener auf der Schwelle erschien. Nichtsdestoweniger stand er auf und ging dem Eintretenden ein paar Schritte entgegen.
Göbener war in seiner Art elegant gekleidet, hatte einen langen blauen Tuchrock an, blankgewichste Stiefel und war glatt rasirt, die wildledernen Handschuhe hielt er mit dem schwarzen niedrigen Filzhut in den Händen.
„Guten Tag, mein verehrter Herr Amtsrath," sagte er mit einer sehr höflichen Verbeugung. „Ich komme hoffentlich nicht ungelegen, störe Sie nicht in wichtigen Geschäften."
„Durchaus nicht," erwiderte Wenzel, seine Hand nur leicht in die ausgestreckte des Amtmanns legend und sogleich wieder zurückziehend. „Ich bin nur überrascht durch Ihr plötzliches Erscheinen, habe keinen Wagen auf den Schloßhof fahren hören und zu Fuß können Sie doch von Rapshagen nicht gekommen sein."
„Hä, hä!" lachte Göbener, „nein, das brächte ich allerdings jetzt nicht mehr fertig, das schafften die alten Beine doch nicht mehr, wenn sie auch noch leidlich im Stande sind."
„Sie erlauben, Herr Amtsrath," schaltete er, Hut und Handschuhe auf den nächsten Stuhl legend, ein, und


